19.10.2021 - 15:01 Uhr
AmbergOberpfalz

Warum ein 27-Jähriger lieber im Amberger Gefängnis bleiben will

So etwas erleben auch Richter selten. Einem in Haft sitzenden Mann wird die Chance zur längerfristigen Alkoholtherapie angeboten. Doch der 27-Jährige lehnt ab. Er will im Gefängnis bleiben und dort eine Handwerkerlehre zu Ende bringen.

Ein 27-Jähriger will im Gefängnis bleiben und dort seine Lehre beenden.
von Autor HWOProfil

Der junge Mann neigt zu Gewalttätigkeiten. Im September 2020 schlug er auf dem Amberger Marktplatz auf einen Passanten ein und brachte seinem Opfer eine Gehirnerschütterung bei. Wenige Tage später kam es in Sulzbach-Rosenberg zu weiteren Übergriffen. Der 27-Jährige verletzte durch Schläge eine Frau, kehrte abends noch einmal in deren Wohnung zurück und versetzte ihr erneut Hiebe.

Neben diesen Körperverletzungen gab es eine weitere, von Staatsanwalt Johannes Weiß erhobene, Anklage. Sie lautete auf versuchte Nötigung und bezog sich auf Drohungen, die der Beschuldigte in Amberg gegenüber einem Mann von sich gegeben hatte, den er offenbar verdächtigte, sich seiner Freundin genähert zu haben.

Seit längerem Alkoholprobleme

Nicht lange danach war der 27-Jährige in Strafhaft genommen worden. Polizeibeamte führten ihn nun der Amtsrichterin Michaela Frauendorfer vor, die alle Unterlagen sorgefältig gelesen und dabei festgestellt hatte, dass den Amberger seit längerer Zeit ein Alkoholproblem begleitet. Aus dieser Erkenntnis resultierte ein Vorschlag. "Wir könnten Gutachter beauftragen", ließ die Richterin zu Prozessbeginn vernehmen und führte dem Angeklagten vor Augen, dass aus einer solchen Expertise mit größerer Wahrscheinlichkeit ein Wechsel aus der Haftzelle in die Fachklinik resultieren könne.

Dieses Angebot hätten viele andere sofort akzeptiert. Doch der 27-Jährige lehnte ab. Mit einer ungewöhnlichen Begründung. Nach zwei in der Vergangenheit abgebrochenen Berufsausbildungen hat der junge Mann zwischenzeitlich in der Justizvollzugsanstalt damit beginnen, eine Handwerkerlehre zu absolvieren. "Und die", erfuhr die Richterin, "will ich jetzt bis zum Abschluss machen."

Urteil: Sechs Monate Haft

Aus diesen Feststellungen resultierte: Ein Gutachten rückte in den Hintergrund, stattdessen wurde die Beweisaufnahme zu den Straftaten eingeleitet. Sie endete mit einem Schuldspruch und sechs Monaten Haft.

Diese Strafe wird an den momentanen Gefängnisaufenthalt, der erst im kommenden Jahr geendet hätte, angehängt. Ob dann die Berufsausbildung zu einem Ende gebracht ist, wird sich zeigen müssen. Erstaunlich allerdings war die Entscheidung des jungen Mannes allemal.

Schwandorf
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