Wohnungslos in Zeiten von Corona

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Die kalte Jahreszeit ist für Menschen ohne Obdach eine große Herausforderung. In diesem Winter kommt noch "Corona" dazu. Was das für Folgen hat, erklärt die Weidener Sozialarbeiterin Ursula Barrois.

Im Winter haben Obdachlose es besonders schwer, Corona verschlimmert die Lage zusätzlich. Szenen wie diese gibt es allerdings fast nur in großen Städten, in der ländlichen Oberpfalz kommen wohnungslose Menschen zumeist in Notunterkünften unter.
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Ende der 1970er Jahre rief Ursula Barrois in Weiden den gemeinnützigen Verein "Die Initiative" ins Leben, den sie seitdem leitet. Ein wichtiges Aufgabengebiet ist die Betreuung von Menschen, die keine Wohnung haben. Denn den "klassischen" Obdachlosen, der das ganze Jahr völlig auf sich gestellt im Freien lebt, gebe es in der ländlichen Oberpfalz nicht: "Das ist eher ein Problem der großen Städte", sagt Barrois.

Ständig neue Bewertungen

Die Coronakrise hat die ohnehin nicht einfache Arbeit nochmals komplizierter gemacht. Die Anforderungen seien gestiegen: "Jede Woche, teils sogar täglich, ändern sich die Bewertungen." Barrois und ihre Mitstreiter müssten nun jeden Einzelfall besonders sorgfältig prüfen, "zum Schutz aller". Teilweise laufe die Betreuung daher momentan über Telefon oder Videochat. "Unsere Arbeit erfordert es aber, dass wir auch weiterhin rausgehen. Die Menschen, um die wir uns kümmern, brauchen den persönlichen Kontakt und melden sich nur sehr selten von selber bei uns."

In solchen einfachen Baracken in der Weidner "Schustermooslohe" leben Wohnungslose.

Unterkunft im Weidener Obdachlosenheim menschenunwürdig

Weiden in der Oberpfalz

Deshalb fährt Ursula Barrois immer noch zu den Notunterkünften und -wohnungen, um dort nach dem Rechten zu sehen. Aber sie betont: "Ich habe schon ein Gespür für die Gefährdung." Blauäugig gehe niemand von den Betreuern die Aufgaben an, die sich im Augenblick auf die Aufrechterhaltung der Grundversorgung beschränken müssten. "Kleidung, Essen, Wärme und ein Dach über dem Kopf, dafür müssen wir sorgen."

Belegdichte geringer

Die Stadt Weiden hat aufgrund der Infektionsgefahr die Belegdichte in der Notunterkunft "Schustermooslohe" verringert, derzeit dürfen die Baracken aus den 1930er Jahren nur einzeln bewohnt werden. Überall gebe es Aushänge zu den Quarantänemaßnahmen, man verteile Masken und im Gemeinschaftsgebäude sei ein Schutz aus Plexiglas montiert worden. Doch Barrois schränkt ein: "Nur mit Sanktionen und Kontrolle zu arbeiten, macht bei dieser Menschengruppe keinen Sinn." Man könne zum Beispiel nicht erwarten, dass wirklich jeder Bewohner der Notunterkunft stets einen Mund-Nasen-Schutz trägt. "Das läuft so nicht, ist aber auch nicht wichtig - bislang hat es noch keinen einzigen Coronafall in der Schustermooslohe gegeben."

Im Winter, sagt Barrois, igelten sich die Menschen nämlich ohnehin eher ein, "und das ist bei Corona natürlich sehr hilfreich. Im Großen und Ganzen regeln die Leute in der Notunterkunft das gut miteinander, zum Beispiel geht jetzt einer für alle einkaufen. Die Menschen versuchen das, was sie hören, im Alltag umzusetzen, in ihrer ganz eigenen Art."

"Unsere Arbeit erfordert es, dass wir auch weiterhin rausgehen. Die Menschen, um die wir uns kümmern, brauchen den persönlichen Kontakt und melden sich nur sehr selten von selber bei uns."


Ursula Barrois, Vorsitzende des Vereins "Die Initiative" in Weiden

Not schweißt zusammen

Ursula Barrois weist auf einen besonderen Aspekt hin: "Menschen, die dauerhaft in einer Krisensituation leben, haben ganz andere Ressourcen. In allgemeinen Krisenzeiten ist das gut, denn die Menschen haben gelernt, auch dann ihre Bedürfnisse zu erfüllen." Obwohl es in der Notunterkunft natürlich immer wieder Konflikte gebe, bilde man doch eine Notgemeinschaft: "In Notzeiten steht man zusammen."

Die Wohnungslosen könnten in einer Welt abseits der Gesellschaft gut überleben - "doch wir wollen ihnen ja einen Weg zurück in die Gesellschaft ermöglichen. Und das ist momentan sehr erschwert." In Weiden laufe die Wohnungslosenarbeit dabei sehr gut, betont Barrois. "Wenn wir ganz Deutschland anschauen, sieht ist die Lage allerdings anders aus. Einrichtungen, Wärmestuben, Suppenküchen haben geschlossen, es ist eine Katastrophe."

Hintergrund:

Wohnungslosigkeit in Deutschland

Die folgenden Zahlen hat die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) für das Jahr 2018 ermittelt. In den Zahlen fehlen die Daten von wohnungslosen Geflüchteten.

  • Circa 41 000 Menschen leben im Laufe eines Jahres in Deutschland ohne jede Unterkunft auf der Straße.
  • Circa 166 000 (70%) der wohnungslosen Menschen sind alleinstehend.
  • 71 000 (30%) leben mit Partnern und/oder Kindern zusammen.
  • Die BAG W schätzt die Zahl der Kinder und minderjährigen Jugendlichen an den Wohnungslosen auf 8 Prozent (19 000 Personen), die der Erwachsenen dementsprechend auf 92 Prozent (218 000 Personen).
  • Der Anteil der erwachsenen Männer liegt bei 73 Prozent (159 000 Personen), der Frauenanteil bei 27 Prozent (59 000 Personen).
  • Circa 17 Prozent der Wohnungslosen sind EU-Bürger; das sind etwa 40 000 Menschen. Viele dieser Menschen leben ohne jede Unterkunft auf der Straße.

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