09.11.2020 - 11:27 Uhr
Bad NeualbenreuthOberpfalz

Neuer Rastplatz und restauriertes Feldkreuz bei Bad Neualbenreuth: Spurensuche im Grenzraum

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Es sind oft kleine Dinge, die zu einer guten Nachbarschaft über Grenzen hinweg beitragen, ohne große Reden, Bier und Blasmusik. Ein Beispiel findet sich am Grenzübergang bei Bad Neualbenreuth. Die Hintergründe lagen zunächst im Dunkeln.

Am Grenzübergang für Fußgänger und Radfahrer, der von Bad Neualbenreuth aus nach Mytina (Altalbenreuth) führt, ist ein neuer Rastplatz entstanden.
von Autor ENZProfil

Wer den Grenzübergang für Fußgänger und Radfahrer benutzt, der von Bad Neualbenreuth in Richtung Mytina (Altalbenreuth) führt, wird jetzt freundlich mit „Vitáme Vás“ („Wir begrüßen Sie“) empfangen. Das alte Grenzhäuschen war im Frühjahr wegen Baufälligkeit abgerissen worden. Auf seinen Grundmauern entstand ein einladender rustikaler Rastplatz, den ein Begrüßungsschild ziert. Von hier aus hat man einen schönen Blick zum Tillenberg. Am Baum gegenüber hängt ein einfaches Blatt Papier in einer Folie mit der Information und einem Foto, dass sich hier einst das Grenzhäuschen befand und in der Nähe der erloschene Vulkan „Eisenbühl“ ist.

Informationsblatt in der Folie

Wenige Schritte weiter auf der linken Seite wurde ein Feldkreuz restauriert, auch dessen Umgebung wurde in Ordnung gebracht. Es hat jetzt wieder ein schmiedeeisernes Kreuz. Auch hier gibt es ein Informationsblatt in einer Folie an einem daneben stehenden Baum, die Aufschrift auf dem Stein lautet: „Gewidmet von Anton und Magdalena Weber aus Boden 1921 (anlässlich der Geburt einer Tochter).“

Beides scheint auf den ersten Blick zusammenzuhängen. Doch wer ist hier ohne Einweihungsfeier und großes Aufsehen tätig geworden? Mit dieser Frage beginnt eine spannende Suche. Diese führte die Autorin auch ins benachbarte Tschechien – noch vor den verschärften Beschränkungen im Zuge der Corona-Pandemie.

Verein "Leben am Tillenberg"

Altbürgermeister Albert Köstler erläuterte, dass sich der Historische Arbeitskreis vor mehr als 20 Jahren schon einmal mit diesem Kreuz befasst und die Umgebung in Ordnung gebracht hatte. Aber jetzt? Er verwies auf den Zweigverein Neualbenreuth im Oberpfälzer Waldverein (OWV). Denn der habe gute Verbindungen zu den tschechischen Nachbarn.

Der ehemalige Vorsitzende des OWV, Walter Küblböck, freute sich über die Nachricht und wollte sich gleich selbst von den Neuigkeiten überzeugen. Doch habe er alle Unterlagen – auch die Verbindungen zur tschechischen Seite – an Bürgermeister Klaus Meyer abgegeben. Und der konnte in dieser Frage insofern weiterhelfen, als er an den Verein „Zivot na Dylen – Leben am Tillenberg“, in dem er als Vertretung der Marktgemeinde Bad Neualbenreuth Mitglied ist, ins Spiel brachte. Vielleicht würde eine Nachfrage dort Licht ins Dunkel bringen?

Martin Mayer aus Lipová

Jiri Malinak von diesem Verein antwortete auch sofort, dass die Gemeinde Lipová bei dem Sitzplatz ihre Hände im Spiel gehabt habe und ein gewisser Martin Mayer aus Lipová der Ausführende gewesen sei. Von dem Kreuz wusste er leider nichts. Also ging es sofort nach Lipová zu Martin Mayer, um nähere Auskünfte einzuholen. Leider war er nicht zu Hause. Also blieb nur, ihm eine Nachricht zu hinterlassen.

Nach einer Woche rief ein Herr Vondras aus Lipová im Namen von Martin Mayer an, da dieser leider nicht Deutsch spreche. Wer hätte das bei dem Namen „Martin Mayer“ ahnen können? Vondras berichtete, dass der Gemeinderat beschlossen habe, diesen Sitzplatz zu errichten und Herr Mayer den Auftrag zur Ausführung bekommen habe. Die Gemeinde habe hinsichtlich der Ausführung zunächst wohl etwas Zierlicheres im Sinn, aber Martin Mayer habe sich mit seinem rustikalen Entwurf durchgesetzt. Zu dem Kreuz könne er leider nichts sagen – auf jeden Fall habe die Gemeinde Lipová damit nichts zu tun.

