17.10.2021 - 14:24 Uhr
BärnauOberpfalz

Hilfe im Katastrophengebiet: Bärnauer baut für Spezialeinheit des DRK mobile Kläranlage

Knapp fünf Wochen war Benjamin Sertl aus Bärnau im Katastrophengebiet im Landkreis Ahrweiler. Dabei war er an einem einzigartigen Projekt beteiligt. Eigentlich war es für den Libanon geplant.

Benjamin Sertl aus Bärnau war im August im 900-Einwohner-Dorf Mayschoß (Landkreis Ahrweiler) am Bau einer mobilen Kläranlage beteiligt.
von Lucia Brunner Kontakt Profil

Die Bilder lassen den 26-jährigen Benjamin Sertl aus Bärnau nicht mehr los: "Es hat überall ausgesehen wie im Krieg", sagt er, als er die Fotos auf seinem Tablet zeigt. Sie dokumentieren die Situation im Landkreis Ahrweiler im August. Dort war der junge Stiftländer für eine Spezialeinheit des Deutschen Roten Kreuzes im Einsatz, um ein innovatives Projekt umzusetzen: Den Bau einer teilstationären Kläranlage in dem 900-Einwohner-Dorf Mayschoß (Rheinland-Pfalz).

Knapp fünf Wochen war er ehrenamtlich vor Ort für das international agierende Team der "Emergency Response Unit" (ERU) mit Sitz in Berlin. Und auch jetzt im Oktober kümmert er sich noch um logistische und organisatorische Dinge von zu Hause aus. Es war Sertls erster Einsatz dieser Art. Normalerweise arbeiten Teams der ERU nicht in Deutschland, sondern weltweit in Krisengebieten. Die Flutkatastrophe an der Ahr war eine Ausnahmesituation.

Am Montag, 2. August, hatte Benjamin eine E-Mail bekommen. "Ich wurde gefragt, ob ich Zeit hätte, eine Kläranlage zu bauen." Da er gerade seinen Resturlaub aufbrauchte, sagte er noch am selben Tag zu. Ab jetzt ging alles sehr schnell. "Am Dienstagmorgen erhielt ich den Anruf, ob ich gleich in den Landkreis Ahrweiler kommen könnte." Der Bärnauer packte seine Sachen und fuhr gleich am Mittag los.

Spezialgebiet "Wash"

"Anfangs waren wir zu dritt." Der 26-Jährige wurde dem Spezialgebiet "Wash" zugeteilt, das sich um Wasser, Abwasser und Hygienebedingungen kümmert. Benjamin war gemeinsam mit dem Teamleiter aus Berlin und seinem Stellvertreter unterwegs, um sich einen Überblick zu verschaffen. "Wir gingen auf eine Art Erkundungstour", sagt Benjamin. Er zeigt Bilder von zerstörten und unterspülten Gebäuden. "Straßen waren quasi nicht mehr vorhanden und Brücken mussten behelfsmäßig vom Militär aufgebaut werden." Mitten im Chaos angeschwemmte Alltagsgegenstände, die Puppe eines Kindes, ein Elektroherd oder eine Badewanne.

Erste Pläne wurden geschmiedet. "Das Gute war, dass die Kanalisation im Großen und Ganzen noch funktionierte." Die Flut hatte jedoch die Kläranlage und etwa 200 Meter Rohrleitungen zerstört, die Anlage und Kanalisation miteinander verbunden hatten. Das Problem: Ohne funktionierende Kläranlage ist ein Ort einer extremen Seuchengefahr ausgesetzt. "Fäkalien und sonstige Abwässer flossen in die Ahr."

