07.09.2021 - 18:30 Uhr
Deutschland & Welt

Ballett-Ikone John Neumeier:" Ich kann es mir gar nicht leisten, pessimistisch zu sein"

Mit „Ghost Light – ein Ballett in Corona-Zeiten" ist John Neumeier Einzigartiges gelungen.Im Interview spricht er über das Projekt, das jetzt mit dem Opus Klassik ausgezeichnet wird, die Zukunft und seine Freundschaft mit Königin Margrethe.

John Neumeier, Ballettdirektor, Chefchoreograf und Intendant des HAMBURG BALLETT
von Anke SchäferProfil

ONETZ: Herr Neumeier, die kommende Saison haben Sie unter das Motto „Zurück in die Zukunft“ gestellt. Wie optimistisch sind Sie, dass es nicht doch ein Zurück in die Lockdown-Vergangenheit wird?



John Neumeier: Ich habe seit Beginn der Pandemie stets einen optimistischen Standpunkt eingenommen. Vorsichtig zwar, aber immer auf der Suche nach Lösungen, wie das Hamburg Ballett und auch unsere Ballettschule weiterarbeiten könnten. Damit der notwendige Fluss von Schulabgängern, Aspiranten und unserer Ballettcompagnie aufrechterhalten blieb. Ich kann es mir gar nicht leisten, pessimistisch zu sein!

Meine Compagnie ist inzwischen nahezu vollständig geimpft. Daher können wir unser bereits genehmigtes Hygienekonzept weiterführen und endlich wieder einen annähernd normalen Spielplan anbieten.





ONETZ: Vor einem Jahr haben Sie als einer der ganz wenigen dem Pandemie-Aus für die Kultur die Stirn geboten. Woher kam die Kraft für das mutige Projekt „Ghost Light“ – einem Ballett in Corona-Zeiten?



Es ist die Kreativität, die Kunst hervor- und weiterbringt. Wir erarbeiten eine Bewegungstechnik, um uns zu artikulieren und kreative Ausdrucksmöglichkeiten zu erschließen. Insofern war es der kreative Drang, der in mir noch sehr wach und lebendig ist, der mich zu „Ghost Light“ inspirierte.

Als wir Ende April 2020 die Erlaubnis erhielten, wieder im Ballettsaal zu trainieren, war das nur mit sechs oder sieben Tänzern auf einmal möglich. Ich habe alle zehn Trainings des Tages beobachtet und war so beeindruckt von der Disziplin und Hingabe der Tänzer, dass ich beschloss, in diesem ungewöhnlichen, stark eingeschränkten Rahmen eine Kreation zu wagen. So ist die Idee zu „Ghost Light“ entstanden: Ein Ballett, das zunächst in Fragmenten mit jeweils kleinen Gruppen entstand, bevor es sehr viel später ein Ganzes wurde.

Die kreative Arbeit in diesem gemeinschaftlich erlebten Raum war für mich sehr wichtig. Dieses Ballett ist ein Symbol: Wie das traditionelle Ghost Light in den amerikanischen Theatern brennt es die ganze Nacht – bis sich die Bühne wieder mit Leben füllt.







ONETZ: Welche Rolle spielte Schuberts Klaviermusik bei der Konzeption?



Zunächst eine unbewusste. Mein Partner hatte mir eine CD von David Fray mit Schuberts „Moments Musicaux“ geschenkt, die ich öfters alleine abends anhörte. In dem Moment, als ich die vielen Trainings beobachtete, erkannte ich in dieser Soloklaviermusik eine pragmatische Möglichkeit, Tanz mit Live-Musik zu verbinden – in einer Zeit, als selbst Aufführungen mit Kammermusikensembles in weiter Ferne schienen.

Es war eine spontane Entscheidung, die aber sehr weit getragen hat. Die Aufnahmen von David haben mich stets inspiriert. Daher war ich froh, dass er in Baden-Baden und später in Hamburg mit uns aufgetreten ist und wir sogar gemeinsam eine DVD einspielen konnten.





ONETZ: Wenn Sie auf Ihre lange Karriere zurückblicken, wo ordnen Sie dann den Moment ein, als Sie in diesem Jahr endlich wieder vor echtes Publikum treten konnten?



Das war am 29. Mai, als ich unser Publikum zur Uraufführung von „Beethoven-Projekt II“ begrüßte. Wir hatten das Ballett bis zur Generalprobe am 4. Dezember vorbereitet und dann die Uraufführung siebenmal verschieben müssen. Als das Publikum nach sieben langen Monaten ohne Ballettaufführungen zum ersten Mal wieder in die Hamburgische Staatsoper kam, war das für mich mit enormen Emotionen verbunden!

