08.04.2020 - 13:59 Uhr
AmbergOberpfalz

Vor 75 Jahren: Bomben fallen auf das Heereszeugamt

286 Mal warnten Sirenen die Amberger während des Zweiten Weltkriegs vor Fliegerangriffen. Lange Zeit blieb die Stadt vor größeren Schäden verschont. Das änderte sich im April 1945.

von Externer BeitragProfil

Vor allem wegen der Kasernen und der Luitpoldhütte, die damals Teil der „Hermann-Göring-Werke“ war, galt Amberg als "luftempfindliche Stadt". Feuerwehr und Technische Nothilfe halfen aber vor allem in Nachbarstädten bei der Beseitigung von Schäden durch Bomben, und die Polizei wurde für Evakuierungsmaßnahmen nach München abkommandiert.

Beginnend am 1. April 1945, warfen dann fast jede Nacht feindliche Flugzeuge über dem Heereszeugamt und über der Luitpoldhütte sogenannte „Christbäume“ - Leuchtmunition, die Ziele markieren sollte - ab. Viele Einwohner bevorzugten bei Fliegeralarm statt der Luftschutzkeller den Wald oder Gartenhäuser auf dem Maria-Hilf-Berg. Oft hielten sie sich über mehrere Tage dort auf. Jugendlichen, die befürchteten, noch zum Dienst an der Waffe eingezogen zu werden, dienten solche Unterkünfte auch als Versteck.

Seitens der NSDAP-Kreisleitung war die geheime Weisung ergangen, dass die Stadt im Fall eines Einmarsches amerikanischer Truppen verteidigt werden müsse und das Hissen weißer Fahnen verboten sei. Zuwiderhandelnde seien vor ein SS-Standgericht zu stellen. Amerikanische Jagdflugzeuge warfen über dem Flugplatz Schafhof Bomben ab und setzten Bordwaffen ein. An Bord eines von drei notgelandeten oder abgeschossenen alliierten Flugzeuge befand sich eine Karte mit dem deutlich markiertem Heereszeugamt.

Zwei Luftabwehrposten, ausgestattet mit Maschinengewehren 08/15, sollten die Stadt sichern. Ein Posten befand sich auf dem Gelände der Baumann-Villa (Raigeringer Höhe), der zweite auf dem Dach der Gaststätte Maximilian in der Vilsstraße. Die Flak-Stellung auf dem Erzberg war nicht mehr besetzt.

Nachdem am 9. April auf den um 7.25 Uhr ausgelösten Voralarm „Luftgefahr“ um 8.59 Uhr der Fliegeralarm folgte, flohen die Menschen aus dem Heereszeugamt und der Kaserne in die Luftschutzbunker und -gräben. Um 9.15 Uhr wurde Amberg von 40 Bombern überflogen. Die ersten beiden Wellen trugen Sprengbomben, die sie - beginnend in Kümmersbruck - über dem Heereszeugamt, der Leopoldkaserne bis hin zum Schießstätteweg abwarfen. Die dritte Welle kam mit Spreng- und Brandbomben. Nach dem Angriff war das Heereszeugamt ein Trümmerfeld, auf dem ein Flächenbrand wütete.

Im Heereszeugamt explodierte die in Baracken und in Massivbauten gelagerte Munition. Die Angaben über die Zahl der Toten – Kriegsgefangene waren nirgendwo registriert worden – schwanken zwischen 150 und 200. Darunter befanden sich etwa 50 Deutsche, meist Zivilangestellte.

Gegen 9.30 Uhr bat ein erster Anrufer aus dem Heereszeugamt bei der Luftschutz-Befehlsstelle der Stadt um die Entsendung der städtischen Feuerwehr. Da die Einrichtung über eine eigene, gut ausgerüstete Feuerwehr verfügte, zögerten die Kräfte der Stadt mit ihrem Einsatz. Erst nach dem dritten Anruf um 9.45 Uhr rückten sie mit zwei Fahrzeugen aus.

