06.08.2021 - 12:17 Uhr
ErbendorfOberpfalz

Regenerative Landwirtschaft im Praxistest

Konventionellen Landwirten wird häufig vorgeworfen, zu viel Kunstdünger und Pestizide zu verwenden. Jetzt gibt es einen neuen Ansatz, der vielleicht einen Ausweg bieten kann. Familie Häupl aus Thann im Steinwald stellt ihn vor.

Eine Komponente der regenerativen Landwirtschaft ist der Komposttee, der zur Stärkung der Pflanzen ausgebracht wird. Reinhard Häupl und seine Frau Hermine schwören darauf.
von Christa VoglProfil

Teesorten gibt es viele: zum Beispiel Schwarztee, Grüntee, Oolong-Tee, Rooibostee, Früchtetee, Kräutertee. Reinhard Häupl aus Thann, einer kleinen Ortschaft hoch oben im Steinwald, kennt noch eine weitere Sorte. Eine, die er von März bis Oktober immer wieder neu zubereitet - und zwar nicht tassenweise, sondern in Einzelmengen von 300 Litern. Und eine, die nicht für den menschlichen Verzehr gedacht ist, sondern die er regelmäßig auf die Böden seiner Äcker und auf die dort wachsenden Pflanzen sprüht. Die Rede ist von Komposttee.

Betrieb mit 50 Kühen

Ein Freak? Ein Träumer? Eher ein Visionär und Idealist. Und auf jeden Fall jemand, der mit beiden Beinen fest im Leben steht. Reinhard Häupl ist Vollerwerbslandwirt, mit seiner Frau Hermine führt er in der Nähe von Erbendorf einen mittelgroßen Milchviehbetrieb mit 50 Hektar Grund und 50 Kühen. Und zwar in konventioneller Bewirtschaftungsweise.

Konventionell zu wirtschaften bedeutet aber für das Ehepaar aus Thann keinesfalls, auf Natur- und Artenschutz zu verzichten. Ganz im Gegenteil. „Bei uns stand noch nie die höchste Milchleistung unserer Kühe an erster Stelle, wir waren schon immer ökologisch eingestellt. Uns war einfach wichtig, dass es unseren Rindern gut geht“, sagt Reinhard Häupl. Daher sind ihre Milchkühe von April bis Oktober auf der Weide, während des Sommers wird generell mit frischem Gras gefüttert, Gentechnikfreiheit ist bereits seit 15 Jahren ein Muss, die Kühe dürfen ihre Hörner behalten. Ziel ist es, so wenig wie möglich Fremdfuttermittel zuzukaufen.

„Trotzdem hatten wir den Eindruck, dass das allein nicht genügt“, sagt Hermine Häupl, die selbst aus einem Bauernhof im Nachbarort stammt. Ihr Mann nickt und erzählt, dass bei den Diskussionen in der Familie der Einsatz von chemischen Mitteln stets ein zentrales Thema war: „Ich wusste, dass etwas anders werden muss. Die Spritzerei hat mir noch nie gefallen. Ich wollte das nicht mehr. Und die Leute wollen das ja auch nicht mehr.“

Seminar beim Maschinenring

Der Ausweg aus der scheinbaren Sackgasse kam für die Häupls völlig überraschend in Form eines Seminars, das der Maschinenring des Landkreises Tirschenreuth angeboten hat. Thema: „Regenerative Landwirtschaft“. Reinhard Häupl, 55, Vater dreier erwachsener Kinder, erklärt mit unverhohlener Begeisterung, was regenerative Landwirtschaft bedeutet: „Man bringt den Boden wieder dazu, seine Nährstoffe selbst zu produzieren. Man baut Humus auf. Man kräftigt die Pflanzen so, dass sie Schädlinge selbst abwehren können. Man produziert Früchte, die gesünder sind, weil sie mehr Spurenelemente und Mineralstoffe enthalten. Und das alles mit viel weniger Chemie und Kunstdünger.“

