09.04.2020 - 18:58 Uhr
MarktredwitzOberpfalz

Wegen Corona-Irrtum seit drei Wochen von Frau und Heim getrennt

Es war nur ein Arztbesuch, den Jürgen Schlieske machen wollte. Jetzt sitzt er in Marktredwitz fest und kann nicht mehr nach Hause. Schlieske lebt mit seiner Frau Jitka in Marienbad. Aber die Grenzen sind auch für ihn dicht.

Jürgen Schlieske sitzt in seinem Marktredwitzer Büro an seinem Schreibtischund hofft sehr, dass er über seinen Aufruf durch Oberpfalzmedien die Herzen der Grenzbeamten am Grenzübergang Selb erweichen kann. Der Marktredwitzer wohnt eigentlich in Marienbad, aber er darf nicht mehr zu seiner Frau Jitka seit die Grenzen dicht sind.
von Ulla Britta BaumerProfil

Die Geschichte, die Jürgen Schlieske Oberpfalz-Medien erzählt, ist eine von vielen in der Coronakrise, die vor wenigen Wochen gar nicht möglich gewesen wären. Aber Corona ändert alles und trennt auch Menschen von ihren Lieben. Aber in diesem Fall ist wohl eher ein Versehen passiert, das nun an der Bürokratie scheitert. Jürgen Schlieske will zu seiner Frau Jitka. Sie ist gebürtige Tschechin, das Ehepaar lebt in Marienbad. Nur sind jetzt die Grenzen dicht und der Marktredwitzer kommt nicht mehr zurück. Alles auf Anfang: Jürgen Schlieske, 68 Jahre alt, ist deutscher Staatsangehöriger. Seit 2005 ist er mit Jitka verheiratet, die eine Marienbaderin ist. Das Paar lebt seither in Marienbad. "Wir haben dort einen großen Garten und zwei Hunde", erzählt Schlieske. Gleichzeitig betreibt der SAP-Berater und Projektmanager ein Büro in Marktredwitz.

Zusatzverdienst als Berater

Er sei schon Rentner und habe lange in der Branche gearbeitet, erzählt er. Nun bessere er seine Rente mit einem kleinen Zusatzverdienst als selbstständiger Berater auf. Schlieske verrät uns offen, dass er vor einigen Jahren einen Herzinfarkt mit Nachfolgekrankheiten hatte. Seither sei er in Behandlung bei einem Kardiologen in Marktredwitz. "Den muss ich regelmäßig aufsuchen." Dass ausgerechnet ein Besuch beim Arzt ihn aus Tschechien aussperren sollte, hätte sich Jürgen Schlieske nicht im Traum vorstellen können. Am 16. März fuhr er deshalb wieder einmal nach Marktredwitz. Er blieb eine Woche, weil er wegen einer Medikamenten-Unverträglichkeit in Beobachtung des Arztes bleiben sollte. Dann kam die Grenzschließung.

Schlieske hat die Lage völlig unterschätzt. Er dachte, als deutscher Staatsbürger mit einer tschechischen Ehefrau in Marienbad sei er nicht von den neuen tschechischen Grenzverordnungen betroffen. Aber seit 23. März dürfen tschechische Arbeitnehmer im Grenzgebiet nicht mehr zurück.

Nun erst wurde Schlieske der Ernst seiner Lage bewusst. Er überlegte, wohin er sich nun mit seinem Anliegen wenden könnte und rief die Polizeiinspektion Marktredwitz an. "Der stellvertretende Dienststellenleiter dort sagte mir, ich soll einfach an die Grenze fahren und es versuchen. Wenn ich nicht rüberkomme, habe ich Pech gehabt."

Mutig geworden nahm Schlieske diesen Rat an. Ohne Erfolg. Er wurde postwendend am Grenzübergang Selb zurück nach Marktredwitz geschickt. "Die deutschen Grenzbeamten hatten Verständnis und hätten mich weiterfahren lassen. Aber die Tschechen nicht", klagt er. Seither sitzt Schlieske in Marktredwitz fest und kann froh sein, dass er wenigstens ein Büro hat. "Ich schlafe auf einer Luftmatratze und wasche meine Wäsche umständlich in einem Waschsalon", erzählt er.

Zwar habe er in seinen Räumen die Möglichkeit, sich Essen zu kochen. "Aber ich kann das nicht. Das macht immer meine Jitka." Jürgen Schlieske vermisst die gute Küche seiner Liebsten in Marienbad sehr. Und nun weiß er auch den "Service" daheim zu schätzen, denn das Wäsche waschen im nur noch teilweise geöffneten Waschsalon gefällt ihm gar nicht.