Zwei Familien Weber

Nichts lag nun näher, als bei Familie Weber in Bad Neualbenreuth nachzufragen, von der bekannt ist, dass die vorherige Generation aus Boden stammt. Doch auch das war ein Irrweg: Denn in Boden gab es zwei Familien Weber, die nur sehr weitläufig miteinander verwandt sind. Aber immerhin half der Hinweis weiter, dass es von der Familie Anton Weber noch Nachfahren in Bad Alexandersbad gebe. Dort wohnte ebenfalls ein Anton Weber.

Ein Anruf in Bad Alexandersbad ergab jedoch, dass er schon verstorben sei. Seine Frau aber freute sich sehr über den Anruf und die Nachricht, da sie oft mit ihrem Mann an diesem Kreuz vorbei hinter der Grenze spazieren gegangen sei. Sie konnte berichten, wer in der Marktgemeinde ebenfalls Nachfahre von Anton Weber ist. Auch kannte sie den Anlass, weshalb das Kreuz errichtet wurde. Aber wer das Kreuz restauriert hat, wusste auch sie nicht.

Schwere Geburt

Nach der Kontaktaufnahme zu dem Enkel von Anton Weber, Herrn Köstler in Maiersreuth, ergab sich folgendes Bild: Der Errichter des Kreuzes, Anton Weber, hatte sieben Kinder – sechs Mädchen und einen Buben. Die Geburt der jüngsten Tochter Maria verlief sehr schwer. Das Leben von Mutter und Tochter hing am seidenen Faden. Aus Dankbarkeit, dass beide die Geburt überstanden, errichtete Anton Weber dieses Kreuz. Niemand wusste allerdings, wer das Kreuz jetzt restauriert hat.

Natürlich weiß ich, wer das restauriert hat! Das ist der Herr Trpak aus Cheb-Haje, von dem ich das Land gepachtet habe.

Der bei der Spurensuche entscheidende Hinweis von Lorenz Frank

Manchmal verhelfen Zufälle einem auf die Sprünge: Bei einer Geburtstagsfeier kam das Gespräch wieder auf das Weber’sche Kreuz. Und dabei sagte Lorenz Frank, der einige Ackerflächen in Tschechien gepachtet hat: „Natürlich weiß ich, wer das restauriert hat! Das ist der Herr Trpak aus Cheb-Haje, von dem ich das Land gepachtet habe.“ Doch was war dessen Motivation? Waren die Webers seine Verwandten? Um das herauszufinden, ging es noch einmal nach Cheb.

Umfassende Bibliothek

Jan Trpak und seine Frau sprechen sehr gut Deutsch. Sie waren schon oft in Bad Neualbenreuth und haben die Gegend durchwandert und mit dem Rad erkundet. Ihr besonderes Interesse gilt der Geschichte des Kreises Eger. Eine umfassende Bibliothek zu diesem Thema gibt davon Zeugnis. Nach der „Samtenen Revolution“ gründete Trpak mit anderen eine Firma, die vom tschechoslowakischen Staat 1991 Grundstücke erwerben konnte. Dazu gehören auch Felder, die einmal Bauern der Gemeinde Boden gehörten, nach dem Zweiten Weltkrieg enteignet wurden und in Staatseigentum übergingen. So steht das Weber-Kreuz jetzt auf seinem Grund und Boden.

Restaurierung auf eigene Kosten

Bereits 1998 ließ Trpak die Kapelle der Heiligen Maria Magdalena in Vokov (Wogau) im Landkreis Eger auf eigene Kosten restaurieren. Damals erstellte Architekt Ludek Vystyd aus Eger nach Originalunterlagen kostenlos die Projektunterlagen. Nun war es ihm ein Anliegen, auch das Weber-Kreuz wieder in Ordnung zu bringen. Wenige Informationen dazu hatte Trpak dem Buch „Denkmäler im Egerland“ (herausgegeben vom Egerer Landtag e.V.) entnommen. Er beauftragte die Schmiede Pavel und Jiři Čada mit der Herstellung eines neuen schmiedeeisernen Kreuzes für dieses Flurdenkmal. Nach den Vorstellungen des Auftraggebers fertigte Jiři Čada das neue Kreuz an und montierte es auf dem alten Sockel. Und somit waren schließlich alle Fragen beantwortet.

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