23.06.2021 - 14:09 Uhr
PegnitzOberpfalz

37 Soldaten sterben auf dem Weg nach Grafenwöhr: US-Hubschrauber-Katastrophe rückt in den Fokus

Es ist das schwerste Unglück der US-Armee in Deutschland seit 1945: Beim Absturz eines Chinook-Helikopters in Pegnitz am 18. August 1971 starben 37 Soldaten. Zum 50. Jahrestag wird auch in Grafenwöhr an die Tragödie erinnert.

Ein Chinook der 12th Combat Aviation Brigade (Heeresfliegerbrigade) aus Katterbach landet auf dem Flugplatz in Pegnitz. Ein baugleiches Modell des als „Bananenhubschraubers“ bekannten mittelschweren US-Transporters ist vor 50 Jahren bei Pegnitz in der Luft zerbrochen – es starben 37 Soldaten. Ab Juli wird in Grafenwöhr an die Katastrophe erinnert.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Ein monotones, tiefes Knattern, das langsam anschwillt, alle Gespräche übertönt und sich plötzlich mit einem stürmischen Wind von den Rotorblättern vermischt: Als der CH-47 Chinook am Flugplatz Pegnitz im Tiefflug über die geladenen Gäste rauscht und am vibrierenden Boden zur Landung ansetzt, lässt sich erahnen, welche Kräfte wirken müssen, wenn ein solcher rund acht Tonnen schwerer Transporthubschrauber der US-Armee in der Luft zerbricht und mit Wucht am Boden zerschellt.

Am 18. August 1971 ist auf der Fischelhöhe bei Pegnitz genau das passiert. Von den Dolan Barracks in Schwäbisch Hall aus kommend, sollte der Hubschrauber nach Grafenwöhr in den Truppenübungsplatz fliegen. Doch dort kam er nie an. Die 37 meist sehr jungen Soldaten an Bord starben auf der Fischelhöhe einen grausamen Tod, viele wurden aus dem Wrack geschleudert oder sind verbrannt.

Große Gedenkfeier im August

Das schwerste Luftfahrt-Unglück in der Geschichte der US-Armee in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg erhält nun wieder deutlich mehr öffentliche Aufmerksamkeit. In den vergangenen Jahren ist das regelmäßige Gedenken an die Tragödie eingeschlafen. Pegnitz’ Bürgermeister Wolfgang Nierhoff will, dass sich das ändert. „Es war bisher unterrepräsentiert, wir wollen zum Jahrestag die Erinnerungstradition wieder aufleben lassen“, sagte er gegenüber Oberpfalz-Medien.

Zum nahenden Jahrestag im August ist deshalb eine große Gedenkveranstaltung mit Gottesdienst an der Absturzstelle geplant. Dazu ist neben Angehörigen der Opfer, Augenzeugen, Abordnungen von US-Armee und Bundeswehr, eine Militärband und dem US-Botschafter aus Berlin auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder eingeladen. Sogar eine Anfrage an US-Präsident Joe Biden war im Gespräch, wurde aber wieder verworfen.

Die Pegnitzer Stadtverwaltung und die US-Armee in Grafenwöhr, planen bereits seit Monaten an dem Großprojekt. Das 1st Battalion 6th Field Artillery Regiment aus Grafenwöhr ist als Pegnitzer Partnereinheit fest in die Vorbereitungen involviert.

Die bislang sehr unscheinbare, in einem Wäldchen an der Fischelhöhe gar etwas versteckte Gedenkstätte besteht aktuell nur aus einem Naturfelsen mit Inschrift. Bis August soll sie erneuert und erweitert werden. Am Montag hat dazu bereits der Kommandeur der 12th Combat Aviation Brigade, Colonel John Broam, – zu seiner Heeresfliegerbrigade gehörte der Unglücks-Hubschrauber – ein restauriertes Rotorblatt eines ausrangierten Chinook an Pegnitz’ Bürgermeister Wolfgang Nierhoff übergeben (wir berichteten). Es soll Teil der Gedenkstätte werden.

Ausstellung in Grafenwöhr

Doch nicht nur in Pegnitz, auch in der Oberpfalz sollen die Geschichte und die Geschichten um den Absturz aufgearbeitet und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Ab 22. Juli wird es dazu eine eigens konzipierte Wanderausstellung im Grafenwöhrer Kultur- und Militärmuseum geben (siehe Infokasten). „Die Ausstellung kommt anfangs nach Grafenwöhr, damit die dortigen Amerikaner sie zuerst sehen können. Ab dem 16. August zieht sie dann nach Pegnitz um“, erläutert Andreas Bayerlein.

Der 53-Jährige ist der Stadtarchivar von Pegnitz und konzipiert die Ausstellung. „Es geht mir darum, das persönliche Schicksal der verunglückten Soldaten zu zeigen und ihnen ein Gesicht zu geben. Ich will ihr meist sehr kurzes Leben vor dem Absturz darstellen.“ Bei seinen Recherchen in alten Zeitungsartikeln, Fotos, Polizeiberichten und Briefpost ist der Historiker auf viele erschütternde Details gestoßen. „Die meisten Toten waren zwischen 19 und 26 Jahren alt. Es berührt mich auch persönlich, wenn man sich so intensiv mit der Tragödie beschäftigt“, sagt Bayerlein.

