Jeder zweite Schweinehalter denkt ans Aufhören

Die Lage der Ferkelerzeuger ist katastrophal. Immer mehr Auflagen, immer schlechtere Preise, immer höhere Schulden. Viele stehen vor dem Aus. Oberpfalz-Medien sprach mit Landwirten und Vermarktungsexperten über die Entwicklung der Branche.

Wer wünscht sich nicht Fleisch von glücklichen Tieren? Die Ferkelerzeuger haben aber mit vielschichtigen Problemen zu kämpfen. Manche wollen die Tür ihres Schweinestalls für immer zumachen.
von Christine Walbert Kontakt Profil

"Wir sind als Ferkelerzeuger gewohnt, dass es einen Zyklus gibt mit Höhen und Tiefen. Aber seit drei bis fünf Jahren überwiegen die Tiefs, es gibt keine Hochs mehr", bringt es ein Junglandwirt auf den Punkt. Oberpfalz-Medien hatte ein Gespräch angeregt, zu dem einige Ferkelerzeuger nach Klobenreuth, ein Ortsteil von Kirchendemenreuth im Landkreis Neustadt, gekommen sind. Georg Thurn (Oberbibrach), Ralf und Manuela Schieder (Klobenreuth), Michael Mark (Bernstein) sowie Bernhard und Gabi Hösl (Klobenreuth) gehören zu der Runde. Werner Gollwitzer vom Fachzentrum für Schweinezucht und -haltung am Amt für Landwirtschaft und Forsten in Schwandorf ist auch dabei. Seit rund 20 Jahren ist die Schweinezucht sein Fachgebiet. Erst vor einigen Tagen ist der ohnehin schlechte Preis nochmals um 4 Cent gefallen. "Wir sind jetzt 1,20 Euro pro Kilo", erklärt der Fachmann. Von dem Preissturz habe der Verbraucher an der Ladentheke kaum etwas gemerkt.

Jeder zweite Schweinehalter will den Betrieb aufgeben, oft schon innerhalb der nächsten zwei Jahre. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) vom August. Die vielschichtigen Probleme sind nicht zuletzt globalen Entwicklungen geschuldet. Die Auswirkungen der Afrikanischen Schweinepest bei der Wildschweinpopulation zum einen und heruntergeschraubte Schlachtkapazitäten während der Coronapandemie zum andern werden noch getoppt von behördlichen Anweisungen, die mit erheblichen Investitionen verbunden sind. Gollwitzer nennt ein Beispiel: Die neuen Vorgaben für den Abferkelbereich müssen spätestens in 15 Jahren umgesetzt sein. Im Kastenstand dürfen die Sauen dann nur noch 5 Tage um den Zeitpunkt des Abferkelns gehalten werden. Im Deckzentrum wird die Einzelhaltung nach 5 beziehungsweise in Ausnahmefällen maximal 8 Jahren nicht mehr zugelassen. "So mancher Ferkelerzeuger sieht sich nicht mehr in der Lage, da mitzumachen."

Futter- und Energiepreise explodieren

In der Runde befinden sich Landwirte, die erst vor wenigen Jahren ihre Ställe normengerecht umgerüstet oder erweitert und dafür stattliche Kredite aufgenommen haben. Jetzt müssen sie erkennen, dass diese Maßnahmen schon wieder überholt sind. "Ich habe im Dorf keine Erweiterungsmöglichkeit. Bei mir geht das Ganze nur mit Bestandsabstockung. Ich muss also jetzt Geld in die Hand nehmen, um danach weniger Ertrag zu haben, denn mit höheren Ferkelpreisen können wir wohl nicht rechnen", argumentiert ein junger Landwirt. Dazu kommen zur Zeit sehr teure Futter- und Energiekosten.

Der Verbraucher fordert immer höhere Standards. Spezielle Tierwohlställe mit noch mehr Licht, Luft und Bewegungsfreiheit würden laut Gollwitzer hinsichtlich der Vorgaben keinen großen Unterschied mehr machen zur ökologischen - also Bio-Schweinehaltung. Die Umsetzung sei jedoch kaum machbar: "Da gibt es noch große Probleme mit dem Genehmigungsrecht." Von den derzeitig hohen und unsicheren Baupreisen ganz zu Schweigen. Zum Thema "Bio" meinen die Ferkelzüchter einstimmig, dass es sich um eine Nische handelt, die ihre Berechtigung hat. Als echte Alternative werde sie aber nicht in Betracht gezogen, weil die meisten konventionellen Betriebe den Bestand nicht nach Außen verlegen können. "Wenn nur ein großer Schweinezüchter auf Bio umsteigt, ist der Markt relativ voll", erklärt Gollwitzer.

