09.04.2020 - 18:33 Uhr
KemnathOberpfalz

Versorgungsarzt für den Landkreis Tirschenreuth: „Die Lage ist ernst, sehr ernst“

Landkreis-Versorgungsarzt Dr. Peter Deinlein steht in einem Interview über die Corona-Situation im Kreis Tirschenreuth und die Folgen Rede und Antwort.

Allgemeinarzt Dr. Roland Vogel aus Kastl demonstriert, wie ein Full-Face-Schild aussieht. Gefertigt wurde es von Mitarbeitern des Krankenhauses Vohenstrauß.
von Holger Stiegler (STG)Profil

An die Bezeichnung "Versorgungsarzt" muss man sich erst gewöhnen - zu finden ist sie im bayernweiten "Notfallplan Corona-Pandemie", den das Gesundheitsministerium des Freistaats vorgestellt hat. Die Redaktion hat sich mit dem 43-jährigen Hausarzt Dr. Peter Deinlein aus Kemnath unterhalten.

Dr. Peter Deinlein aus Kemnath wurde zum Versorgungsarzt im Landkreis Tirschenreuth ernannt.

ONETZ: Herr Dr. Deinlein, Sie wurden zum Versorgungsarzt für den Landkreis Tirschenreuth berufen. Was ist das für eine Position?

Dr. Peter Deinlein: Der Versorgungsarzt ist von der Führungsgruppe des Katastrophenschutzes eingesetzt und untersteht dem Landrat. Zu den Aufgaben gehört die Aufrechterhaltung der ärztlichen Versorgung. Er organisiert die Zuteilung von Schutzausrüstung und soll auch, wo notwendig, Corona-Schwerpunktpraxen installieren. Hier liegt uns aktuell noch keine Richtlinie vor, so dass es sicher auch die Möglichkeit einer freiwilligen Lösung gibt. Jeder Arzt muss sich ausnahmslos und solidarisch der Versorgung seiner Region zur Verfügung stellen und weder in Schockstarre, noch Eigenbrötelei verfallen. Auch bei Quarantäne einer Praxis kann ein gesunder Mitarbeiter zumindest telefonisch das Management der Versorgung für die eigenen Patienten mit übernehmen. Nur müssen hierfür eindeutige Strukturen vorliegen. Dafür sorge ich jetzt.

ONETZ: Können Sie die öffentliche Kritik an der Einführung des Versorgungsarztes verstehen? Es ist ja von der „Entmachtung der Kassenärztlichen Vereinigung“ die Rede …

Ich verstehe, dass jede Körperschaft das Heft des Handelns selbst in der Hand haben möchte. Doch das Krisenmanagement der Bayerischen Staatsregierung ist absolut richtig und die einzelnen Beschlüsse hätten keinen Tag später kommen dürfen. Die kritische Lage, in der sich unser Landkreis jetzt befindet, kann man nicht zentral steuern. Sie muss täglich vor Ort neu bewertet werden. Es liegen zu viele bürokratische Hürden zwischen Berlin und Tirschenreuth und selbst der Weg von München nach Tirschenreuth ist lang. Im Kampf gegen das Virus ist Zeit ein entscheidender Faktor, deshalb stellen Bürokratie, Paragrafenreiterei, große Organisationen und zuletzt auch der Datenschutz Hindernisse dar, die dem Virus zusätzlich zu seiner Inkubationszeit noch ein paar Tage Vorsprung geben. Versorgungsärzte hebeln vorhandene Strukturen nicht aus, sie beschleunigen nur Prozesse, können die Lage vor Ort besser beurteilen als jemand aus der Ferne und nutzen dann die vorhandenen Strukturen der einzelnen Institutionen. Das persönliche Gespräch und der "kurze Dienstweg" sind unsere Stärke.

ONETZ: Wir haben einen Katastrophenfall, was soll der Einzelne tun?

Es geht um Solidarität mit den Mitmenschen und die bedarfsgerechte Verteilung von Gütern und Maßnahmen. Natürlich muss jeder an sich und die Seinen denken sowie vorausschauend handeln. Nur sollte man sein eigenes Handeln immer daraufhin überprüfen, ob andere dadurch einen Nachteil erleiden - und dies dann gegebenenfalls unterlassen. Die Ressourcen sollten dafür genutzt werden, Mitarbeiter und Bewohner von Pflegeheimen, Klinikpersonal und Patienten sowie die Kräfte des Rettungsdienstes zu schützen. Und darüber hinaus außerdem die essenziellen Berufe zur Aufrechterhaltung des öffentlichen Lebens. Wichtig ist ein offener Umgang im Falle einer nachgewiesenen Infektion: Dies kann Kontaktpersonen helfen, so rasch wie möglich in Quarantäne zu gehen. Nicht der Zeitpunkt der Diagnose ist entscheidend, sondern ein frühzeitiger und konsequenter Verzicht auf sämtliche außerhäusliche Kontakte. Diese Transparenz führt nach anfänglichem Zögern sicher zu einem langfristigen Vertrauensgewinn. Die Lage ist ernst, sehr ernst - auch in den Gemeinden mit vermeintlich wenigen Fällen, wie meiner Heimatstadt Kemnath. Denn wir sind meistens bis zu einer Woche zurück.

