17.01.2021 - 17:25 Uhr
PfreimdOberpfalz

Nach der Corona-Welle: Aufatmen im Pfreimder Altenheim

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Wie ein Tsunami hat Corona das Pfreimder Altenheim mit seinen 57 Bewohnern überrollt, 6 sind mit der Infektion verstorben. Unter Trauer und Erschöpfung mischt sich aber auch ein starkes Gefühl von Dankbarkeit.

Norbert Auer, Stiftungsverwalter im Pfreimder Altenheim, hat zusammen mit der Belegschaft eine heftige Corona-Krise gemeistert. Trotz mehrerer Todesfälle bleibt die Anerkennung dafür seitens der Bewohner nicht aus.
von Monika Bugl Kontakt Profil

"Mein Mann hat immer gesagt 'Corona ist draußen, uns kann nichts passieren'", erzählt Maria Meiler. Die 88-Jährige wohnt seit drei Jahren im Pfreimder Altenheim St. Johannis-Stift, und lange Zeit sah es so aus, als sollte ihr Karl Recht behalten. Bis zu jenem Tag in der ersten Dezemberhälfte, als plötzlich mehrere Bewohner Fieber bekamen. Karl Meiler gehörte zu denen, die es nicht mit dem tückischen Virus aufnehmen konnten, der 93-Jährige starb am 15. Dezember. Seine Witwe hatte nicht nur selbst mit der heftigen Infektion zu kämpfen, sie musste in dieser schweren Zeit auch noch die Trauer um ihren Partner verarbeiten. Und doch hat sie in ihrem Schmerz auch jene nicht vergessen, die ihr in der Quarantänezeit zur Seite standen.

"Ich möchte meinen Dank an alle Mitarbeiter in diesem Heim nach außen tragen", sagt die 88-Jährige im Telefongespräch mit Oberpfalz-Medien. Als "Helden", als "Engel" sieht sie nach den Erfahrungen im Dezember die Menschen im Umfeld der Pflege, alle, die in diesen angespannten Tagen noch viel mehr schultern mussten als sonst. "So habe ich es zumindest empfunden", berichtet die Heimsprecherin. "Das kam wie eine Explosion", erinnert sie sich an die ersten Fälle, aus denen schnell mehr wurden. Auch sie selbst war "voll mit dabei", litt unter Gliederschmerzen, Übelkeit, Fieber und Atemnot. Dabei habe sie noch Glück gehabt und konnte sich im Heim auskurieren.

Gleichzeitig mit vielen Bewohnern erkrankten aber auch viele Mitarbeiter. "Da gaben es einen Tag im Dezember, an dem am Vormittag noch alles in Ordnung war und dann zu Beginn der Nachmittagsschicht gleich mehrere Personen Fieber hatten", schildert Stiftungsverwalter Norbert Auer den plötzlichen Ausbruch, der in den folgenden Tagen bis auf fünf Bewohner alle Senioren traf. Heimleiterin Astrid Ostermeier habe täglich bis 23 Uhr in Kontakt mit dem Gesundheitsamt gestanden, berichtet Auer. Die wenigen noch gesunden Pfegekräfte mussten Überstunden machen.

"Corona kam zu uns tatsächlich wie ein Tsunami oder wie eine Kettenreaktion."

Stiftungsverwalter Norbert Auer

Stiftungsverwalter Norbert Auer

"Viele haben bis zu zehn Tage am Stück gearbeitet", berichtet Auer, dessen Ehrenamt als Stiftungsverwalter sich in dieser Zeit als Vollzeitjob entpuppte. Durch die Schichtarbeit als Rettungsassistent konnte der 58-Jährige einspringen, wo es in der Verwaltung mangelte. "Ich habe mich mit meinem Stellvertreter Hans Müller abgewechselt und eine Woche Urlaub genommen", erzählt Auer, der dank seiner Ausbildung nicht nur das Telefon betreute, sondern auch über 300 Schnelltests machen konnte. Vergebens. "Corona kam zu uns tatsächlich wie ein Tsunami oder wie eine Kettenreaktion", sagt der Stiftungsverwalter mit einem Kopfschütteln, wir waren dem komplett ausgeliefert".

Und ein wenig weinen

So müssen sich auch die Bewohner gefühlt haben, die in der strengen Quarantäne drei Wochen lang ihr Zimmer nicht verlassen durften. Wie man das aushält? "Mit Rätsellösen, Lesen, Handarbeit und ab und zu ein wenig weinen", sagt Maria Meiler, die dankbar ist, dass sich die Pflegekräfte trotz der vielen Arbeit auch mal Zeit nahmen für ein Gespräch, dass die einzige verfügbare Putzfrau vom Keller bis zum Dach ihren Job tat und trotzdem Zeit für ein paar Worte hatte. "Teilweise mussten die Leute Doppelschichten machen und sind uns trotzdem mit Freundlichkeit und ohne Griesgram begegnet", erzählt die Heimsprecherin.

So dramatisch war die Lage im Dezember

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"Manche sind schon an ihre Grenzen gekommen", weiß Auer. Denn zusätzlich zur normalen Arbeit und den besonderen Schutzmaßnahmen hatten auch die Pflegekräfte mit Trauer zu kämpfen. "Viele haben ein sehr persönliches Verhältnis zu den Bewohnern aufgebaut, da geht ein Tod nicht spurlos vorbei." Andererseits liege es gerade an der familiären Struktur des Heimes, dass der Kraftakt in der Corona-Krise überhaupt bewältigt wurde. "Alle haben gut zusammengearbeitet und sich gegenseitig gestützt", so die Bilanz des 58-Jährigen. "Wenn es darauf ankommt, stehen alle zusammen."

Impfstoff für viele zu spät

Für vier Bundeswehrsoldaten, die in der schwierigen Phase Amtshilfe geleistet haben, ist jetzt der Abschied da. Bald stehen Impftermine an. Wäre der Impfstoffe früher gekommen, hätte so mancher nicht sterben müssen, meint Auer. Jetzt sind es nicht viele, die hier noch davon profitieren, weil sie ja die Infektion gerade erst hinter sich haben und deshalb zu diesem Zeitpunkt nicht geimpft werden. Auch für Maria Meiler geht das Leben weiter. Viele Einschränkungen, beispielsweise bei Besuchen, bleiben. Zumindest läuft es jetzt wieder mit den Kontakten unter den Bewohnern. Nach den langen, einsamen Wochen gibt es manche, "die hören gar nicht mehr auf zu plaudern", so die Heimsprecherin.

Hintergrund:

Nur Minderheit vom Coronavirus verschont

Stiftungsverwalter Norbert Auer hat eine Statistik erstellt, die deutlich macht, wie massiv Bewohner und Mitarbeiter im Altenheim St. Johannis-Stift von der Pandemie betroffen waren.

  • Bewohner: 57, davon haben sich im Dezember 45 mit Covid-19 infiziert, 6 haben die Infektion nicht überlebt.
  • Pflege und Betreuung: 32 Mitarbeiter, davon haben sich 22 infiziert.
  • Küche: Von 5 Mitarbeitern haben sich 3 infiziert.
  • Hauswirtschaft: 3 von insgesamt 6 Mitarbeitern blieben bislang gesund.
  • Weitere 6 Mitarbeiter mit vielfältigen Aufgaben, darunter die Heimleitung, blieben vom Virus verschont.
  • Besucher: Keiner der Schnelltests bei Besuchern ist bisher positiv ausgefallen; aktuell soll nach telefonischer Voranmeldung mindestens ein Besuchstermin pro Woche ermöglicht werden.

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