03.07.2020 - 18:05 Uhr
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Oberpfalz trifft USA: Jeder Soldat will zurück nach Grafenwöhr

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Die Station Grafenwöhr ist bei US-amerikanischen Militärs sehr beliebt. Viele versuchen, als Zivilangestellte oder Rentner zurückzukehren. Warum haben sie die Oberpfalz so gern? Die Suche nach einer Erklärung.

US-Soldaten absolvieren ihren Frühsport auf dem Gelände des Truppenübungsplatzes in Grafenwöhr.
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

Die meisten amerikanischen Soldaten verbringen zwei bis drei Jahre bei der US-Armee in Grafenwöhr. Genug Zeit, um hier eine zweite Heimat zu finden. "Die bayerische und Oberpfälzer Lebensart gefällt ihnen, sie werden hier nicht als Fremde behandelt, werden ein Teil der Gemeinde", erläutert Franz Zeilmann, Pressesprecher der US-Armee Garnison Bavaria, die Liebe der Streitkräfte zur Region. Aber es gibt noch mehr Gründe.

Lebenswerte Region

Die ländliche Region gab bei James Federline den Ausschlag, die Zeit der Rente in Deutschland zu verbringen. "Das, war ich von Deutschland gesehen habe, war sehr schön", erläutert der US-Amerikaner in fließendem Deutsch. "Bayern gefällt mir sehr gut, weil die Leute nett und verständnisvoll sind." Mit seiner deutschen Frau lebt er in Weiden. Federline engagiert sich unter anderem als amerikanischer Präsident beim deutsch-amerikanischen gemeinsamen Ausschuss in Grafenwöhr, der das bekannte Volksfest organisiert.

Andere US-Amerikaner müssen sich für ihr neues Leben nicht unbedingt an hiesige Verhältnisse anpassen. Wer schwer eine Sprache lernt, kommt auch mit Englisch gut zurecht, weiß Eric Fraunholz. Jugendliche und viele Ältere in Grafenwöhr können "sehr gut Englisch sprechen - anders als in anderen Regionen Bayerns", sagt der Geschäftsführer des Deutsch-Amerikanischen Instituts Sachsen in Leipzig.

Auch die Strukturen, die sich in Grafenwöhr und Vilseck für US-Soldaten seit vielen Jahrzehnten gebildet haben, machen es den Menschen leichter, in der Oberpfalz eine zweite Heimat zu finden, vermutet Fraunholz. Die Soldaten können in amerikanisch anmutenden Bars, Cafés, im Barber-Shop, beim Linedance, bei der Feuerwehr oder im Fußballverein ihre Freizeit verbringen. Die Baptist Church steht unweit des evangelischen Kindergartens. Ein schwarzer Pick-Up mit US-Kennzeichen knattert die B299 entlang. Wer will, kann sich sein Auto nach Europa schiffen lassen - und staunt dann vielleicht über engere Straßen und kürzere Parkplätze.

Fraunholz sieht die Oberpfalz als für Amerikaner lebenswerte Region an. Großstädte sind gut zu erreichen, auch "klassisch deutsche Städte wie Nürnberg und München". Die Autobahn 9 bindet Berlin an. Soldaten und ihre Familien genießen das kulturelle Angebot, besuchen Burgen, Schlösser, Kirchen. "Die Geschichte ist hier lebendig, was man in Amerika oft nicht so findet", erläutert Zeilmann. Auch der Arbeitsplatz habe seinen Reiz. Der Truppenübungsplatz Grafenwöhr sei der modernste außerhalb der USA, weiß der Pressesprecher.

Der Truppenübungsplatz Grafenwöhr sei der modernste außerhalb der USA, sagt Pressesprecher Franz Zeilmann.

Wie viel bringen die US-Soldaten der Region?

Grafenwöhr

Familienleben

Der 32-jährige Fraunholz ist selbst in einer deutsch-amerikanischen Familie in Grafenwöhr neben einem der Eingangstore zum Truppenübungsplatz aufgewachsen. Fraunholz hat einen amerikanischen Stiefvater und eine Identity-Card. Damit durfte er auch nach den Terroranschlägen am 11. September 2001, als der Truppenübungsplatz strenger abgeriegelt wurde, hinein. Drinnen eigne sich der Straßenbelag besser zum Skaten. "Man konnte dort zum amerikanischen Burger-King gehen, das amerikanische Menü essen, mit Dollar bezahlen", erinnert sich der junge Mann. "Urlaub im Alltag." Zuhause habe die Familie meist Englisch gesprochen und etwa amerikanische Fernsehsender geschaut. Nach dem 11. September 2001 "hatte man weniger Kontakt mit Soldatenfamilien. Die blieben eher unter sich", berichtet der Grafenwöhrer. Seine Freunde fand er vor allem in Familien, die längere Zeit in der Oberpfalz lebten. "Jetzt soll es wieder homogener sein."

