16.11.2021 - 18:29 Uhr
AmbergOberpfalz

Mediziner bestürzt über Wucht der vierten Corona-Welle

Lässt die vierte Corona-Welle Bayerns Kliniken kollabieren? Um diese Frage geht es, wenn "Jetzt red i" am Mittwoch live aus Amberg sendet. Doch wie dramatisch ist die Lage wirklich? Zwei Mediziner haben darauf eine Antwort.

Besorgter Blick auf die Intensivstationen: Zwei Mediziner aus der Region, Marc Bigalke aus Amberg, und Privatdozent Dr. Michael Dittmar, die in der Klinik-Koordinierung für den Rettungsdienstbereich Amberg beziehungsweise für die Oberpfalz tätig sind, ordnen die Lage angesichts der vierten Corona-Welle und deren Wucht ein.
von Kristina Sandig Kontakt Profil

„Bayerns Kliniken am Limit: Steht unser Gesundheitssystem vor dem Kollaps?“: Mit dieser Frage befasst sich an diesem Mittwoch das Bayerische Fernsehen in der Diskussionssendung „Jetzt red i“ ab 20.15 Uhr live aus Amberg. Wie ernst die Situation in den Kliniken ist, wissen Marc Bigalke aus Amberg und Privatdozent Dr. Michael Dittmar aus Schwandorf nur zu gut. Ihre Aufgabe: Sie koordinieren Patientenströme, damit Kliniken die akutmedizinische Versorgung von Corona-Erkrankten, aber auch alle anderen Notfälle gewährleisten können. Bigalke tut dies auf Ebene des Zweckverbands für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung Amberg, Dittmar für die Oberpfalz.

Die beiden Anästhesisten sind selbst überrascht von der Wucht der vierten Welle. „Wir sind jetzt, zu Beginn der vierten Welle, fast auf dem Wert, den wir in der zweiten und dritten Welle als Maximalbelegung hatten“, sagt Bigalke und spricht von 80 Prozent der Maximalauslastung. Das liege auch daran, dass im ZRF-Gebiet (Stadt Amberg und die Landkreise Amberg-Sulzbach und Schwandorf) „Patienten in einer nicht unwesentlichen Anzahl“ aus besonders von der Pandemie betroffenen Regierungsbezirken (Nieder- und Oberbayern, Schwaben) aufgenommen worden seien. Wenn sich auch für den hiesigen Bereich abzeichne, was dort schon los sei, „wird es so sein, dass die erste, zweite und dritte Welle zum Aufwärmen waren“. Bigalke nennt die Entwicklung höchst bedenklich.

Auch eine Verlegung von Intensivpatienten sei nicht so einfach zu bewerkstelligen. „Das ist eine hochkomplexe Angelegenheit.“ Eingesetzt werden müsse ein spezieller Intensivtransportwagen. „Der muss aber auch erst einmal frei sein“, erklärt Bigalke. Werde beispielsweise jemand aus Deggendorf hierher verlegt, ist dieses Rettungsmittel durchaus drei bis vier Stunden gebunden. Bigalke weiß, was vergangene Woche in Eggenfelden im Landkreis Rottal-Inn los war: Die Notaufnahme sei über Nacht regelrecht mit Corona-Patienten überrannt worden. „Auch wenn es viele nicht wahrhaben wollen, 99 Prozent dieser Patienten sind nicht geimpft“, sagt Bigalke und scheut sich nicht, von der „Pandemie der Nicht-Geimpften“ zu sprechen.

ECMO keine Überlebensgarantie

Das Coronavirus greift laut Bigalke primär die Lunge an. Die Folge: Aus der Lunge gelangt nicht mehr genügend Sauerstoff ins Blut und in andere Organe. Unbehandelt würde der Betroffene ersticken. Deshalb wird Sauerstoff zugeführt, bei einem leichteren Verlauf über eine Maske. „Das sind Patienten, die zwar im Krankenhaus, aber auf Normalstationen behandelt werden.“ Nächste Stufe ist die invasive Beatmung: Der Patient wird intubiert, seine Lunge wird über einen Beatmungsschlauch mit Sauerstoff versorgt. Reicht nach einer Corona-Infektion auch dies nicht mehr aus, steht noch die ECMO zur Verfügung: Dabei werde Blut aus einem Gefäß abgeleitet, extern mit Sauerstoff angereichert und zurück in den Körper gepumpt. „Die ECMO ist das allerletzte Mittel“, sagt Marc Bigalke. Mitnichten ist es eine Überlebensgarantie: „Die Sterblichkeit ist irre hoch.“

