28.09.2020 - 10:49 Uhr
Luhe/Luhe-WildenauOberpfalz

Tante-Emma-Laden wird zum Wohnhaus

Da, wo Jahrzehnte lang Bratheringe verkauft, Öl und Essig aus Fässern abgefüllt, Mausefallen und Fliegenfänger angeboten wurden, wo sich Luhe beim Einkaufen traf und jedes Kind ins „Gutti-Glas“ fassen durfte, können nun zwei Familien leben.

von Redaktion ONETZProfil

Aus dem originellen Tante-Emma-Laden der „Ruf-Helga“ ist ein Wohnhaus geworden, das zwei Familien Platz bietet. Bei einem flüchtigen Vorbei könnte man glatt meinen, der Laden stünde noch so wie früher. Darauf deuteten auch die großen Buchstaben über den beiden runden Eingangstüren“ Friseur Joh. Ruf Kolonialwaren“ hin und erinnern an alte Zeiten. Doch neue, rotbraune Fassadenfarbe, neue, weiße Sprossenfenster und ein neues Dach lassen Anderes erkennen.

Im Jahr 1898 hatte Großvater Johann Ruf den Kramerladen gegründet, in dem man bis 2003 einkaufen konnte. Seit 1928 war die Einrichtung unverändert geblieben. Als ein Supermarkt eröffnete, schloss das Luher Original, die „Ruf-Helga“, die für ihre Kunden immer aufmunternde Worte, oder eine Anekdote auf den Lippen hatte, ihre Ladentür für immer. Sie verstarb 2018.

Dann ging das ortsbildprägende Gebäude, mitten auf dem Marktplatz, das unter Denkmal- und Ensembleschutz steht, an Georg und Tobias Kick über, Verwandte von Helga Arnold. Und da es im Sinne der Helga gewesen sei, dass das Haus nicht verkauft wird, begannen alsbald Planungen und Vorarbeiten für eine Sanierung. Zunächst hielt ein Fotograf des Landesamtes für Denkmalpflege den Ist-Zustand des schönen, rosaroten Kaufladens fest. „Dann starteten die Verhandlungen mit dem Landesamt für Denkmalschutz“, erzählt Tobias Kick. Bei der alten Ladeneinrichtung habe man zunächst an das Museumdorf Neusath des Bezirks Oberpfalz gedacht. Eine Übernahme sei jedoch bis auf ein paar Einzelteile an den dortigen Platzverhältnissen gescheitert.

„Mit der alten, skalierten Waage mit den Gewichten, an der man den Preis ablesen konnte, habe ich das Rechnen geübt“, schmunzelt Vater Georg Kick, bis vor kurzem noch Leitender Schulamtsdirektor im Schwandorfer Schulamt. Sie steht jetzt in Neusath. Der Großteil der Inneneinrichtung sei an einen Privatmann in Sinzing gegangen, der alte Sachen nachbaut, mit denen dann auch Filme ausgestattet werden, informiert Kick junior. Ein Teil sei bei einem Sammler im Landkreis Neustadt/WN geblieben.

Nach Wochen des Ausräumens und der Vorbereitung – „Es musste alles vermessen werden, ein Bauphysiker hatte das Mauerwerk für gut befunden“ –, begannen im März dieses Jahres die Arbeiten. „Durch den Denkmalschutz war auch noch ein Brandschutzkonzept mit Brandschutzmauer nötig geworden,“ blickt Tobias Kick zurück.

Keine Probleme habe man mit dem Landesamt für Denkmalpflege gehabt, so Vater und Sohn Kick. Mit Diplomingenieur Raimund Karl aus München habe man immer einen Konsens gefunden. „Wir haben keine Mauer verändert – lediglich über 1000 Quadratmeter abgespachtelt und abgewaschen. Die Innentüren ohne Sturz, mit Echtholzrahmen und die runden Eingangstüren wurden nur renoviert.“ Ein Schreiner aus dem Landkreis habe die Fenster von 1928 (auch dieses Haus war beim damaligen Großbrand mit abgebrannt) mit Oberlichte im Original nachgebaut. Dass die Denkmalpfleger dabei auch auf Details, wie „Kämpfer“ (eine Art Holzleiste, die die Oberlichte vom Fenster abgrenzt) Wert legen, versteht sich. Außenfensterbretter nicht von der Stange, sondern vom Spengler angefertigt. Holzfensterbretter in Inneren originalgetreu nachgeschreinert.

Belassen wurden auch die Fußböden im Obergeschoss, dicke Fichtenbohlen. „Die haben wir nur abgeschliffen und neu versiegelt.“ Auch die alte Eichentreppe erstrahlt in neuem Glanz. Ein „Ich habe die Schnauze voll" habe sich nie eingestellt, weil die Handwerker stets die Termine vorgegeben hätten, so die Kick-Männer unisono. Zurückschauend erklärt Tobias Kick: „Es hat schon Zeit gebraucht, um sich da rein zu finden. Man muss den Sinn dahinter verstehen, dann kann man auch voll dahinter stehen.“

Die „nostalgisch angehauchten“ Fliesen haben Mutter Sieglinde und Ehefrau Marlene ausgesucht. Schönster Wohnraum mit je 120 Quadratmetern ist so im Erd- und Obergeschoss entstanden. Mit Terrasse und Balkon. Ein dickes Lob haben die Bauherren auch für die Oberpfälzer Handwerksbetriebe. „Kompetent, pünktlich und zuverlässig“.

Was noch Arbeit abverlangen wird, sind Waschküche, Werkstatt und Holzschuppen sowie der alte Felsenkeller. Stellplätze sind geschaffen, der Garten mit altem Baumbestand ist erhalten. Und in einem sind sich die Kicks auch einig: „ Die Helga würde es auf jeden Fall freuen, dass in Kürze junge Luher in ihr Haus einziehen.“ Junge Luher, die vor vielen Jahren schon in ihr „Gutti-Glas“ fassen durften.

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