25.09.2020 - 14:11 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Schwandorfer Felsenkeller: Der Wächter der Unterwelt

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Johannes Lohrer hat seit kurzem die Aufgabe, sich um das Schwandorfer Felsenkeller-Labyrinth zu kümmern. Die Wände dort erzählen Geschichten, die Gewölbe haben ein Gedächtnis. Er taucht ein in eine faszinierend schummrige Parallelwelt.

Johannes Lohrer leitet das Tourismusbüro in Schwandorf. Er kümmert sich um Schwandorfs Felsenkellerlabyrinth
von Wolfgang Ruppert Kontakt Profil

Neun Uhr morgens, 25 Grad. Vögel zwitschern, aus der Ferne mischen sich die Geräusche des Verkehrs darunter. Johannes Lohrer steht vor einem aus Sandsteinblöcken gemauerten Torbogen, an dessen Rändern Efeu hin zur Mitte wachsen. Lohrer hat den Knauf einer schweren mit Eisen beschlagenen Holztüre in der Hand.Sie geht ihm nur bis zum Kinn. Als er die Türe öffnet, strömt kalte Luft heraus. Während sie sich in der Wärme auflöst, transportiert sie einen alten, erdig-steinigen Geruch aus dem Treppenaufgang.

Schurken als Architekten

Johannes Lohrer ist 29 Jahre alt. Er leitet das Tourismusbüro in Schwandorf. Seit einigen Wochen kümmert er sich um das Schwandorfer Felsenkeller-Labyrinth. Ein Ort, über den er noch viel lernen muss, dessen rund 500 Jahre lange Geschichte ihn aber begeistert. Schritt für Schritt geht Lohrer die alten, ungleichmäßigen Stufen hinab in die verborgene Unterwelt der Stadt. Er geht etwas nach vorne gebeugt, sein Atem kondensiert, als er sagt: "Bitte auf den Kopf aufpassen." Im Keller herrschen das gesamte Jahr konstante acht Grad, egal ob es draußen Winter oder Sommer ist.

"Wir haben hier das größte Felsenkellerlabyrinth in Bayern. Es wurde früher genutzt, um Lebensmittel drin zu lagern", sagt er. Seine Hand macht eine kreisende Bewegung, als er erzählt, dass das Labyrinth aus insgesamt 60 zusammenhängenden Räumen besteht. Er zeigt auf eine Spalte, die in der Wand eines der Lagerräume klafft. Sie ist beleuchtet. Wo das Licht auf die Wand fällt, hat sich der Sandstein grün verfärbt. Lohrer: "Das ist einer der Durchstiege unserer sogenannten Kellerdiebe." Die Spalte erzählt die Geschichte von drei jungen Männern in den 1930er Jahren, die sich in die Keller geschlichen, und sich dort mit Wanddurchbrüchen von Keller zu Keller geplündert haben. "Die sind eigentlich die Schöpfer unseres heutigen Labyrinths", sagt Lohrer.

Bier als Ursprung

Vor rund 500 Jahren wurden die Keller mit der Hand aus dem Felsen geschlagen. In den Wänden finden sich auch immer wieder Elemente aus Ziegelstein. "Da wurde immer mal wieder nachgebessert", sagt Lohrer, während er langsam von Raum zu Raum geht. Plötzlich steht er vor einer riesigen Säule, die nach einem Kopf mit Rüssel und zwei Ohren ausschaut. Lohrer hält kurz inne, lächelt und dann sagt er: "Das ist unser Elefant. Bei den Kindern ist der immer das Highlight." Heute könne man aber nicht mehr nachvollziehen, warum jemand damals die Säule aus dem Stein geschlagen hat.

Inmitten der verworrenen Gänge des Labyrinths laufen Schienen. An machen Stellen hat der Rost das Metall dünn werden lassen. Die metallenen Haken, die aus der felsigen Decke in regelmäßigen Abständen herausragen wirken, als würden sie bei einer bloßen Berührung zerbrechen wie morsche Äste im Wind. Lohrer: "Die Schwandorfer haben damals eine Art Bier-Pipeline direkt in den Keller gelegt." Über die Schienen rollten Fässer, über die Haken lief ein Rohr, mit dem das Bier direkt im Keller abgefüllt werden konnte. "Die Keller wurden gebaut, weil die Brauer damals von der oberen, warmen auf die untere, kalte Gärung übergegangen sind. Beim Gärungsprozess brauchte es über längere Zeit kalte Temperaturen", sagt Lohrer, während er einen der Haken betrachtet.