Marc Bigalke nennt die ECMO-Therapie höchst komplex und personalintensiv, nicht selten dauert die Behandlung Tage oder gar Wochen. Dafür ist der Patient in tiefster Narkose. Weil er deshalb keine Muskelspannung hat, besteht „beim Umlagern ein sehr, sehr hohes Verletzungsrisiko“. Nach mindestens zwölf Stunden am Bauch wird wieder auf den Rücken gedreht, wobei keiner der vielen Schläuche herausgerissen werden darf.

"Jeder ist maximal belastet"

Seit Pandemiebeginn ist vielfach von Überlastung des Intensivstationen-Personals die Rede. Laut Bigalke trifft die Belastung alle Abteilungen – von Reinigungskräften, die Corona-Zimmer putzen müssen, Mitarbeitern an der Information der Verwaltung, die neue Verordnungen umsetzen muss, über Pflegekräfte und Ärzte bis hin zum Einkauf und zur Küche, die das Geschirr von Covid-Patienten abspülen muss. „Es ist jeder maximal gefordert“, sagt Bigalke. „Wenn man jemanden sieht, der schwerkrank und nicht geimpft ist, da kann man nur den Kopf schütteln“, sagt Bigalke über die Corona-Patienten.

Diese Flut an Patienten sei „einfach irre“. So habe er das selbst in heftigen Grippewellen noch nicht erlebt, gesteht der erfahrene Anästhesist. Trete die Prognose, dass sich die Patientenzahl in 14 Tagen ungefähr verdoppeln werde, wirklich ein, werde es nicht mehr möglich sein, Patienten aus anderen Regionen zu übernehmen, „weil dann alle selbst komplett voll sind“. Am Montag hatten die Krankenhäuser im Bereich des ZRF Amberg 91 Corona-Patienten in Behandlung plus 26 Verdachtsfälle. Im Sommer waren es laut Bigalke weniger als zehn.

„Die Situation ist in der Tat relativ dramatisch“, sagt auch Privatdozent Dr. Michael Dittmar. Der Schwandorfer ist ärztlicher Krankenhaus-Koordinator für die Oberpfalz. Bayernweit seien schon planbare Eingriffe abgesagt worden – selbst dringliche wie Tumor-OPs – und klinikintern Personal umverteilt worden, um mehr Intensivpatienten versorgen zu können. „Die vierte Welle hat uns überrascht und bestürzt, mit welcher Heftigkeit sie über uns hereingebrochen ist.“ Nach den ersten drei Corona-Wellen habe man eigentlich gedacht, das Schlimmste wäre vorbei, die Impfquote hoch genug. „Doch die Realität hat uns eines Besseren belehrt.“

In der Oberpfalz sei man glücklicherweise noch in der Lage, „dass wir aktuell unsere Patienten nach allen Regeln der ärztlichen Kunst behandeln können“. Im Regierungsbezirk seien einige Patienten von außerhalb aufgenommen worden, aus Schwaben, Ober- und Niederbayern. „Doch auch wir stoßen da langsam an unsere Grenzen“, sagt Dittmar. So könne man jetzt schon nicht mehr alle Anfragen nach Patienten-Übernahme bedienen.

Zu Beginn der vierten Welle sei der Amberger Raum hinsichtlich Corona-Patienten relativ stark belastet gewesen, die Nordoberpfalz hingegen weitestgehend verschont geblieben. Das habe sich in den vergangenen ein bis zwei Wochen geändert. Jetzt sei die Corona-Belastung im gesamten Regierungsbezirk halbwegs ausgeglichen. Vor allem am vergangenen Wochenende habe sich in der Nordoberpfalz die Zahl der Intensivpatienten „schlagartig erhöht“. Wie Dittmar weiter berichtet, würden immer mehr planbare OPs verschoben. Ziel aller Maßnahmen sei, sicherzustellen, dass die „Notfallversorgung uneingeschränkt funktioniert“. Und das tue sie in Bayern noch – wenngleich es schon vereinzelt zu Wartezeiten vor Notaufnahmen gekommen sei.