Natürlich vermisst Jürgen Schlieske nicht nur die hausfraulichen Qualitäten seiner Frau, sondern sie selbst auch sehr. Außerdem habe er zwei große Hunde und einen großen Garten in Marienbad, klagt er. Er wolle nach Hause, denn er habe dort viel zu tun.

Keine Lösung

Mit seiner Jitka ist Jürgen Schlieske in telefonischem Kontakt. Aber auch sie habe bisher keine Lösung, wie sie ihren Mann über die Grenze von tschechischer Seite aus zurückbringen könne. Jürgen Schlieske berichtet, dass er nun das Hundefutter per Paket nach Hause geschickt habe. "Ich habe das sonst immer bei der Heimfahrt über den Grenzübergang Mähring in Tirschenreuth gekauft. Das bekomme ich in Tschechien nicht". Diesen Luxus für die Hunde musste Schlieske doppelt bezahlen. Das Postpaket nach Tschechien habe ihm 17 Euro gekostet, sagt er. Aber das sei alles nicht schlimm. Er wolle nur nach Hause.

Polizei: "Sind nicht zuständig"

Auf Nachfrage von Oberpfalz-Medien bei der Polizeiinspektion Marktredwitz, warum sie Schlieske nicht helfen konnte, hieß es: "Weil wir nicht zuständig sind." Bei einer weiteren Anfrage bei der Euregio Egrensis erklärte Geschäftsführer Alexander Dietz, er werde mit derartigen Problemen zurzeit häufig konfrontiert. "Noch mehr aber die IHK." Von dort und der Regierung der Oberpfalz bekomme er auch immer die aktuellen Informationen zur Grenzlage.

Dietz hört sich Schlieskes Fall an und zieht sofort eine neue Anordnung der tschechischen Regierung "aus dem Ärmel." Diese sei erst neu eingetroffen, sagt er. Dietz bedauert, dass Jürgen Schlieske bis 5. April relativ leicht hätte zurück nach Marienbad fahren können. "Das wäre mit einer Heiratsurkunde oder einen Mietvertrag oder Ähnliches als Nachweis einfach gewesen. Doch Schlieske habe den möglichen Zeitpunkt verpasst. "Ab dem 6. April wurden die Vorschriften verschärft."

Meldebescheinigung

Jetzt brauche der Marktredwitzer leider für seine Rückkehr eine Meldebescheinigung von seinem Wohnort in Tschechien. Hätte sich Jürgen Schlieske einfach mal besser informieren müssen? "Man kann den Leuten keinen Vorwurf machen", hat Dietz für diese Verständnis. Tschechien würde derzeit täglich die Verordnungen ändern. "Da blickt kein Mensch mehr durch."

Jürgen Schlieske besitzt keine Meldebescheinigung von Marienbad, das sei mit Wohnsitz in Deutschland nicht zwingend notwendig sei. "Ich wollte mir immer eine besorgen. Aber bisher habe ich sie nie gebraucht", sagt Schlieske enttäuscht.

Alexander Dietz von der Euregio rät Jürgen Schlieske, seine Frau solle ihm in Marienbad eine Meldebescheinigung besorgen. Mit der Heiratsurkunde könne sie belegen, dass hier wegen der verbotenen Einreise ein Versehen vorliege.

Auch die beiden Hunde Dolly und Maxi werden ihr Herrchen sicherlich inzwischen sehr vermissen. Sie sind bei Schlieskes Frau Jitka in Marienbad, wo sie wenigstens einen großen Garten zum Herumtollen haben.
Hintergrund:

Besuch ist jetzt in Deutschland möglich

Wenigstens eine gute Nachricht konnte Oberpfalz-Medien dem von seiner Frau getrennten Ehemann einen Tag nach den Recherchen doch verkünden: Laut einer Mitteilung von Alexander Dietz, Geschäftsführer Euregio Egrensis, die ihm aktuell zugeschickt wurde, hat Tschechien die ab den 6. April strengeren Bestimmungen zur Ein- und Ausreise nach Tschechien wieder etwas gelockert. Nun dürfen nach Auskunft von Dietz die Ehefrauen aus Tschechien ihre Männer besuchen, die wegen eines Arbeitsplatzes in Deutschland festsitzen, besuchen. Diese Lockerung der Gesetzeslage, sagt Dietz, sollte dann auch für Jürgen Schlieske gelten. (ubb)

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