Eines davon hielt vor dem Haupteingang der Kaserne. Besetzt war es mit dem Einsatzleiter, dem Fahrer und zehn Angehörigen der HJ-Feuerwehrschar. Sie versuchten, hinter der Straßenböschung gegenüber dem Kasernentor in Deckung zu gehen. Sieben Jungfeuerwehrleute schleuderte der Luftdruck einer Bombe, die das Stabsgebäude getroffen hatte, 30 Meter davon und schüttete sie mit einem halben Meter Erde zu. Für sechs von ihnen - alle zwischen 15 und 16 Jahre alt - gab es keine Rettung. Auch den Einsatzleiter riss die Druckwelle mit sich. Er starb 50 Meter entfernt auf den Schienen.

Das Heereszeugamt existierte nicht mehr. Ein 1995 aufgestellter Gedenkstein gegenüber dem Wachlokal der Kaserne erinnert an das dramatische Geschehen vom 9. April 1945.

„Alarm-Aufzeichnungen“ vom 11. April machen das um sich greifende Chaos deutlich. Sie enthalten drei Mal „Luftgefahr“, vier Mal „Fliegeralarm“ und vier Mal „Vorentwarnung“. Gegen 14.30 Uhr kamen die Flugzeuge im Schrägflug über den Mariahilfberg. Im Bereich Luitpoldhütte/Witzlhof fielen etwa 90 Bomben. Schwere Schäden erlitten die Rohrgießerei und das Zementwerk, die Bahnanlagen, der Bahnhof Luitpoldhütte und die sogenannten „Wagnerhäuser“, die an der Sulzbacher Straße am Ende des damaligen Luitpoldhüttengeländes standen. Unter den etwa 150 Toten befanden sich 14 Belegschaftsmitglieder, etwa 50 russische Kriegsgefangene, zehn Bewacher und zahlreiche Zivilpersonen.

Größer als der unmittelbare Schaden durch den Luftangriff waren für die Luitpoldhütte die Auswirkungen des Stromausfalls, den die Bomben auslösten. Einerseits kam die Arbeit zum Erliegen, schlimmer jedoch war der Stillstand der Pumpen im Bergbau. Nach dem Krieg dauerte es Monate, bis die Grube wieder trocken war.

In der Annahme, dass die amerikanischen Truppen bald einmarschieren, verließen Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter ihre Lager und versteckten sich in den Wäldern. Verbliebene Kriegsgefangene wurden verlegt. Ein solcher Marsch führte an Oberammersricht vorbei in Richtung des heutigen Industriegebiets. Ein Kreuz im Wald erinnert an den Tod eines Gefangenen, der, weil er geschwächt war und nicht mehr gehen konnte, erschossen wurde.

Ein letztes Mal erschien die Amberg-Sulzbacher Zeitung, die seit 7. April als halbes Blatt Heeresberichte vermeldete. Tags zuvor druckte sie Durchhalteparolen: „Eine Nation, die sich so eifrig und so leidenschaftlich einer einzigen großen Aufgabe ergibt, wird siegreich sein ...“

Einen hohen Stellenwert für die deutsche Wehrmacht, wie auch später für die Besatzungstruppen, hatten die Lazarette in Amberg. Neben dem Standort-Lazarett befanden sich Lazarette in der Max-Josef-Schule, dem Mädchenlyzeum, der Oberrealschule (nach Kriegsende Lazarett für die TBC-Kranken), dem Humanistischen Gymnasium, der Luitpoldschule, dem Studienseminar, dem Dreifaltigkeitssaal, der Exerzierhalle in der Kaiser-Wilhelm-Kaserne und in den Schulen in Kümmersbruck und Ensdorf. Bis Kriegende wurden etwa 20000 Verwundete in diesen Lazaretten aufgenommen.

Bei einem Fliegerangriff am 19. April wurden die Baracken des Reichsarbeitsdiensts am Mosacherweg getroffen. Kriegsgefangene mit Verletzungen und Brandwunden flüchteten, nach Brot schreiend, in Richtung Krumbachtal. Bürger, die sich dort vor den Bombern versteckt hatten, führten sie in das Lazarett in der Oberrealschule.