Entwicklung schwer vorhersehbar

Vorauszusagen, wie die Entwicklung sein wird, sei sehr schwer. Dittmar zitiert eine Prognose des Robert-Koch-Instituts, wonach mit einer Verdoppelung der Intensivpatienten in zwei Wochen zu rechnen sei. „Das ist dann letztlich über dem Maximum, was wir bisher hatten.“ Träte dies wirklich ein, könne „niemand garantieren, dass Patienten sofort ein Intensivbett bekommen“. Dr. Michael Dittmar ist deshalb tiefbesorgt und macht deutlich, dass es auch an den Bürgern liegt. „Je mehr sie Kontakte beschränken und AHA-Regeln einhalten, desto eher lässt sich die vierte Welle abflachen oder brechen.“ Auch politische Maßnahmen trügen dazu bei. Nichtsdestotrotz „rechnen wir mit mindestens vier Wochen weiteren drastischen Anstieg von Intensivpatienten“. Eindringlich appelliert Dittmar an Ungeimpfte, sich immunisieren zu lassen. „Wir wissen sehr gut, dass die Impfung vor schweren Verläufen schützt.“ 85 Prozent der Intensivpatienten in der Oberpfalz, die beatmet werden müssen, seien ungeimpft.

Auch wenn Intensivkapazitäten noch nicht am Anschlag seien, Betten und Beatmungsgeräte ausreichend vorhanden seien, „die personellen Kapazitäten sind der Flaschenhals“. Kliniken könnten OP-Säle schließen, zu Intensivstationen umfunktionieren und Anästhesiepflegekräfte, die meist intensivmedizinisch ausgebildet seien, dort einsetzen. Patienten könnten in andere Regionen verlegt werden. Doch der Privatdozent dämpft sogleich die Erwartungen an derartige Evakuierungen. Das sei hoch aufwendig. „Man müsste vielleicht sogar nach Nordrhein-Westfalen oder Schleswig-Holstein verlegen.“ Angesichts der RKI-Prognose sei davon auszugehen, dass auch dort die Intensiv-Auslastung zunehme.

Auf mögliche Triage vorbereitet

Nicht Betten und Beatmungsgeräte fehlen, sondern das Personal. Auch seine Pflegekräfte „erschöpft und demotiviert“. Dass es zu Zuständen wie im italienischen Bergamo zu Pandemiebeginn kommen könnte, glaubt Dittmar nicht. „Bergamo wurde komplett unvorbereitet getroffen.“ Das sei in Bayern nicht der Fall, die Kliniken seien vorbereitet. Sollten Intensivkapazitäten großflächig überlastet sein, seien Krankenhäuser auf eine mögliche Triage vorbereitet. Dann müsse entschieden werden, welcher Patient behandelt wird. „Das geschieht nicht nach Gutdünken, sondern nach fachlichen Vorgaben, insbesondere nach Überlebenswahrscheinlichkeiten.“

Dittmar hofft, dass es nicht so weit kommt.. Eine Triage sei eine enorme psychische Belastung. Getroffen würden Entscheidungen nicht von Einzelnen, sondern im Team und auf Basis einer fachlichen Leitlinie. „Die wurde im April 2020 erarbeitet und ist seitdem unverändert gültig.“

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Amberg
Hintergrund:

Covid-Patienten: Zahlen zur Intensivbelegung

  • Bayernweit sind (Stand Montag) 761 Beatmungsbetten auf Intensivstationen mit Corona-Erkrankten belegt, wobei nicht alle Patienten auch tatsächlich beatmet werden müssen.
  • Am 1. November waren es 431 Beatmungsbetten, die mit Corona-Patienten belegt waren. Somit hat sich die Zahl in zwei Wochen fast verdoppelt.
  • In der Oberpfalz sind (Stand Dienstag) 89 Beatmungsbetten mit Covid-Erkrankten belegt.
  • Am 1. November waren es in der Oberpfalz 61 belegte Beatmungsbetten. Der Anstieg ist nicht ganz so groß wie in ganz Bayern, beträgt aber dennoch fast 50 Prozent.
  • Auf Normalstationen der Oberpfälzer Kliniken werden aktuell (Stand Dienstag) 297 Patienten mit einer bestätigten Corona-Infektion versorgt.

„Die ECMO ist das allerletzte Mittel.“

Marc Bigalke

„Die Situation ist in der Tat relativ dramatisch.“

Privatdozent Dr. Michael Dittmar

 

 

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