01.08.2021 - 16:30 Uhr
Karlsbad (Karlovy Vary)Oberpfalz

Bayerisch-böhmisches Welterbe: Europas bedeutendste Kurbäder vor der Haustür

Jetzt ist es also amtlich: Kurbäder, die Herrscher und Dichterfürsten des 19. Jahrhunderts in ihren Bann zogen, sind Unesco-Weltkulturerbe. Darunter das böhmische Bäderdreieck. Auch Bad Neualbenreuth hofft, von diesem Titel zu profitieren.

Unesco-Weltkulturerbe Franzensbad: Historische Bäderarchitektur angelegt 1793 durch Kaiser Franz II.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Die "Bedeutenden Kurstädte Europas" erleben vom späten 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert einen rasanten internationalen Aufstieg. Dichterfürsten wie Johann Wolfgang von Goethe, US-Autoren wie Mark Twain und ungezählte gekrönte Häupter tragen zu ihrem Ruhm bei. Rund um Heilquellen entstehen Kurstädte mit ganz eigenem städtebaulichen Typus. Die Bäderarchitektur strahlt noch heute einen nostalgischen Charme aus.

Ausgezeichnet als Unesco-Welterbe wurden elf bedeutende Kurstädte Europas. Das europäische Kurphänomen hat seine Ursprünge in der Antike und seine Blütezeit zwischen 1700 und 1930. Die historischen Kurbäder prägen im 19. und frühen 20. Jahrhundert das Phänomen Reise- und Kurgesellschaft in Europa. Sie sind Ausgangspunkt des globalen Tourismus.

Gewinn auch für das Sibyllenbad

"Wir freuen uns riesig", gratuliert Klaus Meyer, Bürgermeister von Bad Neualbenreuth, dem böhmischen Bäderdreieck zum Weltkulturerbe-Titel. "Die Auszeichnung ist ein Gewinn für unsere gesamte Region", ist sich der Rathauschef sicher. "Wir kooperieren mit den tschechischen Kurorten bei der Radregion Bayerisch-Böhmische Bäder." Von der Welterbe-Attraktion würde auch das Sibyllenbad mit seinem Alleinstellungsmerkmal Radon-Kur profitieren.

Zum Glück, denn die Freude über die Anerkennung als zweites Oberpfälzer Heilbad am Freitag, den 13. Dezember 2019, wurde wenig später durch die Pandemie getrübt: "Das war der Supergau", sagt Meyer, "wir hatten vorher die Besucherzahlen annähernd verdoppelt und zu dem Zeitpunkt Anfragen von überall her - und dann mussten wir den Bäderbetrieb einstellen." Mit Auswirkungen auf Hotels, Fremdenzimmer und Gastronomie. "Vielleicht erweist es sich nachträglich aber noch als Glück im Unglück, dass wegen Corona immer mehr Menschen in Deutschland Urlaub machen."

Das Prinzip "Kur" erhalte in jüngster Zeit wieder Auftrieb: "Wir haben heute erst darüber gesprochen, dass die Krankenkassen wieder stärker auf Prävention und Kuren setzen." Bad Neualbenreuth könne sich neben den mondänen böhmischen Kurbädern mit Wellness-Trends und bayerischer Gemütlichkeit profilieren: "Bei uns gibt es ein Waldgesundheitstraining und zur bayerisch-böhmischen Blasmusik eine Bratwurstsemmel statt klassischer Kurkonzerte." Ein Programm für die ganze Familie will Meyer: "Während die Eltern im Sibyllenbad kuren, bieten wir Kinderbetreuung an."

Freude und ein Schuss Skepsis

Petr Kulhánek, Bezirkshauptmann des Kreises Karlsbad, ist sich der Verantwortung bewusst: "Die Aufnahme in die Unesco-Liste erfordert eine sehr sorgfältige Überwachung durch Unesco-Experten, um sicherzustellen, dass es keine drastischen Eingriffe gibt." Bei den Kurorten sei das vor allem die Kurarchitektur und die sie umgebende Heillandschaft: "Einschließlich der Kurwälder, Parks und Gärten."

Es überwiege die Freude an allen Standorten - mit einem Schuss Skepsis: "Es gibt auch Kritiker, die befürchten, dass die Aufnahme in die Unesco-Liste eine Einschränkung der zukünftigen Entwicklung bedeutet." Er versuche deshalb zu vermitteln, dass eine strikte Beachtung des Denkmalschutzes eine Kofinanzierung notwendiger Investitionen aus nationalen und europäischen Quellen erleichtere.

Kulhánek hofft, dass trotz der aktuellen Corona-Maßnahmen, das Interesse an den drei Unesco-Bädern schnell wachsen wird. "Wir möchten mit anderen Welterbe-Städten Erfahrungen austauschen, wie man Touristen gewinnt, aber auch, wie man die notwendige Infrastruktur, Informationssysteme und Dienstleistungsnetze perfektioniert." Die Zusammenarbeit mit den nominierten deutschen Bädern - Bad Kissingen, Bad Ems und Baden-Baden sei schon in der Nominierungsvorbereitung angelegt.