Löst die regenerative Landwirtschaft somit sämtliche Probleme der modernen Landwirtschaft? Herbizide, Fungizide, Insektizide: alles überflüssig? „Ganz so einfach ist es nicht. Es gibt natürlich auch Grenzen“, sagt Reinhard Häupl. Denn durch den Verzicht auf Pflanzenschutzmittel könne es durchaus Ernteeinbußen geben. Manches sei in der Vergangenheit auch schon „in die Hose gegangen“, sagt der Landwirt und erzählt von einem Versuch mit Mais, der dann mit 80 Prozent Ernteausfall geendet habe. Allerdings handelte es sich dabei nur um ein Testfeld mit einer Größe von einem halben Hektar.

Testfelder, also kleinere Flächen, auf denen „etwas ausprobiert“ wird, seien äußerst wichtig, erklärt Häupl. Denn durch die jahrzehntelange Ausrichtung der Landwirtschaft auf Kunstdünger und Pestizide fehle den meisten Landwirten einfach die Erfahrung mit alternativen Methoden.

Erfahrung sammeln

Das ist auch der Grund, warum der 55-Jährige nicht gleich zu 100 Prozent auf chemische Pflanzenschutzmittel verzichten möchte: „Wir brauchen ja auch eine bestimmte Sicherheit.“ Aber wenn ein Versuch auf einem Testfeld mit einem halben Hektar gute Ergebnisse bringe, dann wäre das Grund genug, im kommenden Jahr das Gleiche auf einer größeren Fläche umzusetzen. Und mit jedem Jahr nehme auch die Erfahrung zu. „Letztes Jahr habe ich zum Beispiel kein Fungizid und kein Insektizid gespritzt. Und dieses Jahr werde ich versuchen, zwei Drittel des sonst üblichen Herbizids einzusparen“, sagt Häupl und in seiner Stimme schwingt sowohl Überzeugung als auch Freude mit.

Familie Häupl steht nicht allein mit diesem Projekt: Im Landkreis Tirschenreuth gibt es bereits um die 100 Landwirte und Landwirtinnen, die über den Maschinenring zur regenerativen Landwirtschaft gekommen sind: Eine Gemeinschaft aus interessierten Bauern und Bäuerinnen aller Altersklassen, die Experimente auf kleinen Flächen wagen, Seminare besuchen, sich bei sogenannten Feldtagen treffen, Testflächen begutachten, fachsimpeln, Erfahrungen austauschen und immer wieder neue Ideen mit nach Hause nehmen.

Keine Zuschüsse

Nicht verschweigen möchte Häupl aber den finanziellen Aufwand, der hinter den verschiedenen Maßnahmen dieser neuen Art von Landwirtschaft steckt. „Egal, ob Bodenprobe, Gesteinsmehlspritzung oder Kompostteemaschine: Es gibt keinen Zuschuss und keine Förderung. Jeder Landwirt macht das für sich selbst.“

Dass das Thema regenerative Landwirtschaft trotzdem Aufmerksamkeit erregt und Kreise zieht, zeigt sich daran, dass Mitte Juni das BR-Sendeteam von „Unser Land“ auf die Aktivitäten des Maschinenrings im Landkreis Tirschenreuth aufmerksam geworden ist und dem Hof von Familie Häupl einen Besuch abgestattet hat. Bei der Ausstrahlung des Beitrags gab es allerdings auch den Hinweis, dass die Wirkung von Komposttee wissenschaftlich kontrovers diskutiert wird.

"Besseres Gefühl"

Reinhard und Hermine Häupl nehmen diese kritische Einschätzung mit Gelassenheit zur Kenntnis. „Ich sehe ja den Erfolg, den ich mit den verschiedenen Maßnahmen habe. Für mich ist es einfach eine große Herausforderung herauszufinden, wie man es anders, wie man es besser machen könnte. Zudem habe ich ein wesentlich besseres Gefühl, wenn ich mit der Spritze auf den Acker fahre und kein Pflanzenschutzmittel, sondern Komposttee drinnen habe“, erklärt Reinhard Häupl, während seine Frau hinzufügt: „Und wir merken bereits jetzt, nach dreieinhalb Jahren, dass der Ackerboden einfach lebendiger und lockerer ist.“

Vor dem Landwirtspaar aus Thann im Steinwald liegt wohl noch ein weiter Weg und vor allem eine Menge Arbeit. „Aber eine schöne Arbeit“, wie Reinhard Häupl mit einem zufriedenen Lächeln sagt.