ONETZ: Und was mache ich bei einer leichten Erkältung?

Aktuell gibt es keine leichten Erkältungen. Es gibt leichte Covid-19-Verläufe, aber gerade hier kann viel, oft zu viel Zeit vergehen, bis ein weiterer "Waldbrand" entdeckt wird. Deshalb danke ich all denen, die sich bei einem leichten Infekt, selbst ohne Abstrich, diszipliniert zwei bis drei Wochen in Heimquarantäne begeben und ihre Mitmenschen vor der Ansteckungsgefahr schützen. Die Ärzte sind deutschlandweit angehalten, großzügig Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen, auch nach telefonischem Kontakt, auszustellen.

ONETZ: Wie gehen Sie mit Problemen in der Versorgung um?

Es ist konstruktive Kritik gefragt. Den schwarzen Peter hin- und herschieben ist unangebracht. Kritische Worte sind wichtig, solange sie Prozesse in Gang setzen, die zu einer Verbesserung der Lage führen. Statt uns hinter Hotlines zu verstecken, müssen wir wieder mehr auf ein aktives Management aller Patientenprobleme durch die niedergelassenen Ärzte setzen und auf die bedingungslose Solidarität im Landkreis. Auch wir Ärzte sind nicht frei von Fehlern, und die Krise zeigt, dass mein heutiger Kenntnisstand nur Aussagen über die Vergangenheit treffen kann. Das Virus ist uns immer sieben Tage voraus. Ich selbst habe auch vor drei Wochen Entscheidungen und Beurteilungen nach bestem Wissen und Gewissen getroffen, die nach meinem heutigen Kenntnisstand nicht optimal waren.

ONETZ: Gibt es eine ungerechte Verteilung von Hilfsgütern?

Die Covid-Pandemie ist eine Materialschlacht, auch deshalb haben die Chinesen die Erkrankung eindämmen können. Denn sie stellen die Produkte ja im eigenen Land her. Soweit ich weiß, haben die Arbeiter in den Fabriken nur mit Mundschutz arbeiten dürfen. Hier in Tirschenreuth benötigen gerade die Ärzte an der Basis kurzfristig persönliche Schutzausrüstung. Wir haben, bezogen auf die Einwohnerzahl, deutlich mehr Fälle als der bayerische Durchschnitt. Mit dem Vorhandensein von Schutzkitteln und Masken steht und fällt die ambulante Versorgung: Fallen zwei Hausarztpraxen, fällt ein Altenheim. Fallen zwei Altenheime, fällt eine Intensivstation! Und der Rettungsdienst muss das alles ausbaden. Berufsgruppen, die nicht an vorderster Front stehen, sollten sich aus Solidarität in der Situation mit Forderungen zurückhalten.

ONETZ: Welche Maske tragen Sie selbst?

Die ewige Diskussion um die Maske ist störend und lenkt davon ab, dass wir beispielsweise auch Schutzkittel benötigen. Aber solange keine zertifizierten Produkte erhältlich sind, werden wir improvisieren müssen. Jeder nutzt diese Produkte auf eigenes Risiko und dennoch steigern sie unsere Sicherheit. Das Material, welches diese Woche verteilt wurde, kann nicht jeder Arztpraxis in vollem Umfang zur Verfügung gestellt werden, sonders muss dorthin, wo eine Betreuung von Covid-19-Verdachtsfällen und Covid-19-Positiven geschieht. Alleingänge bei der Versorgung von Laien mit hochwertigen Masken sind bei der angespannten Versorgungslage kontraproduktiv und schaden den Rettungskräften sowie dem Pflegepersonal. Wer dies tut, handelt unsolidarisch! Wenn sich die Versorgungslage entspannt hat, sollte zuerst eine Versorgung am Arbeitsplatz und für Senioren erfolgen.

ONETZ: Was sind improvisierte Schutzmittel?

Das sind beispielsweise Einmalkittel aus dem Malerbedarf oder selbstgebastelte Full-Face-Schilder aus zwei Laminierfolien oder dem 3-D-Drucker gefertigt. Handwerklich oder technisch versierte Personen können diese für die Ärzte in ihrer Gemeinde anfertigen.

