Das Happy Rock: Eine Wonne von Sündenpfuhl

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Wenn es eine Liste der Oberpfälzer Originale gäbe, dann müsste es darin vorkommen: das Happy Rock an der Bundesstraße 85. Draußen bei Kropfersricht steht mehr als ein Tanztempel. Diese Disko war Generationen von Jugendlichen ein Wohnzimmer.

Hedwig Müller ist und bleibt die Chefin des Happy Rock - mit 94 Jahren.
von Uli Piehler Kontakt Profil

Das war er also, der Sündenpfuhl, vor dem uns unsere Eltern immer gewarnt hatten. Ein schlichtes dreistöckiges Haus an der Bundesstraße 85 mit einem Holzverschlag als Foyer. Über alle Etagen verteilt schummrige Schlupfwinkel. Nischen, in die nur ab und zu ein roter Scheinwerfer blitzte. Und drinnen, in diesen Ecken, saßen vornehmlich mittwochs und samstags junge Leute, lachten, beobachteten sich gegenseitig, taten ein bisschen verträumt und knutschten manchmal sogar. In der Mitte eine Tanzfläche, auf der sich die in der Schule so schüchternen Mädels aus der 11. Klasse in Ekstase zuckten, oben ein Wirtshaus, in dem nachts um 3 Uhr immer noch Schnitzel in Schwammerlsoße dampften. Und unten im Keller ein Saal mit überdimensionalen Ohrensesseln und einer Barkeeperin, die mit der Wasserpistole spritzte, wenn sich wieder mal wer auf die Kante eines Billard-Tisches setzte. Eine Wonne von Sündenpfuhl. Der ideale Ort, um die abenteuerlichsten Nächte der Jugend zu verbringen.

94-jährige Chefin

Woher kam diese magische Anziehungskraft, die in den vergangenen vier Jahrzehnten die Jugendlichen aus der ganzen Region ins Happy Rock am Stadtrand von Sulzbach-Rosenberg lockte? Vielleicht davon, dass dieses ehrenwerte Haus von einer Frau geführt wurde und bis heute wird, die schon vor 30 Jahren Kultstatus hatte: Hedwig Müller, mittlerweile 94 Jahre alt und immer noch Chefin dieses ihres Lebenswerks. 1986 hat sie die Disko in dem ehemaligen Firmengebäude eröffnet. Zwar sagte sie in einem Interview mit Oberpfalz-Medien 2019: "Ich geh nicht mehr so oft in die Disko." Die Fäden hält die Grande Dame der nächtlichen Subkultur im Amberg-Sulzbacher Land aber trotzdem noch in der Hand, passt genau auf, was ihre Geschäftsführer alles so anstellen. Ihre Hände übrigens braucht sie nicht nur zum Fädenhalten, sondern auch für eine Aufgabe, die ihr zuletzt immer wichtiger geworden ist: Bis zur Corona-Pandemie spielte sie immer mittwochs die Orgel zur Abendmesse in der Vilsecker Pfarrkirche St. Ägidius. Die Kirchenmusik zieht sie mittlerweile dem Diskotrubel vor, um ihre Hörkraft nicht zu verlieren, wie sie erklärte. "Die Jungen", warnte die 94-Jährige, "die kriegen alle mal Probleme mit dem Hören".

Hedwig Müller ist Deutschlands älteste Disco-Queen

Vilseck

In den 1990er Jahren gab es ordentlich was auf die Ohren. Wenn zum Beispiel Alex Beck samstags am DJ-Pult stand. "I'm a loser baby, so why don't you kill me?", schallte es dann nach draußen bis auf den holzbeplankten Autoparkplatz. Und so sicher wie das Amen in der Kirche musste im Happy Rock "Where the Streets Have No Name" von U2 gespielt werden. Der Song steht ja irgendwie sinnbildlich für diese Disco, deren Einfahrt sich ständig von vorbeirauschenden Lastwagen anspritzen lassen muss, dahinter nur das kleine Sträßchen durch den Wald nach Stifterslohe. "All you Zombies" von den Hooters war die inoffizielle Hymne des Hauses. Oft dröhnte sie schon aus den Boxen, wenn die Nacht jung war und sich noch gar keiner auf die Tanzfläche getraut hatte. Manchmal auch frühmorgens, wenn schon die Sonne aufging und die letzten Nachtschwärmer an der Theke lehnten. Immer dabei: Hedwig Müller.

Die Top-Hits im Happy Rock

Eine weitere Frau sorgte viele Jahre dafür, dass das Happy Rock für Scharen von Jugendlichen so eine Art Wohnzimmer war: Lisbeth Mignon. Sie war die Herrin über Billard-Tische und Spielautomaten im Untergeschoss der Disko. Von der Theke aus spritzte sie mit der Wasserpistole durch den Saal, wenn ihr nicht gefiel, was sich in dem Getümmel gerade abspielte. Meistens war das nichts Schlimmes: aschern auf den Fußboden gehörte dazu (damals durfte man drinnen noch rauchen!) oder den Essenaufzug blockieren. Sie - unten im Keller - und Hedwig Müller - oben in der Küche - waren über Jahre Dreh- und Angelpunkte der Disko.

Barfrau in Leopardenhose

Lisbeth, die resolute Barfrau mit der Leopardenhose und den goldenen Ketten um den Hals, führte ein Gästebuch, in dem sich Generationen von Happy-Rock-Gängern verewigten. Hinter ihr an der Wand hing eine riesige Foto-Collage mit Passbildern ihrer Stammgäste. Sie gehörte zum Inventar des Schuppens, genauso, wie die große Glocke, die an einem wuchtigen Holzbalken aufgehängt ist. Während Lisbeth im Keller mit der Wasserpistole hantierte, spielte Hedwig oben im Wirtshaus mit den Gästen Schach. Oft sind die Leute nur gekommen, um mit ihr zu spielen. "So etwas vergisst man nicht", sagte sie im Zeitungsinterview. Und sie dachte zurück an viele Weihnachtsfeiertage - stets die hohe Zeit des Happy Rocks, wenn sich jedes Jahr zu selben Zeit all die längst weggezogenen Ex-Discogänger wieder in ihrem einstigen Wohlfühl-Lokal getroffen haben. "Das war für mich die schönste Zeit im Jahr", bekannte die Disco-Chefin.

Das Happy Rock ist scheinbar nicht totzukriegen. 2015, nach fast 30-jähriger Betriebszeit, musste es wegen baulicher Mängel schließen. Der Brandschutz entsprach nicht mehr den Vorschriften, die technische Umsetzung erwies sich als schwierig. Aber Hedwig Müller ließ nicht locker. Obwohl ihr viele das Ende prophezeit hatten, eröffnete die damals 91-Jährige die Disco 2018 wieder. Sie ist immer noch offiziell Geschäftsführerin. Und wie eh und je strömen die Jugendlichen an diesen besonderen Ort "Where the Streets Have No Name" am Stadtrand von Sulzbach-Rosenberg, zwischen Kropfersricht und Stifterslohe.

Im August 2018 öffnete das Happy Rock wieder

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