01.12.2021 - 17:19 Uhr
AmbergOberpfalz

Wenn sich eine tonnenschwere Drehbank in Luft auflöst

Plötzlich war die Drehbank weg. Einen tonnenschwerer stählerner Koloss, der in seiner voluminösen Beschaffenheit niemals aus einem Keller hinaus ins Freie hätte gebracht werden können. Ein Fall, den man so nie zuvor beim Landgericht hatte.

Gegen die Angeklagte wurde eine Haftstrafe von sechs Monaten verhängt, die zur Bewährung ausgesetzt wurde.
von Autor HWOProfil

Wegen der verschwundenen Drehbank stand die Angeklagte schon vor dem Schwandorfer Amtsgericht und wurde hier zu einer Haftstrafe verurteilt. Die 30-Jährige akzeptierte dies nicht. Nun folgte der Berufungsprozess in Amberg.

Sie waren seit 2015 ein Ehepaar und wohnten in einem Oberviechtacher Haus. Als Mieter keineswegs zuverlässig, lief gegen die 30-Jährige und ihren ein Jahr jüngeren Gemahl eine Zwangsräumung an, die dann im Juli 2020 vollzogen wurde. Der Mann – das sollte später eine Rolle spielen – saß zu dieser Zeit im Gefängnis. Von daher konnte er wohl kaum mitgewirkt haben, als Seltsames geschah.

In Finanzschwierigkeiten

Im Vorfeld der Räumung soll die in Finanzschwierigkeiten steckende Frau einiges zu Geld gemacht haben, was eigentlich auf der Inventarliste des Vermieters stand. Lampen zum Beispiel, die dann über Kleinanzeigen im Internet zum Kauf angeboten wurden. Das bestritt die 30-Jährige vehement, als nun vor der 3. Strafkammer des Landgerichts Amberg in einem Berufungsprozess gegen sie verhandelt wurde. Allerdings ging es dabei nicht um diese Lampen.

Im Keller des Anwesens, zu dem laut Darlegung der Beschuldigten "mehrere einen Schlüssel hatten", stand seinerzeit eine Drehbank. Wie sie aussah und welche Dimensionen dieses Gerät hatte, beschrieb der Vorsitzende Richter Peter Hollweck mit einem Schmunzeln, das man trotz der von ihm getragenen Corona-Maske unschwer erkennen konnte. Die Daten des Ungetüms: Vier Meter lang, geschätzte 60 bis 80 Zentner schwer, offenbar schon vor vielen Jahren bei einer Sanierung in das Tiefgeschoss des 1932 errichteten Gebäudes gehoben. Mutmaßlich per Kran. "Auf normalem Weg wohl nie und nimmer hinein oder heraus zu bringen", wie der Richter seine aus den Akten gewonnenen Eindrücke beschrieb.

Als Schrott verscherbelt?

Als die 30-Jährige nach der Zwangsräumung fort war, stellte man in dem Haus mit tiefem Erstaunen fest: "Die Drehbank ist weg." An den Wänden ließen sich Kratzspuren erkennen, auch eine vorhandene ölige Lache kam in die Akten. "Wie ging das vonstatten?", wollten die Richter nun wissen. Die Angeklagte schüttelte energisch mit dem Kopf. "Weiß ich nicht", kommentierte sie das seltsame Verschwinden der offenbar lange nicht genutzten Drehbank und informierte ferner, dass ihr der stählerne Koloss im Keller eigentlich "nur mal im Vorbeigehen" aufgefallen sei.

"Sie steckten doch in Finanzschwierigkeiten", ließ Richter Hollweck nicht locker und fügte einen Verdacht in Frageform hinzu: "Könnte es sein, dass Sie den Auftrag gegeben haben, die Drehbank mit schwerem Gerät zu zerlegen, um die Einzelteile als Schrott zu verscherbeln?" Auch das wies die 30-Jährige energisch von sich.

Laute Geräusche

Es gab eine Reihe von Zeugen. Der heute von seiner Frau getrennt lebende Ehemann erschien und versicherte der Strafkammer: "Ich war damals in Haft." Dann aber gab es da auch eine Frau, die zur fraglichen Zeit zwei ihr unbekannte Männer an der später spurlos verschwundenen Drehbank im Keller arbeiten sah. In der Beweisaufnahme war auch von lauten Geräuschen die Rede, die aus dem Abteil im Tiefparterre drangen.

In der Causa "Was ist mit der Drehbank geschehen?" hatte es heuer schon einen Prozess vor dem Schwandorfer Amtsgericht gegeben. Dort war eine Richterin zu der Überzeugung gelangt, dass die 30-Jährige hinter dem Verschwinden der Gerätschaft steckte. Weil da auch noch einige Vorstrafen im Register der Frau standen, setzte es ein halbes Jahr Haft ohne Bewährung.

Sechs Monate Haft

Der Berufungsprozess in Amberg dauerte drei Stunden. Dann beschränkte Verteidiger Gunther Haberl den Einspruch seiner Mandantin auf den sogenannten Rechtsfolgenausspruch. Damit stand deren Täterschaft wegen Unterschlagung fest. Ohne nähere Erklärung freilich.

Womit das Finale der Verhandlung nahte: Oberstaatsanwalt Tobias Kinzler verlangte fünf Monate Gefängnis ohne Bewährung, die Strafkammer verhängte sechs Monate Haft. Allerdings mit Bewährung. So endete dieser ungewöhnliche Fall, der eine wesentliche Frage offen ließ. Sie lautete: Was geschah nun wirklich mit der Drehbank?

Ein Strafzettel und ein Verfahren wegen Beleidigung

Amberg

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.