25.11.2020 - 11:22 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Vom Apfelkern zum Apfelbaum: Gratis „Wundertüte“ aus Oberviechtach für mehr Biodiversität

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Günter Gilch experimentiert seit Jahren mit der Anzucht von regionalen Obstbäumen. Sein Motto: Neue Bäume braucht das Land. Deshalb verteilt er am 28. November in Oberviechtach Sämlinge.

Günter Gilch gräbt in seinem Garten in Schönthan Obstbaum-Sämlinge aus. Diese will er am 28. November an Interessierte verschenken.
von Gertraud Portner Kontakt Profil

Im Garten des früheren Anästhesisten Günter Gilch, seit Mai Dritter Bürgermeister von Oberviechtach, wachsen jede Menge Obstbaum-Sämlinge. Einen Schwung Pflanzenkinder (Apfel und Walnuss) gibt er am Samstag, 28. November, kostenlos ab. Die kleinen Bäumchen sind ein bis zwei Jahre alt und 50 bis 150 Zentimeter groß. Die Aktion läuft von 9 bis 13 Uhr auf dem Parkplatz der Gärtnerei-Baumer.

„Mit etwas Mut und Findigkeit haben wir in wenigen Jahren eine Fülle neuer Obstsorten zur Verfügung, die an unsere Gegend und an das neue Klima angepasst sind. Machen Sie mit, pflanzen Sie mit!“

Günter Gilch

Spannendes Experiment

In der Regel werden Obstbäume für den privaten Garten fertig veredelt und mit einem Alter von etwa fünf oder sechs Jahren gekauft. Für Gilch ist es jedoch ein spannendes Experiment, Bäume selbst aus einem Kern zu ziehen – und zwar von heimischen Bäumen, die gut mit dem Oberpfälzer Boden und Klima klarkommen. Sein Motto: „Neue Bäume braucht das Land.“ Beim Gespräch mit Oberpfalz-Medien erinnert Gilch daran, wie er im Jahr 1991 damit begann, in Ödgartenhof bei Dieterskirchen eine Streuobstwiese auf rund fünf Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche anzulegen. Damals habe er für die Sortenauswahl viele Fachbücher gewälzt. „Aber trotz passender Beschreibung kamen nicht alle Bäume klar.“

Deshalb probierte er später eine andere Methode aus, um „klima- und regionaltolerante Sorten“ zu ziehen: „Einfach aussäen und schauen was übrigbleibt.“ Das praktiziert er nun seit Jahren und er ist überrascht, wie gut es funktioniert. Die Kerne stammen überwiegend von den alten, regionalen Sorten seiner Streuobstbestände. Die Methode ist einfach: Nach dem Keltern der Äpfel in der OGV-Saftanlage nimmt Gilch den Trester mit nach Hause und bringt diesen auf einem gelockerten Beet im Garten auf. „Obstbaumsämlinge sind angewandte Biodiversität“, betont der Schönthaner. Und eine „Wundertüte“: Denn aus einem Samenkorn wächst ein neuer Baum, „dessen Eigenschaften noch nicht bekannt sind“. Das kann man erst feststellen, wenn der Baum Früchte trägt. Ein Sämling benötigt dafür etwa acht bis zehn Jahre.

Günter Gilch zeigte dem Oberviechtacher OGV-Nachwuchs das Veredeln von Obstbäumen

Gerücht widerlegt

Zur Abgabeaktion am 28. November betont Günter Gilch: „Wir wissen nicht, ob der Baum groß wächst oder klein, schmal bleibt oder stark in die Breite wächst. Wir wissen nicht, ob die Äpfel gelb, grün oder rot werden, süß oder sauer schmecken, früh oder spät reifen, gut lagerbar oder gut zum Keltern sind.“ Wenn die Eigenschaften zusagen, kann der Baum mittels Veredeln dann auch vermehrt werden.

Das Gerücht, dass aus Samen gezogene Bäume nur kleine und ungenießbare Früchte entwickeln, kann Gilch mit schönen, schmackhaften Äpfeln widerlegen. Dazu schneidet er die Frucht eines Nachkommens der Sorte „Rote Sternrenette“ mitten durch. Seine Erfahrung zeige auch, dass Sämlingsbäume ohne jeden chemischen Pflanzenschutz sehr viel leisten können. Und jeder dieser neuen Bäume hätte im Hinblick auf den Klimawandel auch die Chance, „zu gedeihen oder eben nicht“. Der Naturfreund appelliert: „Wir sollten diese natürliche Art der Auslese nutzen, um neue, dem Klima angepasste Obstbäume wachsen zu lassen.“ Maßgebend sei dabei auch die Fähigkeit des Baumes, tiefe Wurzeln auszubilden, um Trockenphasen besser überstehen zu können. „Im Hinblick auf die Fruchtqualität wird bei einer großen Zahl an Sämlingen für jeden Geschmack das Richtige dabei sein“, ergänzt er. Plätze gebe es in der Region genug: „Im eigenen Garten, am ungenutzten Wegrand, am Waldrand, an Böschungen oder als Hecke.“ Von den Blüten bis zum Fallobst würden auch viele Wildtiere profitieren.

Spendenbox für Kindergarten

Günter Gilch appelliert: „Mit etwas Mut und Findigkeit haben wir in wenigen Jahren eine Fülle neuer Obstsorten zur Verfügung, die an unsere Gegend und an das neue Klima angepasst sind. Machen Sie mit, pflanzen Sie mit!“ Laut Gilch ist das Pflanzen der „wurzelnackten“ Bäumchen so lange möglich, wie der Boden nicht gefroren ist. Außerdem sei die Herbstpflanzung dem Frühjahr vorzuziehen. Die Abgabe ist ein Experiment. Wenn es klappt, will Günter Gilch die Aktion nächstes Jahr wiederholen. Von 9 bis 13 Uhr erhält jeder Interessent kostenlos einen Baum, größere Stückzahlen sollen angemeldet werden (g.gilch[at]gmx[dot]net oder Telefon: 09676/696). „Gegen eine Spende haben wir natürlich nichts“, erklärt Gilch. Diese wird in voller Höhe an den Kindergarten St. Marien weitergegeben.

Service:

Kostenlose Abgabe

Die Obstbaumsämlinge werden am Samstag, 28. November, von 9 bis 13 Uhr, am Parkplatz der Gärtnerei Baumer in Oberviechtach, Ostmarkstraße 20, abgegeben.

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