So war das, als die Gebietsreform Raigering & Co zu "Stoderern" machte

Amberg
11.10.2022 - 16:50 Uhr

Vor 50 Jahren änderte sich für Raigering, Ammersricht, Karmensölden, Gailoh und Krumbach viel: Die Orte waren plötzlich ein Teil von Amberg.

Zur Feier "50 Jahre Gebietsreform" hatte Ambergs Oberbürgermeister Michael Cerny Zeitzeugen aus den fünf eingemeindeten Orten Raigering, Ammersricht, Karmensölden, Gailoh und Krumbach eingeladen. Die Feier fand im großen Rathaussaal statt, begleitet von den Raigeringer Musikanten.

„Vor 60 Jahren hätte man gesagt: Gut, wenn wir keine eigenen Musiker haben, müssen wir halt welche von auswärts holen.“ Mit diesem launigen Spruch begrüßte Ambergs Stadtoberhaupt die geladenen Gäste, unter ihnen ein prozentual hoher Anteil an Feuerwehrleuten. Auch und gerade um sie ging es 1972, als man nach Amberg eingemeindet wurde. Die Sorgen der damals noch selbstständigen Ortschaften gingen dahin, ob sie auch ihre eigenen Brandschützer, Fußballvereine, Friedhöfe behalten dürfen. Diese Bedenken gelten inzwischen als zerstreut. Cerny lobte vor allem diese partielle Selbstständigkeit und die Unverzichtbarkeit der lokalen Feuerwehren.

Nicht überall lief es friedlich

Im Anschluss hielt Stadtarchivar Andreas Erb, der online zugeschaltet war, einen informativen Vortrag über die damalige Ambivalenz. Zumindest friedlicher verlief es in Amberg als in Ermershausen, das nach Maroldsweisach eingemeindet werden sollte. Dort wurden Hundertschaften der Polizei aufgeboten, um Akten aus dem Rathaus von Ermershausen zu beschlagnahmen. Einige der Einwohner wollten sogar lieber über die Grenze wechseln in die benachbarte DDR.

So weit kam es hier zum Glück nicht. Wo aber lagen die Problematiken 1972 rund um Amberg? Cerny interviewte dazu die Zeitzeugen. Annemarie Schmid, Tochter des letzten Bürgermeisters Hilburger aus Gailoh und gleichzeitig älteste Einwohnerin dieses Ortes, erinnert sich, dass die Wege um Gailoh nicht asphaltiert waren, aber der Schnee sehr hoch lag. Die Straßenverhältnisse besserten sich nach der Gebietsreform. Dafür hatte seinerzeit manches seinen eigenen Charme, wie Erhard Pledl zu berichten wusste: „Meine Schwägerin wurde im Wohnzimmer des Bürgermeisters von Ammersricht getraut.“ Passend dazu das Bonmot aus Erbs Vortrag, der Altoberbürgermeister Franz Prechtl aus Amberg zitierte: „Es gab welche, die hatten ihre ganze Gemeindeverwaltung im Schrank… und wenn sie ihn aufmachten, fiel die Hälfte heraus.“

Die Sache mit dem Kirwabaum

Allerdings war das des Bürgermeisters damals oft ein Ehren- oder Nebenamt, dem man gerade noch eine Sekretärin stellte. „Der Verwaltungshaushalt im Jahr lag aber auch nur bei 50.000 DM. Davon könnt ihr euch eine Scheibe abschneiden“: Damit hatte Josef Kohl, ehemaliger Gemeinderat von Gärmersdorf, die Lacher auf seiner Seite. Gelächter brachte auch die dokumentierte Sonderregelung ein, die die Raigeringer Gemeinderäte für ihren Ort aushandelten. Ab dem Zeitpunkt der Eingemeindung sollte der Kirwabaum alljährlich vom Bürgermeister der Stadt Amberg gestiftet werden. Gerade das Finanzielle eines Anschlusses brachte oft nicht nur Bedenken sondern Widerstreben ein.

Die Pro-Kopf-Verschuldung einer der Ortsrandgemeinden lag bei 350 DM, die der Amberger bei 1000 DM. Johann List, der damals 25 Jahre alt war, zitiert die damalige Meinung vieler Gailoher: „Man weiß nie, wie das ausgeht mit dene Stoderer.“ Es ist aber alles gut ausgegangen – und wenn man den Zeitzeugen zuhört, dann sind alle zufrieden damit, wie es gekommen ist. Das eigenständige Leben der Ortsteile ist keineswegs verschwunden. Cernys Frage, „hätte Ihr Vater sich über die Eingemeindung gefreut?“, beantwortete Annemarie Schmidt mit: „Auf jeden Fall.“ Und Josef Kohl bestätigte, „auch die Krumbacher“, bei denen es deutliche Kontroversen zu diesem Thema gab, „waren im Nachhinein froh, dass sie nach Amberg kamen“.

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