28.10.2020 - 10:42 Uhr
IrchenriethOberpfalz

Frisches Bier aus renoviertem Industriedenkmal in Irchenrieth

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Regionalität mit allen Sinnen und einem tiefen Schluck Geschichte gibt es in Irchenrieth zu sehen, zu riechen und zu schmecken. Nach zehn Jahren haben Lino Molter und sein Vater die Brauerei wieder aus dem Dornröschenschlaf geweckt.

Lino und Arne Molter haben die Brauerei Irchenrieth zu einem lebendigen Industriedenkmal aufpoliert.
von Uwe Ibl Kontakt Profil

Die Familie Molter lebt seit 1996 direkt neben der Brauerei im Ortszentrum von Irchenrieth. Damals kaufte der aus Memmelsdorf bei Bamberg stammende Arne sie von Johann Hösl. Nachweislich seit 1586 wird hier Bier gebraut. Bis vor zehn Jahren. Der eigene Betrieb und die Tätigkeit als Außendienstmitarbeiter für die Getränkeindustrie mit Einsatzorten in ganz Süddeutschland waren zu viel für den Braumeister – der Sudkessel blieb kalt, aber im Gebäude.

2020 herrscht wieder Leben in dem alten Industriedenkmal. „Sud 1“ prangt auf dem neugestalteten Etikett der Brauerei Molter. Von einem verlassenen Ort keine Spur mehr. Sechs Jahre Renovierungsarbeit mit viel Handarbeit durch den studierten Wirtschaftler Lino, seine Freunde und den Vater sowie rund einer halben Million Euro lassen sich sehen. Die rechteckigen Scheiben hat der 28-Jährige selbst in die schwarz lackierten Fensterrahmen zwischen Biergarten und Sudkessel eingekittet. Als alle Scheiben fertig waren, waren die sechs Wochen Semesterferien vergangen. Die Räume sind mit hochwertiger Kalkfarbe geweißelt, die Fensterlaibungen wie früher mit selbst hergestelltem Material aus Sumpfkalk, Sand und Farbpigmenten geputzt. „Geflucht habe ich fast täglich beim Renovieren. Es ist ein riesen Gebäude“, bekennt Lino Molter. „Aber es macht Spaß, und es ist ein tolles Gefühl, irgendwann am Lagerfeuer zu sitzen und das eigene Bier zu trinken.“

Von den Kupferkesseln und Leitungen hat Molter-Junior die grüne Farbe abgebeizt, die das Metall seit den Kriegsjahren verbarg. Die 60 Hektoliter fassende Sudpfanne stammt von 1936, die Schrotmühle von 1912. Als Antrieb dienen Riemen. „Wir brauen Bier wie in der Vorkriegszeit. Alles ist erhalten und funktionsfähig“, sagen Vater und Sohn Molter. Beide sprechen von einem „lebenden Industriedenkmal“. Es sei einzigartig in Deutschland, wie in Irchenrieth komplett mit den alten Gerätschaften von der Schrotmühle im Dach über das offene Kühlschiff und den Berieselungskühler bis zum Lagerkeller Bier hergestellt werde.

Wegen der Hygiene sind im Gär- und Lagerkeller Boden, Leitungen und Tanks neu gemacht. Die alte Dämmung aus Kork hält weiterhin die Kälte drin und die Wärme draußen. Die Holztüren sind neu gestrichen und den modernen Bedürfnissen angepasst. Davor liegen Granitplatten, die mindestens 250 Jahre alt seien, wie Arne Molter vom Vorbesitzer erfahren hatte. "Wir wollten so viel wie möglich erhalten", sagt Lino. Das war schon die Prämisse im Businessplan.

"Damals waren Fernsehbiere gefragt, heute ist es Regionalität", sagt Arne Molter, warum er anders als vor zehn Jahren heute wieder eine Zukunft für die kleine Brauerei neben der Kirche in Irchenrieth sieht. Deshalb versuchen Sohn und Vater auch beim Einkauf lange Wege möglichst zu vermeiden. Der Hopfen kommt aus Gräfenberg, das Biomalz aus Kulmbach, die Etiketten wurden in Waldsassen gedruckt. Abgefüllt wird das unfiltrierte Bier in Hirschau. "Wir bieten traditionelle Sorten an, kein Craftbier." Momentan ist das der "Sud 1" angelehnt an den Geschmack des Gerstensafts vor zehn Jahren.

Der erste Sud der Kommunbiervereins in Eschenbach

Eschenbach

Hinter der Brauerei im Hof liegen helle Granitkiesel auf Micheldorfer Basalt. In der Mitte ist ein abgedecktes Loch im Boden. Hier wird eine Platane stehen, um den Gästen im zukünftigen Biergarten Schatten zu spenden. Aufgrund des Klimawandels hätten Experten zu diesem Baum geraten, begründet Lino die Auswahl. Für Brauereiatmosphäre sorgt neben dem Blick zum Sudkessel auch der Eisaufzug an der Wand neben dem Hollerbusch.

Kaffeerösterei neben der Brauerei

Irchenrieth
Brauereien im Landkreis:

Zehn plus eins plus Zoigl

Deutschlandweit sinkt der Bierabsatz. Darunter leiden ganz besonders die Großbrauereien, aber auch in Weiden sind viele Bierhersteller Geschichte wie beispielsweise Anker- und Bürgerbräu sowie die Brauerei Hösl in Rothenstadt und zuletzt die Brauerei Ibelacker. Im Landkreis schloss unter anderem das Brauhaus Pirk. Mittlerweile ist die Entwicklung der Brauereilandschaft in der Region aber eine dynamische, geprägt vom uralten Zoiglbrauwesen, gediegenen alteingesessenen Betrieben und innovativen Neugründungen. Neben den drei Kommunbrauhäusern in Windischeschenbach, Neuhaus und Eslarn sowie der Kleinanlage des Kommunbiervereins Eschenbach gibt es im Landkreis Neustadt und der Stadt Weiden folgende Brauereien:

  • Brauerei Bauriedl, Eslarn
  • Gasthausbrauerei Bräuwirt, Weiden
  • Brauerei Eismann, Altenstadt/WN
  • Brauhaus Floß
  • Hausbräu Schaller in der Raststation Floß
  • Gambrinus Brauerei, Weiden
  • Heberbräu, Kirchenthumbach
  • Brauerei Molter, Irchenrieth
  • Private Landbrauerei Scheuerer, Moosbach
  • Brauerei Püttner, Schlammersdorf
  • Brauerei Würth, Windischeschenbach
  • Weißbierbrauerei Behringer, Vohenstrauß

Außerdem baut Moritz Popp derzeit in Pirk die ehemalige Brennerei zu einer Brauerei um.

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