Karlsbad lebt vom Tourismus

Die Freude ist auch in Karlsbad, dem größten Kurbad Tschechiens riesig: "Karlovy Vary ist eine Kurstadt, die vom Tourismus lebt", sagt Oberbürgermeisterin Andrea Pfeffer-Ferklová (ANO) zu Oberpfalz-Medien. "Die Aufnahme in die Unesco-Liste kann helfen, die Wirtschaft unserer Stadt wieder anzukurbeln." Als Auftrag empfindet es die 46-Jährige, den Bädercharakter mit der typischen Architektur und Stadtlandschaft, dem Kulturleben mit Theater und Oper sowie die therapeutische Landschaft zu erhalten. "Wir wenden uns mit unserem Angebot vor allem an Gäste, die für länger zu uns kommen wollen."

Eine Erweiterung der Kapazitäten sei derzeit nicht angedacht: "Karlsbad hat schon jetzt 11.500 Betten." Man wolle sich auf den Ausbau der Infrastruktur und von Parkplätzen konzentrieren. Zusammen mit Marienbad nehme man ein öffentliches Verkehrsprojekt in Angriff. "Wir bereiten auch gemeinsame Marketingprojekte vor und kooperieren bei Bike- oder Carsharing." Gefeiert wird dieses Wochenende zusammen mit allen Bürgern, die Lust haben: "Am Freitag fangen wir in Karlsbad an, am Samstag geht's weiter nach Franzensbad und am Sonntag schließen wir die Feier in Marienbad ab - auch Ihre Lesern sind herzlich eingeladen."

Marienbad: Freude und Stolz

"Natürlich überwiegen Freude und Stolz", sagt Martin Kalina (Piraten-Partei), Marienbads Bürgermeister. "Hunderte von Akteuren aus allen nominierten Städten haben über zehn Jahre daraufhin gearbeitet." Man habe es selbst in der Hand, die Zunahme des Tourismus sinnvoll zu steuern. "Unser großer Vorteil ist, dass unsere Städte seit jeher auf Tourismus ausgerichtet sind."

Neue Unterkunfte würden unter Aufsicht des "National Monuments Institute" geplant. "Derzeit gibt es mehrere Projekte für den Wiederaufbau bestehender oder den Bau neuer Unterkünfte." Auch Kalina setzt auf Kurgäste, die mehrere Übernachtungen in Marienbad anpeilen: "Das entspricht dem eigentlichen Spa-Gedanken." Gemeinsame Aktivitäten mit den anderen Bädern gebe es bei der Bewerbung.

Franzensbad: Zuwachs von 10 bis 12 Prozent

"Wir sind dran, unsere Kapazität um etwa 500 Betten zu erhöhen", erklärt Jan Kuchař (überparteilich), Bürgermeister von Franzensbad. "Das ist ein Zuwachs von 10 bis 12 Prozent." Man erwarte touristische Effekte des Welterbe-Titels in einem Umkreis von 20 Kilometern: "Also auch in Bayern." Alle derzeit laufenden Baugenehmigungen habe man vorgelegt: "Da erwarten wir keine Probleme." Der Bädertourismus habe sich bereits verändert und werde das auch weiter tun: "Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer unserer Gäste sind sieben Tage", sagt Kuchař, "und wird kürzer."

Hoteliers müssten sich an die richtige Klientel wenden, und sich an neuen Bedürfnissen orientieren: "Was wünschen sich asiatische, amerikanische oder europäische Kunden?" Der Anpassungsprozess werde etwa drei bis fünf Jahre dauern. "Wir brauchen neue Angebote wie Car- und Bike-Sharing, mehr Aktivitäten, eine gehobenere Gastronomie außerhalb der Hotels." Allerdings wolle man keine Party-Location werden: "Unsere Nächte bleiben ruhig, Partys können gerne außerhalb gefeiert werden."

Luisenbad: Trumpf im Ärmel

Auch wenn einige Franzensbader befürchten, jetzt könne alles teurer werden, sieht Kuchař für die Bürger vor allem Vorteile: "Es werden neue, besser bezahlte Arbeitsplätze entstehen - ich hoffe, dass dadurch auch Pendler aus der bayerischen Gastronomie zurückkommen."

Einen Trumpf hat der Bürgermeister des kleinsten Bades noch im Ärmel: "Das ehemalige Luisenbad bauen wir zu einer Reha-Klinik mit 200 Betten aus." Bei der Schulung des Personals arbeite man nicht nur mit Prag zusammen: "Wir haben eine Kooperation mit dem Klinikum Amberg sowie den Unikliniken Regensburg und Erlangen." Die bayerisch-böhmische Zusammenarbeit trage Früchte: "Wir wollen eine der besten Therapien Mitteleuropas anbieten."

Jubel auch in den neuen deutschen Weltkulturerbe-Städten

Deutschland & Welt
Info:

Bedeutende Bäder Europas

  • Belgien: Spa
  • Deutschland: Baden-Baden, Bad Ems, Bad Kissingen
  • Frankreich: Vichy
  • Großbritannien: Bath
  • Italien: Montecatini Terme
  • Österreich: Baden
  • Tschechien: Bäderdreieck mit
  • Franzensbad/Františkovy Lázně: Das Kurbad wurde 1793 durch Kaiser Franz II. angelegt.
  • Karlsbad/Karlovy Vary: „Von geheimem Feuer glühet und im Stillen heilt und nährt sich heilsam Wasser, Erd und Luft. Unser Herz an Freundes Wort“, rühmt Johann Wolfgang von Goethe Karlsbad 1806.
  • Marienbad/Mariánské Lázně: Mark Twain beschrieb das Städtchen (13.000 Einwohner) als die „modernste Stadt auf dem Kontinent, so schön, wie man es sich nur wünschen kann“.
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