Der Erbendorfer ist stellvertretender Landesvorsitzender des Bioland-Verbands Bayern

Friedenfels

Die Oberpfälzer Landwirte der Ernte halbwegs optimistisch entgegen

Plößberg
Info:

Elemente der regenerativen Landwirtschaft

Reinhard Häupl weiß, was wichtig ist:

  • Bodenproben: „Das steht immer an erster Stelle und muss sein. Damit wird überprüft, wie es mit der Bodenversorgung aussieht. Welche Stoffe also im Boden fehlen (zum Beispiel Mineralstoffe, Spurenelemente) und für welche Stoffe ein Überangebot vorhanden ist. Ich habe drei Proben untersuchen lassen: Von einem Acker mit sehr guter Qualität, mit mittlerer Qualität und mit eher schlechten Qualität.“
  • Komposttee: „Das ist eine Mischung zur Stärkung der Pflanzen aus Wasser, Kompost, Malzkeimdünger, Walderde aus dem eigenen Wald, Brennnesselerde, Melasse, Salz mit Mineralien, Wurmkompost. Mit dieser Mischung wird der Boden erstmalig geimpft und dann immer wieder damit behandelt.“
  • Flächenrotte: „Um Fäulnis zu vermeiden, wird nichts Grünes in den Boden eingebracht. Ein Beispiel: Im Frühjahr wird das Kleegras auf dem Acker mit Effektiven Mikroorganismen besprüht und das Gras anschließend gefräst. Dann darf es abtrocknen, es wird gegrubbert, es fermentiert. Nach einer Tiefenlockerung wird es in den Boden eingearbeitet. Und jetzt erst wird der Mais eingesät und die Gülle kommt aufs Feld. Das Ergebnis: Der Boden wird lockerer, luftdurchlässiger, wasserdurchlässiger.“
  • Effektive Mikroorganismen: „Auch diese Mischung auf Milchsäurebasis, die auf die Ackerpflanzen gesprüht wird, dient der Pflanzenstärkung: sie werden widerstandsfähiger gegen Krankheiten und Schädlinge.“
  • Gesteinsmehl: „Das sehr fein gemahlene Gesteinsmehl wird mit Wasser verrührt und mit der Pflanzenschutzmittelspritze auf die Pflanzen gesprüht. Es legt sich wie ein Film auf die Blätter und hilft gegen Schädlinge, die durch den Belag nicht mehr an ihre Nahrung kommen, wie zum Beispiel den Kartoffelkäfer. Es hilft aber auch gegen Pilzkrankheiten.“
  • Gülle- und Mistaufwertung: „In die Gülle kommen zusätzliche Nährstoffe, dadurch wird sie aufgewertet. Zum Beispiel Gesteinsmehl, Pflanzenkohle, Effektive Mikroorganismen. Nach etwa vier Wochen kann die Gülle ausgebracht werden. Jetzt ist sie richtig schleimig. Der Vorteil: keine Verätzungen an den Pflanzen, weniger Stickstoffverluste, Unabhängigkeit von der Witterung und auch der Gestank nimmt ab.“

"Uns war einfach wichtig, dass es unseren Rindern gut geht."

Reinhard Häupl

„Ich wusste, dass etwas anders werden muss. Die Spritzerei hat mir noch nie gefallen. Ich wollte das nicht mehr. Und die Leute wollen das ja auch nicht mehr.“

Reinhard Häupl

„Man bringt den Boden wieder dazu, seine Nährstoffe selbst zu produzieren."

Reinhard Häupl

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.