Man muss bedenken: „Beethoven-Projekt II“ ist seit der Generalprobe nicht stehengeblieben. Bis zur Uraufführung habe ich immer wieder daran gearbeitet. Es war hochinteressant, dieses an sich fertige Werk mehrfach auseinanderzunehmen, um es an meine veränderten Gedanken und Gefühle anzupassen.





ONETZ: Und mal eine ganz andere Frage: Mit Königin Margrethe II. von Dänemark verbindet Sie eine langjährige Freundschaft. Was schätzen Sie aneinander besonders?



Wir haben uns durch die Kunst kennengelernt. Königin Margrethe ist selbst Künstlerin. Sie malt und zeichnet – und sie ist ein Ballettfan. Das erste Ballett, das sie von mir gesehen hat, war „Romeo und Julia“. Ich glaube, es ist eines ihrer Lieblingswerke.

Was uns verbindet, sind viele Gespräche über die Kunst. Die Königin hat aber auch einen wunderbaren Humor. Jede Begegnung mit ihr hat einen besonderen Platz in meiner Erinnerung.





ONETZ: Zum Schluss aber wieder zurück zur Zukunft: Was wünschen Sie sich für die anstehende Saison und was steht im Mittelpunkt Ihrer Planungen für die darüber hinaus gehende Zeit?



Ich wünsche mir, dass alle unsere Pläne in Erfüllung gehen. Dass wir eine neue Fassung von „Sylvia“ zeigen, dass wir neue Gedanken und Choreografien zu einem Werk finden, das ich 1978 konzipiert hatte – „Dornröschen“. Es ist eine riesige Produktion, für die ich vermutlich zum ersten Mal unsere Ballettschule in eine Produktion des Hamburg Ballett mit hineinnehme. Dazu wünsche ich mir, dass „The Winter’s Tale“ von Christopher Wheeldon, auf das wir seit zwei Jahren warten, endlich zur Eröffnung unserer Ballett-Tage 2022 nach Hamburg kommt.

Für meine 50. Spielzeit als Chef des Hamburg Ballett – es wird meine letzte sein als Intendant – plane ich einen Rückblick auf zahlreiche Produktionen, die in dieser langen Amtszeit entstanden sind. Ich bin selbst gespannt, was wir alles zeigen können.

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Amberg
HINTERGRUND:

Zu Person und "Ghost Light"

  • John Neumeier,geboren 1939 in Milwaukee/USA, Tänzer, Choreograf, ist seit 1973 Ballettdirektor und Chefchoreograf des HAMBURG BALLETT, seit 1996 dessen Intendant. Als international gefragter Gastchoreograf ist er weltweit anerkannt.
  • 1963 wurde er als Tänzer in London entdeckt, nach einem ersten Engagement beim Stuttgart Ballett wurde er 1969 Ballettdirektor in Frankfurt, 1973 holte August Everding ihn nach Hamburg, 1978 gründete er dort die Ballettschule des HAMBURG BALLETT
  • zahlreiche hohe und höchste Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz, die Medaille für Kunst und Wissenschaft des Senats (Hamburgs höchste kulturelle Auszeichnung), der Prix Nijinsky für sein Lebenswerk (Monte-Carlo, Prinzessin Caroline von Hannover). Er trägt u.a. den Titel "Chevalier des Arts et des Lettres"und ist Ritter der Ehrenlegion.
  • der Titel "Ghost Light" nimmt Bezug auf eine amerikanische Theatertradition: Nach Proben oder Aufführungen wird ein Metallständer mit einer Glühbirne mitten auf die Bühne gestellt. Das Licht zeigt an, dass kein Künstler die Bühne nutzen darf und brennt die ganze Nacht, bis wieder Leben auf der Bühne einkehrt.
  • in die Produktion waren alle 60 Tänzerinnen und Tänzer des HAMBUG BALLETT einbezogen. Als "Ballett in Corona-Zeiten" werden die unterschiedlichen Miniaturszenen zu Franz Schuberts Kompositionen für Klavier solo immer mit Corona-konformen Abstand getanzt, die Pas de deux sind ausschließlich mit Lebenspartnern besetzt.
  • die Uraufführung fand im September 2020 an der Hamburgischen Staatsoper statt
  • "Ghost Light"wird im Oktober mit dem Opus Klassik 2021 in der Kategorie "Innovatives Konzert" ausgezeichnet und wurde aktuell in der Kritiker-Umfrage der Zeitschrift "tanz" zur "Produktion des Jahres" gekürt
  • DVD und Blu-ray "Ghost Light - by John Neumeier" mit HAMBURG BALLETT und Star-Pianist David Fray, Aufzeichnung aus dem Festspielhaus Baden-Baden, ist im März 2021 erschienen und u.a. über den Online-Shop des HAMBURG BALLETT erhältlich.

YouTube-Trailer "Ghost Light"

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