03.08.2021 - 17:45 Uhr
KulmainOberpfalz

Mäuseburg und Monitoring: Hinter den Kulissen des Kauzprojekts

Eulen finden viele Menschen faszinierend. Und so gewinnt auch das Oberpfälzer Habichtskauzprojekt immer mehr Unterstützung. Die kommt bis aus Frankreich.

Bereit zum Abflug: Die imposanten Eulen aus Frankreich hatten gut einen Monat Zeit, um sich in der Oberpfalz einzugewöhnen.
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Es ist, als ob die Vögel es geahnt hätten. Die jungen Habichtskäuze sitzen eng aneinandergedrückt auf einem Ast und schauen Richtung Besucher, als wollten sie sich von ihrer besten Seite zeigen. Dabei können die Eulen die Gäste gar nicht sehen, denn sie blicken auf eine verspiegelte Scheibe. Die Voliere im Staatsforst Hessenreuther Wald, in der sie die vergangenen vier Wochen verbracht haben, soll den Kontakt mit Menschen auf ein Minimum beschränken. "Wir wollen die Käuze schließlich vom Menschen entwöhnen", sagt Michaela Domeyer. Sie hat das Gehege geplant und betreut die Tiere federführend.

Aus Frankreich nach Bayern

Seit November 2017 arbeitet die studierte Forstingenieurin beim Verein für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern (VLAB), der seinen Sitz in Erbendorf (Kreis Tirschenreuth) hat. Die Wiederansiedlung des Habichtskauzes ist ein Vorzeigeprojekt des Vereins. Von 2017 bis 2020 wurden insgesamt 29 der imposanten Eulen in der Region ausgewildert. Heuer kommen elf weitere hinzu. Vergangene Woche öffnete sich die Voliere für fünf Käuze. Sie waren am 1. Juli in der Oberpfalz angekommen, geschlüpft sind die Tiere in Frankreich: in einem großen Freizeitpark nahe Nantes, in einem Tierpark zwischen Straßburg und Nancy und in einem Park der französischen Staatsforsten in Rambouillet bei Paris.

"Optimal sind die Vögel zwischen 60 und 70 Tagen alt, wenn sie zu uns kommen", erklärt Domeyer. "Wir warten quasi, bis sie aus dem Kasten hüpfen und vom Nestling zum Ästling werden." Dann könnten die Käuze selbständig fressen und seien reif für den Transport in die Oberpfalz. In mit Reisig ausgepolsterten und mit Belüftungslöchern versehenen Pappkartons trafen die jungen "Franzosen" in ihrer neuen bayerischen Heimat ein und wurden gleich beringt. So lassen sich die ausgewilderten Käuze später von ihrem Nachwuchs sicher unterscheiden.

Möglichst wenig Kontakt

Reif für die Wildnis sind die fluffigen Federknäuel mit neun bis zehn Wochen allerdings noch nicht. Deshalb verbringen sie weitere vier Wochen in Volieren mitten im Wald. Hier gewöhnen sie sich an ihre künftige Heimat und üben, selbständig Futter zu finden. "Wir möchten die Käuze nicht auf Menschen fehlprägen", sagt Michaela Domeyer. Das Futter stecken die Betreuer deshalb in der Vorkammer der Voliere in Rohre, aus denen es im Gehege auf einen Futtertisch fällt. Auf dem Speiseplan der Eulen stehen vor allem Mäuse, ergänzt durch Ratten, Wachteln und Hühnerküken. "Das ist vor allem Frostfutter und kommt vom Bodensee", sagt Domeyer, die damit zu Hause eine riesige Gefriertruhe befüllt. Die Betreuer der einzelnen Volieren unterhalten jeweils kleinere Eisschränke. Für das Federwachstum sei es wichtig, dass die Vögel täglich gefüttert würden. Die gelernte Försterin führt deshalb darüber genau Buch.

Jede Voliere beherbergt zudem eine eigene "Mäuseburg". Sie wird mit Getreide befüllt und soll Nager aus dem Wald ins Gehege locken, damit die Käuze ihr Jagdtalent testen können. Domeyer hat dafür gesorgt, dass den Eulen auch Stammstücke zur Verfügung stehen, "denn in der Natur setzen sie sich da oft zum Fressen drauf". Unterschiedlich dicke Äste in unterschiedlichen Höhen laden zum Hüpfen und Sitzen ein. "Das ist wichtig, um die Füße und Krallen zu trainieren." Ein Drittel der Voliere ist voll verkleidet, um den Tieren eine Rückzugsmöglichkeit zu schaffen, und auch an verschiedene Bodenstrukturen hat Domeyer gedacht. "Das sind Tipps, die ich von Falknern, Gehegen und vom Nationalpark Bayerischer Wald bekommen habe." Um den Bruterfolg zu sichern, hat der VLAB in einem Umkreis von 50 Kilometern um die einzelnen Volieren außerdem spezielle Nistkästen angebracht. Auch diese lernen die Tiere bereits in der Voliere kennen.