„Unglaublicher Schock“

Im Fall von Arthur R. Kearney Jr., der am 18. August mit im Hubschrauber saß, hat der Stadtarchivar durch Recherchen in alten Briefen von den Angehörigen herausgefunden, dass der Private First Class (Obergefreite) der Älteste von neun Geschwistern war. „Er sollte 1970 in den Vietnam-Krieg geschickt werden, hat dann aber kurzfristig einen Stationierungsbefehl für Deutschland bekommen. Die Freude bei der ganzen Familie war natürlich riesig, weil er nicht in den Krieg musste und sie ihn hier in Sicherheit wähnten. Dass er dann ausgerechnet bei einem Absturz stirbt, war für alle ein unglaublicher Schock.“

Verbindung zur Firma Cherry

Auch beim Computer-Hersteller Cherry in Auerbach gibt es eine direkte Verbindung zu der Katastrophe. Bei dem Absturz der Maschine kam Samuel M. Cherry ums Leben – der Privat First Class war der Sohn des Firmengründers Walter Lorain Cherry. Bürgermeister Wolfgang Nierhoff zufolge soll der Vater nach dem Absturz aus den USA nach Pegnitz gereist sein, um sich die Todesstelle seines Sohnes Samuel anzuschauen und zu trauern. „Er wollte mit der Region in Verbindung bleiben und hat deshalb beschlossen, hier ein Werk zu errichten.“ Gebaut wurde am Ende zwar nicht direkt in Pegnitz, sondern in Auerbach, doch das sei nicht entscheidend gewesen.

Neben solchen vielfältigen persönlichen Lebensgeschichten und -tragödien will Stadtarchivar Bayerlein, der mit vielen Angehörigen in Kontakt steht, in seiner Ausstellung die Katastrophe von 1971 auf breiter Front beleuchten. Welche Augenzeugen haben den Absturz beobachtet? Wer war zuerst an der Unfallstelle? Welches Horrorszenario hat sich den Ersthelfern geboten? Und stimmen Gerüchte von einer möglichen Schießerei an Bord? „Die Spekulationen sind danach ins Kraut geschossen. Aber es hat keinen Anschlag und keine Schießerei gegeben, das ist von amerikanischer Seite immer massiv dementiert worden“, erklärt Bayerlein. Als Ursache habe eine Untersuchung der US-Militärpolizei bei der zweimotorigen Maschine Materialermüdung am hinteren Rotor ausgemacht, in deren Folge ein Heckrotorblatt – daher auch der Bezug zum restaurierten Rotorblatt an der Gedenkstätte – abriss und den Hubschrauber ins Trudeln brachte.

Unglück schweißt zusammen

Das Medienecho nach der Katastrophe war enorm. International wurde über den Tod der Soldaten berichtet. Bayerlein hat alte Zeitungsberichte aufbereitet und will die Reaktionen von Politik und Militär in seiner Ausstellung genauso beleuchten wie die Geschichte der Gedenkstätte auf der Fischelhöhe.

Bürgermeister Nierhoff glaubt, dass Deutsche und Amerikaner durch die Katastrophe noch näher zusammengerückt sind. „Unsere Partnerschaft für Frieden und Freiheit ist etwas Besonderes.“ Die Erinnerung an die Verunglückten, die im Einsatz für Frieden und Freiheit gestorben seien, soll deshalb mit der Gedenkveranstaltung im August und der historischen Ausstellung gestärkt werden.

Zur Vorgeschichte: Die US-Armee hat in Pegnitz ein Chinook-Rotorblatt übergeben

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Info:

Wanderausstellung im Kultur- und Militärmuseum Grafenwöhr

  • Thema: Die Ausstellung thematisiert den US-Hubschrauberabsturz an der Fischelhöhe bei Pegnitz vom 18. August 1971 mit 37 toten Soldaten
  • Datum: In Grafenwöhr vom 22. Juli bis zum 15. August, ab 16. August in Pegnitz
  • Konzeption: Durch Andreas Bayerlein, Historiker und Stadtarchivar von Pegnitz
  • Anlass: 50. Jahrestag der Katastrophe und große, internationale Gedenkfeier in Pegnitz mit Angehörigen der Opfer, Augenzeugen, Vertretern von US-Armee und Bundeswehr sowie Politik

„Die meisten Toten waren zwischen 19 und 26 Jahren alt. Es berührt mich auch persönlich, wenn man sich so intensiv mit der Tragödie beschäftigt.“

Andreas Bayerlein, Stadtarchivar von Pegnitz

Andreas Bayerlein, Stadtarchivar von Pegnitz

„Er wollte mit der Region in Verbindung bleiben und hat deshalb beschlossen, hier ein Werk zu errichten.“

Wolfgang Nierhoff, Bürgermeister von Pegnitz über die Verbindung der Auerbacher Firma Cherry zum Hubschrauber-Absturz von 1971

Wolfgang Nierhoff, Bürgermeister von Pegnitz über die Verbindung der Auerbacher Firma Cherry zum Hubschrauber-Absturz von 1971

 

 

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