AfD-Corona-Veranstaltung in Weiden: "Bürgerdialog" als Selbstgespräch

Die AfD lädt zum Bürgerdialog in die Weidener Max-Reger-Halle, es soll um das Coronavirus gehen. Auch wenn dieses "Lieblingsthema" der Partei noch ziemlich neu ist, der Ablauf und die Argumente an diesem Abend klingen doch recht bekannt.

von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Am überraschendsten ist das Lob für Weidens Stadtverwaltung. AfD-Bundestagsabgeordneter Tobias Peterka dankt am Freitagabend zu Beginn des "Bürgerdialogs aktuelle Lage Corona" der AfD in der Max-Reger-Halle für die gute Zusammenarbeit bei der Überlassung der Halle. In Regensburg oder Würzburg habe es wesentlich weniger Entgegenkommen gegeben.

Etwa 70 Gegendemonstranten meinten es kurz davor nicht so gut mit der Veranstaltung. Abgesehen von einigen Wortwechseln mit Zuhörern auf dem Weg in die Halle gab es keine Zwischenfälle. Die Polizei äußerte sich zum Verlauf der Demo auf Nachfrage zufrieden.

AfD warnt schon im Februar

Nach dem Dankeschön an die Stadt war es in der Halle mit den Überraschungen vorbei. Der Bayreuther Peterka und seine Bundestagskollegen Wolfgang Wiehle aus München und Martin Sichert aus Nürnberg präsentierten den gut 50 Zuhörern im Gustl-Lang-Saal in drei Vorträgen ein "Best-of" der Anti-Corona-Argumente des vergangenen halben Jahres. Betont unaufgeregt wies Peterka darauf hin, dass die Pandemie noch im Februar unterschätzt worden sei. Die AfD sei es gewesen, die erfolglos Corona-Tests für Chinareisende gefordert habe. Danach habe die Regierung völlig überreagiert.

Wolfgang Wiehle spricht dann über die wirtschaftlichen Folgen des Lockdowns, Sozialpolitiker Sichert über die sozialen. "Der Lockdown ist schlimmer als das Virus", auf diesen Nenner lassen sich die in rund einer Stunde vorgebrachten Argumente zusammenfassen.

Weil hinter dem Abend aber die AfD steht, bietet diese Stunde und der nach einer Pause folgende Austausch mit den Zuschauern eben doch mehr - manchmal offen ausgesprochen manchmal nur vielsagend angedeutet: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder habe den harten Lockdown nur veranlasst, um sich für die Kanzlerkandidatur in Position zu bringen, "weiß" Wiehle. Das RKI erhöhe die Zahl der Coronatests, um mehr falsch-positive Testergebnisse zu erreichen und die Pandemie so größer wirken zu lassen, trägt Sichert bei. Und der frühere bayerische Landesvorsitzende kann auch einen "Beweis" für die Ungefährlichkeit des Virus präsentieren. Im Bundestag waren die Abgeordneten laut Sichert bis vor wenigen Wochen meist noch ohne Masken unterwegs. "Wenn sich die größten Schisser, die wir in Deutschland haben, im Bundestag, nicht schützen, dann kann es nicht so schlimm sein."

Diese Unterstellung schwingt bei allen drei Rednern immer mit. Die Entscheider in Bundes- und Landesregierung machen keine Fehler, weil sie in einer unübersichtlichen Situation ohne eindeutige Informationen schnelle Entscheidungen treffen müssen. Im Gegenteil: Folgt man den drei AfD-Politikern, sitzen in den Regierungen nur geniale Strategen, die keine Fehler machen, sondern ganz bewusst und vorsätzlich Entscheidungen treffen. Entscheidungen, die "den Deutschen" schaden sollen. Um das zu untermauern, ist dann jedes Argument recht. Dass sich diese Argumente häufig gegenseitig widersprechen, stört die Redner in keiner Weise.

Die Zuhörer auch nicht. Im corona-gemäß ziemlich luftig bestuhlten Saal ist die AfD ohnehin größtenteils unter sich, denn auch auf den Zuhörerstühlen sitzen vor allem einschlägig bekannte Gesichter. Wer fehlt, sind andere Stammgäste der Weidener Hygiene-Demos. Die Corona-Zweifler aus der grün-esoterischen Szene sind an diesem Abend nicht in die Max-Reger-Halle gekommen. Sollte es Ziel der AfD gewesen sein, mit dem Bürgerdialog Kontakt zu neuen Gruppen zu knüpfen, ist dieser Versuch zumindest am Freitagabend in Weiden gescheitert.

Zeit für die Klassiker

Das stört Redner und Zuhörer eher nicht. Gut einstudiert und zügig getaktet wird das Programm abgespult. Und weil Corona alleine dann doch nicht genug Stoff für eine ganze Stunde Vortrag hergibt, bleibt Zeit für einige Klassiker aus dem AfD-Parteiprogramm: etwa die Klimapolitik in Deutschland, die die Autoindustrie zerstört, oder die Europapolitik, die dem Land Milliarden Euro kostet.

Und natürlich ist auch genug Raum für Kritik an den Medien übrig, die die Deutschen einfach nicht selbstständig denken lassen wollen. Was die drei Redner am Freitag dagegen unterlassen, ist der sonst oft bemühte sehnsüchtige Blick auf die Politik in Nachbarländern wie Tschechien, Polen oder Österreich. Vielleicht, weil die Coronapolitik dort teils viel strenger daherkam?

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Manfred Schiller

Vielen Dank für diesen Artikel. Hätten Sie nicht Ihre persönliche Meinung in den Artikel mit verpackt, wäre der Leser gezwungen gewesen, sich selbst eine zu bilden. Der Trend zum Verzicht auf neutralen Journalismus vereinfacht das Leben ungemein.

26.09.2020