03.08.2021 - 10:28 Uhr
FlossOberpfalz

Nach Laugenunfall wieder am Sudkessel

"Ich hatte fürchterliche Angst, dass ich meinen Sohn nicht aufwachsen sehe." Kurz vor Weihnachten spritzte Ludwig Koch in seiner Brauerei in Floß Lauge in die Augen. Es bestand die Gefahr, dass er durch den Arbeitsunfall erblindet.

Vermutlich wegen Materialermüdung platzte an einer ähnlichen Drucksprühflasche an dieser Stelle im Lagerkeller des Flosser Brauhauses Anfang Dezember der Schlauch. Umherspritzende Lauge verletzte Braumeister und Inhaber Ludwig Koch schwer.
von Uwe Ibl Kontakt Profil

Laute Hilfeschreie hallten am ersten Freitag im Dezember durchs Flosser Brauhaus. Es war kurz vor 17 Uhr. "Ich war im Stress, wollte noch einen Lagertank überprüfen." Im Kühlraum klingelte das Handy von Brauereichef Ludwig Koch. Da platzte neben ihm der Schlauch einer Drucksprühflasche, wie man sie ähnlich auch im Garten verwendet. Die Reinigungslauge spritzte ihm ins Gesicht, auf die Arme und auch in die Augen. Der Brauer nahm den Schlauch an der Tür und ließ sofort Wasser über die Augen laufen, rannte aus dem Kühlhaus, schrie und wusch sich im Spülbecken des Bierstüberls weiter die Augen aus, bis sein Mitarbeiter und Schulfreund Fabian Schnödt, dann die Helfer vor Ort sowie Rettungswagen und Notarzt kamen.

Windischeschenbach und das Zoigl

Mit der Lauge hatte er wie üblich die Tanks zur Reinigung benetzen wollen, damit die sich in festsitzende Gärungsreste einfressen konnte. Koch: "Die Flasche war für mich praktisch. Da musste ich nicht immer die komplette Tankreinigung fahren." Laut Untersuchung der Berufsgenossenschaft sei das Drucksprühgerät für diesen Zweck aber nicht zugelassen. Vermutlich war durch Materialermüdung der Schlauch gerissen, erfuhr der Brauer mittlerweile. "Die Schutzbrille hatte ich auf dem Kopf, aber im Moment des Unglücks nicht direkt auf den Augen", erinnert sich der Flosser Kultbrauer.

Junger Vater

"Ich hatte furchtbare Angst, dass ich meine kleinen Franz nicht aufwachsen sehen könnte", erinnert sich Koch an die Gedanken während der ersten Minuten nach dem Unglück. Der Junior ist jetzt eineinviertel Jahre alt und war damals noch Stillkind. "Ich hatte auch Angst, dass ich blind zu Hause hocke und alles hier in der Brauerei den Bach runtergeht", sagt der 32-Jährige knapp neun Monate nach dem Unfall mit der Lauge. Wie flüssige Seife kriecht sie in jede Ritze, lässt sich nur schwer abwaschen und verätzt nicht nur die Haut.

Geburtstagsessen am Tisch

Eigentlich wollte der Wurzer zu Hause in Lamplmühle an dem Tag seinen Geburtstag nachfeiern. "Das Essen war schon gerichtet." Den Anruf mit der Unglücksnachricht bei Ehefrau Olivia übernahm Schnödt, der nach den Hilferufen zunächst den Rettungsdienst verständigt hatte und als die Retter da waren, quasi nebenher – "ich war wohl in einer Art Schock" – auch noch den Rampenverkauf des Bieres erledigte. "Zuvor habe ich die Rettungsblätter rausgesucht, damit die Helfer wussten, was für Chemikalien das waren." Die letzte Info von Polizei und Notarzt lautete, dass die Gefahr der Erblindung bestand. Schnödt ging ins Bett mit dem Gedanken, dass einer seiner besten Freunde für das restliche Leben gestraft und seine eigene berufliche Zukunft unsicher sein würde.

Der Verunglückte wurde zunächst nach Weiden ins Krankenhaus transportiert und dann per Hubschrauber weitergeflogen nach Regensburg. Dort kam er gegen 19.30 Uhr an. Nach zwei Tagen wurde er operiert und erhielt auf das linke Auge eine Amnionmembran aus einer Plazenta aufgenäht, um die Wundheilung zu fördern. Das rechte Auge hat jetzt wieder eine Sehleistung von 100 Prozent, das linke rund 60 Prozent. "Es ist, wie wenn ich durch ein Milchglas schaue", beschreibt Koch sein Sehvermögen.