Viel Solidarität

Nach zwei bis drei Tagen kamen mehr Helfer. "Dann waren wir zu siebt und es ging richtig los." Die Truppe suchte einen geeigneten Platz für die Anlage. Der Plan stand schon. "Eigentlich war der Bau ursprünglich im Libanon vorgesehen", berichtet Benjamin. "Innerhalb von sieben Tagen haben wir den Bereich neben der Ahr begradigt und einen Bauzaun aufgestellt." 14 Stunden am Tag wurde gearbeitet: Material sichten, Container für Labor-Equipment und Büroaufgaben aufstellen, Baustoffe lagern. Benjamin war für die Logistik zuständig und ist noch jetzt beeindruckt: Obwohl so viel in Trümmern lag, gab es sehr viel Hilfsbereitschaft und Solidarität. "Es war nicht einfach, Dinge zu besorgen", sagt er. Dennoch waren die Menschen organisiert. So wurden Lager oder etwa eine Art "Tante-Emma-Laden" aufgebaut, die stets mit Materialien befüllt waren. Wenn etwas fehlte, half man sich gegenseitig aus.

"Dann haben wir den ersten Tank gebaut." Ein Tank fasst 75 000 Liter Wasser. Insgesamt sollten es vier Tanks und ein paar kleinere werden, insgesamt für 330 000 Liter. Schließlich mussten die Blechteile verbunden werden. "Es brauchte 4000 Schrauben und wir wollten damit in einer Woche fertig sein", sagt Benjamin. Pragmatismus war gefragt: Die Helfer reichten nicht. So kamen für eine Woche 15 Frauen und Männer dazu und übernahmen einen Teil der Arbeit. Bei der Truppe waren auch drei Helfer aus dem Landkreis Tirschenreuth dabei: Vicky Seiler aus Erbendorf, Jakob Meyer und Phil Wolfrum aus Waldsassen.

Zwei weitere Anlagen bestellt

Die Gemeinde beauftragte wiederum eine Baufirma, die sich um den Kanal und die Rohrleitungen kümmern sollten. "Es wurden professionell Rohre und Pumpen eingebaut, um den Kanal mit der Kläranlage zu verbinden." Als die Tanks fertig waren, wurden sie noch in Betonfundamente gegossen, um sie zu stabilisieren. In die Tanks kam eine 400 Kilo schwere Teichfolie. Das Resultat am Ende konnte sich sehen lassen. "Die mobile Kläranlage funktioniert." Das Abwasser wird wieder durch biochemische Prozesse in Trinkwasser umgewandelt. Damit alles den deutschen Standards entspricht, wurde auch eine mechanische Filteranlage eingebaut.

Erst waren die Bürger vor Ort ängstlich, wieder ihre Toiletten und sanitären Anlagen zu benutzen. "Die Menschen gingen auf Dixi-Klos", sagt Benjamin. Doch schnell spielte sich alles wieder ein. "Das Besondere: Es ist das erste Mal, dass eine solche Anlage gebaut wurde", betont Benjamin. Die Innovation hat auch beim Landkreis Ahrweiler Eindruck gemacht. Dieser hat nämlich gleich zwei weitere Kläranlagen dieser Art in Auftrag gegeben. Und Benjamin lassen die Eindrücke vor Ort nicht so schnell wieder los. Er bleibt weiter im Austausch mit dem Team, das im Katastrophengebiet arbeitet.

Hintergrund:

Das ist die Emergency Response Unit des DRK

  • Die ERUs des Roten Kreuzes sorgen weltweit für medizinische Versorgung, sauberes Trinkwasser und notwendige Hilfsgüter in Katastrophengebieten.
  • Standardisierte Hilfseinheiten der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung (IRFC): Teams unterstützen diese Gesellschaften, wenn sie Katastrophenfälle nicht mehr alleine bewältigen können.
  • Unterstützung von nationalen Organisationen: ERU-Teams sind spätestens in 72 Stunden nach Alarmierung weltweit einsatzbereit.
  • Ein Einsatz kann bis zu 4 Monate dauern.
  • Humanitäre Folgen von Krisen sollen gelindert werden.
  • Verschiedene Einsatzgebiete: Medizinische Grundversorgung, Logistik, IT und Telekommunikation, Trinkwasseraufbereitung und Hygiene, Organisation der Hilfsgüterverteilung. (Quelle: www.drk.de)

 

 

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