26.11.2021 - 14:30 Uhr
Liebenstein bei PlößbergOberpfalz

Das versunkene Anwesen im Liebensteiner Speicher taucht wieder auf

Vor 55 Jahren siedelte Familie Sammet um. Grund war der Bau des Stausee Liebenstein. Ihr ehemaliges Haus wurde damals abgerissen und geflutet. Jetzt sind die Grundmauern wieder sichtbar.

Die Schafmühle samt Wohnhaus, Sägewerk, Turbinenhäuschen und Stallungen für Kühe und Pferde. Der Hof wurde Mitte der 1960er Jahre wegen des Baus des Hochwasserspeichers vom Wasserwirtschaftsamt abgelöst. Das Gebäude, das erst 12 Jahre alt war, musste abgerissen werden.
von Lena Schulze Kontakt Profil

"Wir mussten damals schon viel aufgeben", erinnert sich Erika Sammet an die Umsiedelung ihrer Familie. Die 79-Jährige heiratete 1962 auf die Schafmühle ein. Nur vier Jahre wohnte sie gemeinsam mit ihrem Mann Karl Sammet und ihren Schwiegereltern auf dem Anwesen. Der älteste Sohn Wolfgang (58) war bei der Umsiedlung im Oktober 1966 vier Jahre alt, er kann sich nur noch vage an die alte Schafmühle erinnern oder weiß Grobes von Erzählungen seiner Oma oder seines Vaters. Sein jüngerer Bruder Karl Sammet junior kam erst 1967 zur Welt und kennt nur die Schafmühle an ihrem heutigen Standort.

Alternative Enteignung

Die Schafmühle an der Waldnaab war damals noch gar nicht alt, als der Liebensteinspeicher von 1965 bis 1968 errichtet wurde. Das neue Wohnhaus der Schafmühle wurde erst 1954 erbaut, berichtet Erika Sammet. Dazu gehörten damals schon ein Sägewerk, eine Mühle samt Turbine und Stallungen für Kühe, Pferde, Hühner, Gänse und Enten. Auch einen Backofen gab es am alten Haus.

"Da konnte man damals wenig machen. Da hieß es, der Hochwasserspeicher ist wichtig für die Allgemeinheit." Zu verhandeln sei da nicht viel gewesen. "Wir konnten uns nicht wehren. Die Alternative wäre Enteignung gewesen", weiß Erika Sammet. Auch daran, dass ihre Schwiegereltern und ihr Mann damals alles in der Hand hatten. "Der Vater hat sich oft sehr geärgert", sagt sie. Insgesamt lagen 80 bis 90 Prozent des Grundes der Familie im heutigen Stausee. Wiesen, Felder, Wald. Die Ablöse-Summe war etwa nur ein Drittel von dem, was der Neubau an der heutigen Stelle kostete, sagt Wolfgang. "Das hat der Vater mal erzählt." "Das war halt damals so. Wir mussten mit dem zufrieden sein, was wir bekommen hatten", macht seine Mutter deutlich. "Das hat uns schon finanzielle Sorgen bereitet. Wir standen kurz vor der Pleite."

Die 79-Jährige erinnert sich, dass es den Schwiegereltern sehr schwer fiel, die alte Mühle zu verlassen. Sie berichtet, dass ihr Schwiegervater noch bis zum Schluss Mehl gemahlen hat. Die Mühle wurde am neuen Anwesen nicht mehr aufgebaut. "Das hat ihn schwer getroffen. Und es war das Geburtshaus von meinem Mann, der hing natürlich auch dran", sagt sie. Besonders schwer fiel es ihrem Gatten, die Pferde - seine "Gaul" - aufzugeben.

Miete für alten Wohnsitz gezahlt

Nachdem die Ablösesumme gezahlt wurde, wickelte das Wasserwirtschaftsamt alles ab. Mit der Umsiedelung nicht genug, musste die Familie sogar noch einige Monate Miete in der alten Schafmühle an die Behörde zahlen, weil das neue Haus noch nicht fertig war und die Sammets noch nicht umziehen konnten. Der alte Wohnsitz gehörte ihnen aber nicht mehr. "Eigentlich wollten die, dass wir ganz wegsiedeln", erklärt Erika Sammet. Das sei aber keine Option gewesen. "Da wären meine Schwiegereltern nicht mitgegangen." Deshalb wurden der Familie rund um den heutigen Speicher drei Grundstücke angeboten. Vom Bauamt wurde ihnen der jetzige Standort empfohlen.

Nach einem Probestau, bei dem das Haus metertief unter Wasser stand, ging es rasch zu Ende mit der alten Schafmühle. "Die waren da so schnell mit dem Ausräumen und Wegschieben", sagt Erika Sammet. Mit dem Schutt wurden die Keller aufgefüllt. Übrig blieben nur die Grundmauern. Die Säge und die Ställe waren das Erste, das umgezogen ist. Im Oktober 1966 folgte dann die Familie. Die Sammets erzählen, dass damals auch die Kriegermühle abgelöst wurde und die Familie Ende der 1960er, Anfang der 1970er umsiedeln musste.

Nur wenige Meter Mauer sichtbar

Wegen der Bauarbeiten an der Stausee-Brücke wurde der Pegel des Speichers nun auf 519 Meter über dem Meeresspiegel abgelassen - damit sind die Grundmauern nach 30 Jahren wieder sichtbar. Einen so niedrigen Pegel gab es bereits Anfang der 1990er Jahre einmal, als ein Revisionsverschluss am Abfluss des Stausees eingebaut wurde. "Wir waren schon drunten und haben's uns angeschaut. Aber mei, was will ma da sehen. Das ist über 50 Jahre her und alles eingeschlammt", sagt Erika Sammet zu den Überbleibseln. Vom ehemals großen Gehöft zu sehen ist lediglich das Fundament des Turbinenhäuschens. Eine kleine Treppe führte hinunter zur Waldnaab, links und rechts davon standen zwei Erlen. Über die alte Schafmühle gibt es kaum mehr Unterlagen oder Bilder. "Der Vater hätt' vielleicht nu mehr g'wusst", sagt Wolfgang Sammet. Karl Sammet sen. starb 2019.

Glocke das einzige Überbleibsl

Das Einzige, was heute noch von der ursprünglichen Mühle übrig ist, ist die Glocke auf dem Dach. "Der Vater war richtig verärgert wegen der ganzen Sach. Am Schluss wollt er nicht mal die Glocke behalten", sagt Karl Sammet. Zum Glück überredeten ihn vor über 50 Jahren die Zimmerer doch, sie nicht wegzugeben. Als Sohn Karl junior das Dach 1998 erneuern ließ, kam die Glocke wieder aufs Dach der jetzigen Schafmühle. Sie läutet jeden Tag dreimal und erinnert so auch an die geflutete Schafmühle.

Im Oktober starteten die Bauarbeiten für die Erneuerung der Stausee-Brücke

Liebenstein bei Plößberg

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Liebenstein bei Plößberg

„Da konnte man damals wenig machen. Da hieß es, der Hochwasserspeicher ist wichtig für die Allgemeinheit. Die Alternative wäre Enteignung gewesen.“

Erika Sammet über die Ablöse der alten Schafmühle

 

 

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