Hintergrund:

Positiv getestet

Wenige Stunden nach Beendigung des Telefon-Interviews mit Dr. Peter Deinlein meldete sich der Mediziner noch einmal zu Wort. „Jetzt hat es auch meine Familie erwischt“, sagte Deinlein. Seine Ehefrau Dr. Carolin Deinlein, die in Neustadt am Kulm praktiziert, sei positiv auf Covid 19 getestet worden. Er selber sei auch getestet worden – allerdings negativ. Die Praxis in Neustadt am Kulm sei nun geschlossen, die Praxis in Kemnath habe in der Woche nach Ostern wegen Umbauarbeiten sowieso planmäßig geschlossen. „Ich plädiere eindringlich für einen freiwilligen Shutdown in Kemnath. Bleiben Sie Ostern im eigenen Garten“, so Deinlein. (stg)

ONETZ: Wie können die Bürger sich und andere schützen?

Selbstgefertigte Mund- und Nasenmasken beispielsweise beim Einkaufen sind sicher sinnvoll. Ich warne aber davor, dauerhaft Einweghandschuhe zu tragen. Das kann schnell unhygienisch werden. Wichtig ist, sich richtig regelmäßig die Hände zu waschen.

ONETZ: Wie kann man einen Versorgungsarzt unterstützen?

Das einfachste ist, weder auf Einzelkämpfer noch auf das große Rudel zu setzen. Der Versorgungsarzt dient nicht den Ärzten, er dient den Bürgern im Landkreis. Im Krisenfall tritt häufig Panikverhalten auf, man greift zum Telefon und wählt unkoordiniert eine Nummer nach der anderen. Doch es wäre einfacher, sich auf Gemeindeebene zu koordinieren und Sprecher zu wählen, die dann die gesammelten Anfragen mit dem Versorgungsarzt oder dem Gesundheitsamt absprechen. Ich habe den Kollegen die Entscheidung abgenommen und für den gesamten Landkreis sieben regionale Sprecher festgelegt.

ONETZ: Wann tritt wieder die Normalität ein?

Ich schätze, dass dies in sechs bis acht Wochen der Fall sein wird, aber das ist reine Spekulation. Es wird auf jeden Fall eine andere Normalität sein. Ich stelle mich schon jetzt darauf ein, bis ins Frühjahr 2021 hinein in der Praxis eine Schutzmaske zu tragen, hoffentlich gibt es dann bequemere Modelle auf dem Markt. Es wird dauerhaft sinnvoll sein, Patienten mit chronischen Erkrankungen räumlich und zeitlich getrennt von Patienten mit Infekten zu behandeln. Und obwohl ich den persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt sehr schätze, wird trotz Händedesinfektion der Handschlag nur noch im privaten Umfeld stattfinden, und dies ebenfalls deutlich reduziert. Ich warne vor falschen Hoffnungen: Man kann dieses Virus nur bremsen, nicht stoppen!

Zahl der Todesfälle nimmt deutlich zu

Tirschenreuth
Hintergrund:

Corona-Gruß

Der Kemnather Mediziner hält wenig vom „Coronagruß“ mit dem Ellenbogen. „Jeder unnötige Kontakt ist zu unterlassen, denn er gefährdet mich und meine Familie“, so Deinlein. Ein freundliches Lächeln, ein netter Gruß oder ein paar Worte von der anderen Straßenseite würden doch ausreichen und zeigen dem Gegenüber, dass man ihn nicht gefährden will. „Als Arzt trägt man ständig das Risiko, sich und auch andere zu gefährden“, betont Deinlein. (stg)

Hintergrund:

Die Arztpraxen

Dr. Peter Deinlein betont, dass die Gegebenheiten vor Ort auf den Katastrophenfall anzupassen seien. „Wir müssen die Ärzte auf Gemeindeebene organisieren, die überwiegende Mehrheit der Kollegen im Landkreis hat dies bereits zugesagt“, so der Mediziner. Geplante Urlaube sollten weiterhin möglich sein, solange die Versorgung auf Gemeindeebene sichergestellt ist und bei krankheitsbedingtem Ausfall des Vertreterarztes eine Teilbereitschaft wiederhergestellt werden kann, d.h. telefonische Erreichbarkeit für dringende Anliegen eigener Patienten und die Altenheimversorgung.

Vertreterärzte müssten, was eigentlich selbstverständlich sein sollte, namentlich benannt und gemeldet sein. Deinlein formuliert noch weitere wichtige Aspekte: Ärzte, die selbst nicht testen, sollten für ihre Patienten bei vorhandener Indikation einen Test arrangieren. Infektiöse Patienten mit akutem Behandlungsanlass, welche man nicht in eigener Praxis untersuchen kann, sollte man zu einer Praxis mit getrennten oder besser sogar ausgelagerten Behandlungsräumen weiterempfehlen. In Gemeinschaftspraxen sollte mindestens ein Arzt keinen Kontakt zu Patienten mit Infekten jeder Art haben und somit zur Versorgung von chronisch Kranken zur Verfügung stehen, so Deinlein.

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