04.08.2021 - 09:40 Uhr
FlossenbürgOberpfalz

Architekturpreis für KZ-Gedenkstätte Flossenbürg: Fingerzeig Richtung Steinbruch

Die Bayerische Architektenkammer zeichnet das Bildungszentrum der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg mit einem Preis aus. Damit würdigt sie nicht nur den Bau, sondern auch das, was sich in sechs Jahren hinter den Mauern getan hat.

Das Bildungszentrum der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg darf sich mit einem Architekturpreis schmücken.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

"Tagungen in ruhiger Umgebung in modern ausgestatteten Seminarräumen, umgeben von idyllischer Landschaft mit regionaler und internationaler Küche." So ähnlich könnte es in einem Prospekt des Tourismusverbands Oberpfälzer Wald oder einer Zeitungsannonce stehen. Doch euphorische Besuchen-Sie-Flossenbürg-Slogans verbieten sich im Zusammenhang mit der KZ-Gedenkstätte.

Inhaltlich wären sie nicht falsch. Das Bildungszentrum im ehemaligen SS-Casino wurde im Sommer 2015 nach dreijähriger Umbauzeit eröffnet. Seitdem ist es mehr als gut gebucht. "Wir sind tatsächlich bereits an Kapazitätsgrenzen", erklärt Julius Scharnetzky vom Leitungsteam der Gedenkstätte. Die Aussage bezieht sich vor allem auf die Situation bis Ende 2019. Danach wurde es ruhig. Das soll es auch bis in den Herbst hinein bleiben. "Wir wissen eben nicht, wie sich die Delta-Variante entwickelt", beschreibt Scharnetzky die Herausforderung, Seminarbetrieb in Pandemiezeiten zu organisieren.

Im großen Veranstaltungssaal, der 100 Menschen Platz bietet, wären 14 Personen zugelassen. Abgesehen vom Kontrollaufwand lohnt sich das nicht. Daneben beherbergt das Bildungszentrum drei Seminarräume für jeweils bis zu 30 Personen, das Museumscafé und Büroräume, die von der Bildungsabteilung der Gedenkstätte genutzt werden.

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Dieses Angebot zog 2019 allein für Veranstaltungen, die die Gedenkstätte selbst ausgerichtet hat, 2480 Teilnehmer an. Das reicht von der Bundestagung der deutschen Gedenkstätten bis zur internationalen Jugendbegegnung und universitären Veranstaltungen, etwa der Institute für Amerikanistik oder Romanistik der Universität Regensburg. Dazu kommt die kulturelle Nutzung. Das Landestheater Oberpfalz präsentierte dort sein Bonhoeffer-Stück, auch eine israelische Theatergruppe gastierte im Saal.

Keine politischen Veranstaltungen

Tatsächlich tummeln sich in dem langgezogenen Bau oberhalb der früheren KZ-Kommandatur noch viel mehr Besucher. Rotarier aus Weiden, Dienststellenleiter des Polizeipräsidiums Regensburg, eine Physiotherapieeinrichtung, das Heilpädagogische Zentrum Irchenrieth (HPZ) oder die Katholische Landjugend: Sie alle haben bereits in Flossenbürg diskutiert, konzipiert, gelernt und gelehrt.

Auch Parteien waren zu Klausuren da. Politische Veranstaltungen sind jedoch nicht vorgesehen, ebenso wenig sind die Räume für Hochzeiten oder Geburtstagsfeiern zu mieten. All dies wäre mit der Würde des Ortes nur schwer in Einklang zu bringen.

Der Genius loci, der Geist des Ortes, machte die Aufgabe auch für die Planer knifflig. "Die Unvorstellbarkeit des Grausamen muss erhalten bleiben", war sich der Weidener Architekt Armin Juretzka 2012 der Schwierigkeit der Aufgabe bewusst. Dass er sie im Auftrag der Stiftung Bayerische Gedenkstätten gut gelöst hat, sagt Ira Mazzoni. Die Architekturkritikerin ist Mitglied der Jury, die vergangene Woche die Preise der Bayerischen Architektenkammer für das Thema "Bauen im Bestand" vergeben hat: "Es musste der Zeugnischarakter der Einrichtung erhalten bleiben und zugleich die Distanz für eine neue Nutzung gewonnen werden."