Auf dem Turm der Dreifaltigkeitskirche weht die weiße Fahne:

Das Kriegsende in Amberg

Am 21. April berichteten versprengte deutsche Soldaten, dass sich amerikanische Panzertruppen vom Truppenübungsplatz Grafenwöhr über Vilseck im Anmarsch auf Amberg befänden. Kreisleiter Dr. Kolb soll erklärt haben: „Die Stadt wird verteidigt, und wenn keine Truppen da sind, dann wird sie eben von der Kreisleitung verteidigt!“ Sehr zurückhaltend kamen Gespräche über das Hissen weißer Flaggen auf.

Am 22. April wurde dem örtlichen Luftschutzleiter mitgeteilt, dass die Wehrmachtslager im Heeresverpflegungsamt und Maltesergebäude für die Versorgung der Zivilbevölkerung zugänglich seien. Die Stadt- und Landbevölkerung bediente sich und füllte Kinderwagen, Rucksäcke und alle möglichen anderen Transportmittel.

Amerikanische Spähtrupps, aus Richtung Pursruck kommend, wurden gemeldet. Von Raigering aus verlangten sie in Telefongesprächen mit Bürgermeister Regler die kampflose Übergabe der Stadt. Dr. Kolb, der im Gegensatz zu Regler an der Verteidigung der Stadt festhalten wollte, fuhr gegen 18.30 Uhr in Begleitung von Polizeimeister Stein alkoholisiert dem Spähtrupp entgegen. Auf der Raigeringer Höhe beendeten die Amerikaner mit einem Bauchschuss sein Vorhaben. Zeitgleich hissten mutige Amberger Bürger auf dem Turm der Dreifaltigkeitskirche die weiße Fahne.

Bei einem erneuten Anruf beteuerte Bürgermeister Regler, dass die Stadt nicht verteidigt wird und bat die amerikanischen Streitkräfte, im Interesse der Bevölkerung die Waffen schweigen zu lassen. Um 19.30 Uhr war der gesamte Stab der örtlichen Luftschutzleitung in der Leitstelle im Paulanergebäude versammelt.

Gegen 20.30 Uhr meldete Hilfspolizist Vanicek von der Polizeibeobachtungsstelle auf dem Martinsturm die Annäherung von US-Truppen aus Richtung Bayreuther Straße. Gegen 21 Uhr nahmen Panzer am Englischen Garten und am Marktplatz Aufstellung. Die Stadt war verdunkelt und schien menschenleer. Bürgermeister Regler, der sich in der Luftschutz-Befehlsstelle am Paulanerplatz aufhielt, wurde von der Polizeiwache aus angerufen: Ein amerikanischer Offizier forderte ihn auf, zur Übergabe der Stadt ins Rathaus zu kommen. Schließlich holte ihn eine amerikanische Patrouille aus der Befehlsstelle. In der Paulanergasse schoss ein deutscher Soldaten auf die US-Militärs. Sie erwiderten das Feuer und trafen ihn tödlich. So wurde er zum einzigen Opfer bei der Besetzung Ambergs.

Die formelle Übergabe der Stadt erfolgte jedoch erst am nächsten Morgen. „Ich, der Bürgermeister der Stadt Amberg, übergebe hiermit die Stadt bedingungslos den amerikanischen Truppen“ lautet der Text der Urkunde. Über Lautsprecher forderte Regler die Bevölkerung auf, weiße Fahnen zu hissen und Waffen im Rathaus abzugeben. Die Ausgehzeit der Bewohner wurde auf vier Stunden täglich beschränkt.

Während Amberg am 22. April nur links der Vils besetzt worden war, kamen am 23. April amerikanische Truppen aus Richtung Sulzbach-Rosenberg und nahmen den Rest der Stadt ein. Endlich war der unheilvolle Krieg zumindest für Amberg beendet. Die Trauer um Kriegsopfer, die Ungewissheit nach dem Verbleib der Vermissten und Gefangenen blieb. Hoffnung, Hunger und Hamstern wurden Wegbegleiter bis zur Währungsreform im Juni 1948.

Amberg hatte rund 26.000 Einwohner, hinzu kamen 1946 rund 7500 sogenannte Displaced Persons - Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge - sowie etwa 12000 Evakuierte und Flüchtlinge. Sie alle galt es zu versorgen.

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