19.11.2021 - 10:56 Uhr
NiedermurachOberpfalz

Familienanschluss für junge Eritreer auf dem Niedermuracher Biohof

Anne und Martin Prey haben zwei Afrikaner auf ihrem Biohof in Niedermurach aufgenommen. Auch wenn diese gerne im Stall helfen: Die beiden Flüchtlinge aus Eritrea büffeln für ihre Bäcker- und Maurerprüfung.

Feierabend am Familientisch: Saleh Jabir (links) und Mebrahtu Teklu absolvieren eine Handwerksausbildung und wohnen dazu bei Anni und Martin Prey in Niedermurach. In ihrer Freizeit arbeiten sie gerne am Biobauernhof mit.
von Gertraud Portner Kontakt Profil

Biolandwirt und Bürgermeister Martin Prey hört gerne auf sein Bauchgefühl: Als seine Gattin Anne von einer Direktvermarktung-Kundin aus Eslarn darauf angesprochen wurde, ob sie nicht jemanden kenne, der jungen Flüchtlingen eine Perspektive geben will, engagierte sich das Ehepaar gleich selber. Mittlerweile wohnen die beiden Eritreer Mebrahtu Teklu und Saleh Jabir bei der Familie und absolvieren eine Handwerksausbildung in der Nähe.

„Saleh hilft jeden Tag im Melkstand“, sagt Anne Prey beim Pressetermin mit der Oberpfalz-Medien-Redaktion in der gemütlichen Wohnküche am Haberlbauernhof in der Dorfmitte. Der 23-Jährige befindet sich im dritten Lehrjahr bei der Bäckerei Brandstätter in Teunz und hat berufsbedingt früh Feierabend. Mebrahtu (27) kommt dagegen als Maurerlehrling bei der örtlichen Baufirma Bauer erst am Abend nach Hause. Doch auch er mag die Tiere und arbeitet samstags oder nach der Schule mit. Martin Prey setzt sich dazu und lobt: „Sie sind sehr fleißig und hilfsbereit.“

Start mit Ferienarbeit

Nach dem Hilferuf von Gertraud Nickl, die sich seit 2015 in der Asylarbeit im Raum Eslarn engagiert, absolvierte Mebrahtu im Sommer 2018 eine Ferienarbeit am Hof. „Es hat sich schnell herauskristallisiert, dass er Maurer werden könnte“, erinnert sich der Biobauer. Nach der Integrationsklasse besuchte er das Berufsgrundschuljahr und startete eine Lehre. Doch richtig Fuß fassen konnte er erst beim Wechsel zur Niedermuracher Baufirma. Im September 2020 zog er bei der Familie Prey ein. Beide Afrikaner haben den Status „anerkannte Flüchtlinge“ erhalten und sprechen gut Deutsch.

Das Gespräch landet unweigerlich bei der Flucht, die durch Wüste und Meer, vor rund vier Jahren zuerst in Italien und schließlich in Deutschland endete. Beide kamen traumatisiert in Europa an: Sie mussten miterleben, wie andere die Fahrt übers Mittelmeer nicht überlebten. Mebrahtu berichtet , warum er aus Eritrea wegwollte, obwohl er keine Verwandten in Deutschland hat: Wie alle Jugendlichen im letzten Schuljahr musste er zum Militär und an die Front. Besuche bei der Familie im kleinen Dorf waren verboten und wurden bestraft. „Der Militärdienst ist unfreiwillig und unbegrenzt“, sagt Gertraud Nickl. Außerdem ließen die diktatorischen Zustände der jungen Generation keine Chance für ein menschenwürdiges Leben: „Sie bekommen eher eine Waffe in die Hand, als einen Ausweis.“ Nickl kümmert sich ehrenamtlich vor allem um Personen, die alleine nach Deutschland gekommen sind und sie sorgt dafür, dass Kontakte mit der einheimischen Bevölkerung entstehen. Außerdem setzt sie sich dafür ein, dass die jungen Afrikaner Praktika in Betrieben machen und so in Berufe hineinschnuppern können.