Viele Militärs wohnen außerhalb der Kaserne, seien ins Gemeindeleben eingebunden, besuchen Kirchweihen, das Fischerfest in Hahnbach, schauen beim Maibaum-Aufstellen zu, zählt Zeilmann auf. "Man ist irgendwie dabei, das höre ich oft." Aber auch amerikanische Feste wie der Unabhängigkeitstag am 4. Juli werden gefeiert. In diesem Jahr nicht mit Grill und Picknick im Truppenübungsplatz, sondern - wegen Corona - nur mit Feuerwerk bei den Rose Baracks in Vilseck, wie Zeilmann erläutert.

Ganz so perfekt scheint das deutsch-amerikanische Miteinander jedoch nicht immer zu sein. Eine Grafenwöhrerin übt Kritik. Die meisten Soldatenfamilien, die sie kenne "sind nicht sehr integriert", sagt die 32-Jährige, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will. Trotzdem ist sie mit ihrem amerikanischen Mann und ihren drei Kindern nach vier Jahren in den USA in die Oberpfalz zurückgekehrt - wegen des Nachwuchses und der höheren Sicherheit.

Weil die Kinder in Deutschland mehr Freiheiten genießen, zog diese deutsch-amerikanische Familie von den USA nach Grafenwöhr.

Sicherheit

Die Kinder "haben hier mehr Freiheiten, es ist sicherer", erläutert die junge Frau. "Wenn man in den USA aus dem Haus geht, hat man eine Autobahn vor der Tür." Draußen alleine zu spielen, sei zu gefährlich. Was in den USA fehlt, "ist der gesunde Menschenverstand", sagt die junge Mutter. Alles in den USA müsse sicher sein, dabei müssten Kinder in ihrer Entwicklung ja auch Fehler machen, um zu lernen, meint die dreifache Mutter. Die Vorsichtsmaßnahmen könne sie zum Teil allerdings nachvollziehen: In den USA sei die Kriminalität weitaus höher. Bobby Williams ist unter anderem wegen der Situation für Schwarze hier geblieben: "Seit Trump Präsident ist, ist es für Schwarze in Deutschland sicherer. Ich spreche ganz offen über Rassismus."

Aber auch eine deutsche Frau spielte bei Williams Entscheidung, nicht in die USA zurückzukehren, eine Rolle. "Das ist bei den meisten der Grund, warum sie hierbleiben", erzählt der 64-Jährige, der in Vilseck bei Housing arbeitet. Das ist eine Agentur, die Amerikanern in Deutschland Wohnungen und Häuser vermittelt.

Ein weiterer Grund, weshalb sich Williams nach seiner Zeit bei der US-Armee um einen Job in Deutschland bemüht hat: das Oberpfälzer Bier. Und das, obwohl er als Soldat in Grafenwöhr kaum etwas vom Ort mitbekommen hat. "Ich habe es hier gehasst, weil ich immer im Wald schlafen musste", erzählt er lachend und nimmt einen Schluck eines Amberger Biers.

Wer ist vom möglichen US-Truppenabzug betroffen?

Grafenwöhr
Bobby Williams ist auch wegen des guten Oberpfälzer Biers in der Region geblieben.

Rente

Viele Amerikaner kommen nach ihrer militärischen Karriere, die sie alle paar Jahre an einen neuen Ort führt, zurück nach Grafenwöhr – als Zivilangestellte oder Rentner, sagt Zeilmann. „Jeder, der mal da war, will wieder zurück.“ Einer ist Federline. Er ist seit 1969 in Deutschland, war bei der US-Armee in Wiesbaden, Bonn und Hanau stationiert. In Grafenwöhr arbeitete er ab 2004. Durch seinen Job als Berater für internationale Beziehungen zwischen den USA und der Region habe er viele Oberpfälzer kennengelernt. „Ich bin sehr gut mit allen ausgekommen.“ Das deutsche Gesundheitssystem, das in den Augen vieler US-Amerikaner besser sei als das in ihrem Heimatland, habe für ihn keine Rolle bei der Entscheidung gespielt, als Rentner mit seiner deutschen Frau in Weiden zu leben, sagt Federline. „Arzt ist Arzt.“

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