Franzosen begeistert

Dass es den Eulen in ihrer neuen Heimat gut geht, davon überzeugen sich Ende Juli auch Gäste aus Frankreich. Die Falkner Romuald de Romans von der Nationalen Forstverwaltung in Rambouillet und Thierry Bouchet aus dem Freizeitpark "Puy du Fou" nahe Nantes sowie der Biologe Dr. Simon Potier von der Falknerei "Les Ailes de l'Urga" in der Normandie waren auf Einladung des VLAB in die Oberpfalz gereist und sind live bei der Auswilderung dabei. "Es ist wirklich wichtig für die Züchter, die Tiere hier in der Natur zu sehen", erklärt Dr. Potier. Seine Begleiter bestätigen: "Als Falkner bieten wir den Menschen Shows und Vorführungen, aber wir müssen und wollen auch der Natur etwas zurückgeben." Was sie im bayerischen Staatsforst zu sehen bekommen, gefällt ihnen. "Die Vögel sind bei guter Gesundheit und die Betreuer sind mit Leidenschaft dabei. Wir glauben, dass die Zusammenarbeit von Deutschland und Frankreich sehr fruchtbar verlaufen kann", lautet das Fazit der Gäste. Man habe mannigfaltige Eindrücke gesammelt und viel zu erzählen. "Es würde uns sehr freuen, wenn unsere Kinder diese Vögel eines Tages in der Natur sehen könnten."

Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. In den ersten Wochen nach der Auswilderung wird den Tieren abends noch Nahrung an den Futtertischen angeboten, denn auch Käuze müssen das Jagen erst lernen. "Die Jungtiere sind erst mit einem halben Jahr selbständig", erklärt Michaela Domeyer. Kameras, zum Teil mit Funkanbindung, zeichnen das Geschehen an der Futterstelle auf. "Und tatsächlich ist letztes Jahr sogar im Oktober nochmal ein Kauz an den Futtertisch zurückgekommen. Den haben wir dann schnell befüllt." Doch auch mehrere Sichtungen von Förstern, Jägern oder Waldbesuchern beweisen, dass die Vögel ihrer neuen Heimat treubleiben. "Es gibt sogar Fotos." Wenn man die scheuen Eulen nicht zu Gesicht bekommt, dann kann man sie manchmal zumindest hören, etwa zur Balzzeit. "Für dieses akustische Monitoring braucht man allerdings ein geschultes Ohr", sagt Domeyer.

Großes Netzwerk

Ein Monitoring findet auch für die Nistkästen statt, die den Habichtskäuzen das Brutgeschäft erleichtern sollen. Michaela Domeyer versucht, alle Standorte in Karten einzutragen. "Inzwischen haben sogar Privatleute welche in ihrem Wald aufgehängt", freut sie sich. Es gebe ein großes Netzwerk von Experten, Unterstützern und Spendern: "Dafür sind wir sehr dankbar." Mit vereinten Kräften komme der VLAB seinem Ziel näher: "Wir möchten uns mit dem Projekt langfristig bis nach Böhmen und in den Bayerischen Wald vernetzen." Denn ganz von alleine würden die Habichtskäuze sich nur sehr langsam wieder in ihrer ehemaligen Heimat ausbreiten.

Heimat einiger Käuze war ein französischer Freizeitpark, in dem Dutzende Falkner Hunderte von Vögeln für eine beeindruckende Show trainieren.

Schon vergangenes Jahr fanden Tiere aus Frankreich ein neues Zuhause in der Oberpfalz.

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Hintergrund:

VLAB-Habichtskauzprojekt

  • Bis 1926 gab es eine Kleinpopulation des Habichtskauzes (Strix uralensis) im Bayerischen Wald und im Böhmerwald. In Folge eines Wiederansiedlungsprojekts im Nationalpark Bayerischer Wald kam es 1989 zur ersten erfolgreichen Freilandbrut in Bayern.
  • Die Tiere für das Habichtskauzprojekt des VLAB kommen aus verschiedenen Zuchten. In Deutschland geben unter anderem der Tiergarten Nürnberg und der Opel-Zoo im hessischen Kronberg/Taunus Jungtiere in die Oberpfalz ab.
  • In einem Umkreis von 50 Kilometern um die insgesamt vier Volieren wurden bisher rund 180 Brutkästen installiert. Zur Verbesserung des Lebensraums für die Habichtskäuze sind offene Flächen im Wald, Kleingewässer sowie starkes stehendes Totholz und Hochstümpfe neu geschaffen oder vorhandene Strukturen verbessert worden. Das kommt auch anderen Tierarten, Pilzen und Pflanzen zugute.
  • Kooperationspartner des Habichtskauzprojektes sind neben den Bayerischen Staatsforsten unter anderem die Heinz-Sielmann-Stiftung, die Güterverwaltung Friedenfels, die Forstverwaltung der Stadt Augsburg, der Deutsche Falkenorden und der Nationalpark Bayerischer Wald.

 

 

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