Seit Herbst 2019 absolviert Saleh Jabir, der zunächst in der Asylbewerberunterkunft in Neunburg vorm Wald untergebracht war, eine Bäckerlehre in Teunz. „Die Berufsausbildung der beiden Buben wäre gar nicht gegangen, wenn die Familie Prey sie nicht aufgenommen hätte“, stellt Gertraud Nickl anerkennend fest. „Am Anfang war alles schwer, aber jetzt läuft es gut“, sagt Anne Prey, „Saleh hat nur Zweier und Dreier“. Beim Mathe-Lernen und auch beim Büffeln für die Fahrprüfung ist der Niedermuracher Josef Salomon ehrenamtlich zur Stelle. Nach der sofortigen Zusage von Andreas Brandstätter gab es weitere Unterstützer: Etliche Teunzer übernahmen Fahrdienste und das Gasthaus Schießl bot sogar eine Übernachtungsmöglichkeit im Winter an. Seit zwei Monaten hat der strebsame Saleh den Führerschein: Jetzt muss er nicht mehr bei Regen und Schnee mit dem Fahrrad etliche Kilometer weit durch die Nacht zu seiner Arbeitsstelle radeln. Mit dem Auto können die beiden jetzt auch bei Freunden im Asylheim in Neunburg vorbeischauen. Zum Lernen sei die Unterkunft aber kein Ort: „Zu laute Musik, Trinken und Streiten“, beschreibt Mebrathu die Lage dort. Ihr Vorbild ist ein Syrer, der bei Gertraud Nickl wohnt: Er hat die Ausbildung zum Altenpfleger mit der Note 1,0 bestanden.

„Integration klappt nur, wenn sie in den Familien sehen, wie wir leben“, sagt Martin Prey mit ernstem Gesichtsausdruck. Die drei Generationen seiner Großfamilie, die mit viel Lebensfreude am Hof und im Bioladen zusammenarbeiten, sind da sicher ein gutes Beispiel. Übrigens: Im Oktober bekam er den Staatsehrenpreis „Vorbildliche Ausbildung in der Landwirtschaft“, welcher unter dem Leitbild „Fördern, Fordern, Voranbringen“ an zehn bayerische Landwirte übergeben wurde.

Papiere abheften statt wegwerfen

„Selbstständig werden Flüchtlinge nur, wenn sie jemand bei den Behörden unterstützt“, sagt Anne Prey. Sie kümmert sich auch darum, dass sie ihre Papiere abheften und nicht wegwerfen. „Ausländer werden oft ausgenutzt“, sagt Prey, „ob Handyvertrag oder Lastschriften, es lauert die Gefahr, dass sie über den Tisch gezogen werden und schnell in der Schuldenfalle landen“. Ihre Wäsche müssen die beiden Eritreer nun bald selber machen, doch die gemeinsamen Mahlzeiten bleiben als wichtiger kommunikativer Part bestehen. „Du musst mehr essen“, mahnt Anne Prey dann auch den schmächtigen Maurerlehrling .

Staatsehrenpreis für Biohof Prey in Niedermurach

Niedermurach
Hintergrund:

Asylbewerber aus Eritrea (Nordostafrika)

  • Eritrea ist ein Land im Nordosten von Afrika an der Küste des Roten Meeres. Es grenzt an Äthiopien, den Sudan und Dschibuti.
  • In Eritrea herrscht Diktatur. Es gilt als ein Land, in dem Menschenrechte von staatlichen Institutionen verletzt werden.
  • Militärausbildung und Staatsdienst sorgen für Verzweiflung in der Bevölkerung. Der Nationaldienst ist unbegrenzt und eine Zwangsarbeit auf unbestimmte Zeit.
  • In den letzten Jahren sind etwa eine halbe Million Eritreer geflohen, die meisten ins Nachbarland Äthiopien. In Deutschland wurden 2020 nach Angaben des Bundesamtes für Migration 2561 Asyl-Erstanträge von Eritreern gestellt.
  • Gertraud Nickl aus Eslarn setzt sich ehrenamtlich für die Integration und Berufsausbildung von afrikanischen Asylbewerbern ein. Auch die beiden Eritreer Saleh Jabir und Mebrahtu Teklu, die bei der Familie Prey in Niedermurach wohnen, zählen zu ihren Schützlingen.

„Integration klappt nur, wenn sie in den Familien sehen, wie wir leben.“

Martin Prey, Biolandwirt und Bürgermeister in Niedermurach

„Der Militärdienst in Eritrea ist unfreiwillig und unbegrenzt.“

Gertraud Nickl aus Eslarn kümmert sich um junge Asylbewerber

 

 

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