Das gelang Juretzka in Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalpflege, mit Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit und dem Staatlichen Bauamt Amberg. Etwa dadurch, dass zwar die hölzerne Kassettendecke im Saal, wo früher untere SS-Ränge speisten, nach historischem Vorbild wiederhergestellt wurde, das gesamte Bildungszentrum aber trotzdem Luftigkeit und Offenheit ausstrahlt. Nicht zuletzt durch die neuen Glasfassanden der Seminarräume an der Vorderfront und das von Menschen mit Handicap betriebene Museumscafé. Dieses Paket sei durchaus als Triumph über die SS-Erbauer und ihren ausgrenzenden Elitegedanken zu verstehen, erklärt Skriebeleit.

Gleichrangig mit dem Bildungs- und Denkmalcharakter der Einrichtung steht aber der logistische Aspekt. Wenn nicht gerade eine Covid-Welle an Höhe gewinnt, besuchen jährlich 90.000 Menschen die KZ-Gedenkstätte. Darunter sind viele Schulklassen. Die mussten vor 2015 bisweilen im Winter nach einem Rundgang Lunch-Päckchen auf dem Boden gekauert im Kommandaturgebäude reinschlingen. Jetzt kann das Erlebte an Ort und Stelle nachbereitet werden, bei viel gelobtem Essen aus dem Museumscafé.

Signal für die Zukunft

Die integrierte Gastronomie macht das Bildungszentrum gleichermaßen zur Anlaufstelle für polnische oder amerikanische Familien, die dem Schicksal ihrer Vorfahren auf der Spur sind, ebenso wie für einheimische Wanderer, die sich dort nach einem Winterspaziergang aufwärmen. "Das Haus sollte von Anfang an offen sein für die Region", erklärt Julius Scharnetzky dieses Mit- und Nebeneinander.

Dass dies jetzt von der Architektenkammer gewürdigt wird, erfüllt Skriebeleit mit Stolz: "Das beflügelt uns enorm. Der Preis setzt Maßstäbe und Perspektiven hinsichtlich der Entwicklung des Steinbruchareals."

Der Steinbruch am Wurmstein soll ab 2024 nach den Vorstellungen der Bayerischen Staatsregierung in die Gedenkstätte integriert werden. Damit wäre der Granitabbau dort beendet. Zurzeit erarbeitet die Gedenkstätte ein Nachfolgekonzept für die Nutzung. Dabei war einmal von einem Übernachtungshaus die Rede. Bisher waren Tagungsteilnehmer in Gasthöfen und Hotels der Umgebung im Umkreis bis zu 40 Kilometer rund um Flossenbürg untergebracht. Auch Stipendiaten der Universität Regensburg könnten sich dann einmal auf ihrem Forschungsgelände einquartieren. Sollte es so kommen, dürften sich zuvor Architekten über weitere reizvolle Aufgaben freuen.

Die Pläne der Staatsregierung und er KZ-Gedenkstätte für den Wurmstein-Steinbruch

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Das Preisträger-Video der Architektenkammer

Blick ins Museumscafé der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg.
Blick in den Veranstaltungssaal der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg.
Blick in einen Seminarraum des Bildungszentrums in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg.
Hintergrund:

Die Bayerische Architektenkammer

  • Gründung 1971. Pflichtmitgliedschaft für jeden Architekten, Innenarchitekten, Landschaftsarchitekten und Stadtplaner in Bayern
  • Über 25000 Mitglieder
  • Präsidentin ist seit Juli die Münchnerin Lydia Haack
  • Zehnköpfiger Vorstand, einziger Oberpfälzer darin ist Karlheinz Beer aus Weiden
  • Alljährlich Verleihung von Preisen, seit 2017 auch für "Bauen im Bestand"
  • Für "Bauen im Bestand" zuletzt 147 Einreichungen
  • Drei Hauptpreise, jeweils dotiert mit 6000 Euro: KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, Neue Bücherei in Gundelsheim (Grenzregion Heilbronn-Franken) und Werk 3 in München (Kreativquartier auf dem Gelände der ehemaligen Pfanni-Werke)

 

 

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