Zum Standort Deutschland bekennen

"Gute zwei Prozent im Schweinefleisch-Bereich stammen aktuell aus Biobetrieben", weiß Willi Wittmann, Stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Erzeugergemeinschaft (EG) Südbayern. Zusammen mit EG-Geschäftsstellenleiter Peter Nißl ist er der Ansprechpartner, wenn es um die Nutz- und Schlachtviehvermarktung geht. Die Gemeinschaft schließt den Kreislauf von der Lieferung der Ferkel bis zur Belieferung an den Endverbrauchermarkt. Wittmann ist seit Jahrzehnten im Geschäft, eine derartig schlimme Situation ist aber auch für ihn Neuland. "Es gibt kaum einen Schlachtbetrieb in Deutschland, der eine wirtschaftlich schwarze Null einfährt." Sein Appell klingt deutlich: "Es gibt nur eine Chance. Alle Beteiligten in der Kette müssen sich zum Standort Deutschland bekennen und beim Einkauf auf heimische Produkte zurückgreifen. Ansonsten bekommen wir Fleisch aus dem Ausland, wo die Standards nicht kontrolliert werden." Der Politik wirft er vor, dass neue Vorgaben vom Schreibtisch aus erlassen würden: "Da sind keine Praktiker dabei."

Der EG-Vorstandsvorsitzende bringt die vier Haltungsstufen ins Gespräch, die als Labels auf den Produkten im Lebensmitteleinzelhandel ersichtlich machen, wie das Tier gehalten wurde, und den Druck auf die Erzeuger noch weiter erhöhen: Stallhaltung (Stufe 1), Stallhaltung Plus (Stufe 2), Außenklima (Stufe 3) und Premium (Stufe 4). "Zwei Drittel der Schweinemäster sind in Haltungsstufe 1. Und auch diesen Landwirten müssen wir die Chance geben, ihren Arbeitsplatz aufrecht zu erhalten", betont Wittmann. Der Druck der Verbraucher sei enorm. Sollte der Lebensmitteleinzelhandel nur mehr Fleisch der Kategorie 3 verkaufen wollen, "dann haben wir ein Problem, weil das mit einem Betrieb im Dorf nicht zu machen ist."

"Wir sehen den Trend, dass sich die Anzahl der Ferkelerzeuger alle sieben Jahre halbiert", informiert Gollwitzer. "Und das sind nicht nur Landwirte, die auf die Rente zugehen." Neueinsteiger gebe es hingegen überhaupt nicht mehr. Wenn man die Halter mit weniger als 10 Mutterschweinen herausrechnet, bleiben 200 Ferkelerzeuger in der Oberpfalz, sowie 10 Ferkelerzeuger im Landkreis Neustadt/WN mit Weiden übrig, die 10 Muttersauen und mehr halten."

Aufhören mit einem Berg Schulden

Die Frage nach dem Aufgeben bringt in der Runde ein eindeutiges Ergebnis: "Wir können gar nicht aufhören, weil wir in den vergangenen Jahren so viel investiert haben", sagt der eine. "Jedes Tier verlässt erst den Stall, wenn man ihm einen 20-Euro-Schein hinten drauf macht. Wir zahlen Eintritt für unseren Schweinestall", lautet eine weitere Umschreibung. Auch Gollwitzer bestätigt: "Der durchschnittliche Betrieb verbrennt derzeit 6000 Euro im Monat. Das Geld für den mittelfristig nötigen Futtereinkauf fehlt, weil es schon verbraucht ist. Ein geordneter Rückzug ist bei einigen Betrieben nicht mehr möglich, weil sie mit einem Berg Schulden aussteigen müssten. Nur die Veräußerung von Grund und Boden würde diese Landwirte retten."

Richtig mürbe mache die Schweinezüchter die Tatsache, dass ihr gesellschaftliches Ansehen offensichtlich immer weiter sinkt. "Man ist nur mehr der Umweltvergifter und Nitratverursacher." Ein anderer Sprecher gibt zu Bedenken: "Wir machen ja gerne alles, was unsere Verbraucher und Kunden wünschen. Wenn es sein muss, reiben wir die Schweinchen täglich mit Bier ein, um später einen knusprigen Bierkrustenbraten zu bekommen. Dieser Mehraufwand sollte nur ehrlichkeitshalber bezahlt werden." Die Versorgung mit gesunden, hochwertigen und intensiv kontrollierten Lebensmitteln von gesunden und glücklichen Tieren sei nach wie vor das gemeinsame Ziel.

Billiges Schweinefleisch in Discountern

Deutschland & Welt

"Wir sehen den Trend, dass sich die Anzahl der Ferkelerzeuger alle sieben Jahre halbiert. Und das sind nicht nur Landwirte, die auf die Rente zugehen."

Werner Gollwitzer vom Fachzentrum für Schweinezucht in Schwandorf

Werner Gollwitzer vom Fachzentrum für Schweinezucht in Schwandorf

"Alle Beteiligten in der Kette müssen sich zum Standort Deutschland bekennen und beim Einkauf auf heimische Produkte zurückgreifen. Ansonsten bekommen wir Fleisch aus dem Ausland, wo die Standards nicht kontrolliert werden."

Willi Wittmann von der Erzeugergemeinschaft Südbayern

Willi Wittmann von der Erzeugergemeinschaft Südbayern

 

 

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