Fragen im Kopf

In der Erinnerung wundert er sich, dass er vom Rettungswagen nicht zu einem Augenarzt in die Praxis transportiert wurde und auch im Klinikum kein Augenarzt gewesen sei. Auch stellt er sich immer wieder die Frage, ob es im Sanka und der Klinik keine Spüllösung gegeben habe. "Möglicherweise war ich auch unter Schock und habe wegen der Schmerzmittel nicht alles mitbekommen."

Augenspüllösungen seien im Rettungswagen normalerweise vorhanden, sagt Andreas Scheuner, stellvertretender Rettungsdienstleiter beim BRK-Kreisverband Weiden-Neustadt. Als Alternativen könne man sich mit isotonischen Lösungen behelfen. Je nach Einsatzsituation kläre man über die Integrierte Leitstelle, wohin der Patient zur Behandlung komme. "Das kann eine Augenklinik, ein niedergelassener Augenarzt oder ein Krankenhaus sein", berichtet er über das allgemeine Vorgehen der Helfer bei derartigen Verletzungen.

Hilfreiche Spülung

Koch ist klar, dass er einen großen Schutzengel hatte. "Dass ich die Augen gleich und viel gespült habe, hat das Allerschlimmste verhindert." Noch immer hat er Problem mit den Augen. Die Wimpern wachsen nach innen, reiben an der empfindlichen Netzhaut. Kontinuierliche Kontrollen beim Augenarzt stehen im Terminkalender. Und doch ist vieles weit besser, als zunächst befürchtet. Der Brauer kann wieder Auto fahren, muss nicht wie in den ersten Wochen nach dem Unfall das Taxi nehmen.

Chilli auf der Zunge

Zu Beginn im Krankenhaus war das anders. Lesen ging ebenso wenig wie schreiben. "Ich habe noch nie so viel telefoniert." Der Anblick im Spiegel erschien ihm mit geschwollenen feuerroten Augen wie der eines Außerirdischen. Die Gesichtshaut ließ sich abziehen. "Das Gesicht war verwüstet. Zum Glück sind wir schon verheiratet, sonst würdest Du mich nicht mehr nehmen", sagte er zu Ehefrau Olivia. "Im Mund war ein Gefühl, wie wenn Dir jemand Chilli auf die Zunge gelegt hätte." Mittlerweile ist es super verheilt, freut sich der 32-Jährige.

"Wahnsinn" und "gigantisch"

"Gigantisch" nennt Koch die Unterstützung von Familie und Freunden nach dem Unfall in der Brauerei. Mutter und Vater verkauften Bier, die Schwiegereltern etikettierten den Eisbock. Cousin Sebastian Koch ist Braumeister bei Augustiner in München. Berufsschulkollege Luis Seubert ist ebenfalls Brauer in München. Beide kochten Sude in Floß und arbeiteten im Gärkeller. Neustadts Bürgermeister Sebastian Dippold füllte mit ab. Schnödt koordinierte alles, um den Betrieb aufrechtzuhalten. Koch: "Ganz viele Freunde und Gäste haben geholfen. Das war Wahnsinn."

Sicherheit als Nummer 1

Nach 5 Wochen Genesung begann Koch wieder mit der Arbeit im Brauhaus. Dort hat er jetzt viel Equipment für eine Erstbehandlung bei Verätzungen angeschafft. "Ich bin sehr penibel, was Sicherheitsvorschriften angeht und trage den ganzen Tag eine Schutzbrille auf dem Kopf, damit das nie wieder passiert." Kollege Schnödt achtet nach eigenen Worten extrem darauf, dass auch der neue Mitarbeiter Schutzausrüstung anhat, die Chemikalien ordentlich verschlossen sind und die Geräte zugelassen sind. "Es war einem nicht bewusst, dass es so schnell gehen kann. Die Gefahr ist immer präsent."

In der Brauerei selbst sei alles entsprechend den Vorschriften gebaut, aber es ist eng, weiß Inhaber Koch. "Das muss erstmal jemand nachmachen, aus so kleinen Räumlichkeiten so viel Bier zu verkaufen", sagt der Brauer, während der kräftige Duft von Speck aus dem Sudkessel steigt. "Das wird das Rauchbier für den Herbst."

Die Hauptstadt des Zoigls

Windischeschenbach

Die Polizeimeldung vom schweren Betriebsunfall im Brauhaus Floß

Floss
Hintergrund:

Ehemalige Metzgerei wird zum Brauhaus Floß

  • Gründung 2015
  • Ausstoß 1500 Hektoliter
  • 6 Standardsorten, 12 Monatsbiere und ca 30 eigenwillige Craft-Bier-Kreationen
  • 3 Vollzeit- und 7 Teilzeitmitarbeiter für Brauerei und Bierstube

 

 

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