Keller im Zweiten Weltkrieg

Während Lohrer weiter durch das Labyrinth schreitet, verändert sich der Charakter der Räume, die Wände erzählen nun eine andere Geschichte. Der Tourismusexperte tritt durch einen stark verrotteten hölzernen Türrahmen. In der linken Ecke hat eine Spinne ihr Nest gebaut. Die Wände des Raums sind weiß gekalkt, das Licht der Glühbirne wirft schummrige Schatten an darauf.

Lohrers Stimme senkt sich etwas, als er zu erzählen beginnt. "Schwandorf ist am 17. April 1945 bombardiert worden", sagt er. "In dieser Nacht waren in den Felsenkellern über 6000 Personen, im Nebenkeller gab es ein Lazarett, die hygienischen Zustände waren schlecht." Weil bei dem Angriff so viele Häuser zerstört wurden, lebten viele Schwandorfer teils wochenlang in den Gewölben. "Es gab keine Toiletten, kein fließendes Wasser", sagt er und wird noch einmal ein bisschen leiser: "Keine schöne Zeit für Schwandorf." Dann verstummt er kurz ganz, das Echo seiner Stimme einen Bruchteil einer Sekunde später ebenfalls.

"In dieser Nacht waren in den Felsenkellern über 6000 Personen, im Nebenkeller gab es Lazarett, die hygienischen Zustände waren schlecht."

Johannes Lohrer über die Felsenkeller im zweiten Weltkrieg

Johannes Lohrer über die Felsenkeller im zweiten Weltkrieg

Sakrale Unterwelt

Als er den Bunker wieder verlässt, geht er ein kleines bisschen schneller als bisher. Nun steht er in einer lichtdurchfluteten Halle, die rund acht Meter hoch ist. Zwei riesige Rundbögen stützen die Decke. Die Halle hat etwas Sakrales und Erhabenes. "Das ist der größte und höchste Raum, den wir im Labyrinth haben. Von uns wird er ,Dom' genannt." Einst trennte eine Decke den Dom in zwei separate Keller.

"Wir bleiben im sakralen Bereich", sagt Lohrer schmunzelnd und geht einen Raum weiter, den er als "Sixtinische Kapelle" bezeichnet. Wilde Muster und abwechslungsreiche Marmorierungen schlängeln sich dort um die Scheinwerfer, die die Wände anstrahlen. "Das sind Eisenerzadern, die sich hier durch den Standstein ziehen", sagt Lohrer, während er die Hände offen mit den Handflächen zu sich hält. Neben dem Erz gibt es auch noch grüne Stellen. Lohrer erklärt, dass das Algen sind, die sich am Sandstein bilden.

Ferien Daheim im Schwandorfer Felsenkeller

Schwandorf

Das Tageslicht ruft. Lohrer geht einen dunklen Gang entlang und nähert sich einer schiefen, aus Stein geschlagenen Treppe. Jeder Schritt, den er in Richtung Oberflächen macht, kribbelt ein bisschen mehr auf der Haut, die Temperatur steigt mit jeder Stufe. Von der Zwischenebene aus, auf der er sich nun befindet, bahnen sich ein paar schwache Lichtstrahlen ihren Weg von draußen durch die kleinen Spalten der Tür hinunter in den Keller, hinein in Schwandorfs Unterwelt.

Als Lohrer schließlich die Tür öffnet, schießen die Sonnenstrahlen in den Aufgang wie ein ICE über das Land. Die Pupillen ziehen sich schlagartig zusammen - kurze Blindheit, bevor sich die Augen an den Tag gewöhnen. Als Lohrer dann abschließt, hat es 25 Grad, Vögel zwitschern, aus der Ferne mischen sich die Geräusche des Verkehrs darunter.

Info:

Führungen im Felsenkeller

Beim Tourismusbüro Schwandorf (Kirchengasse 1, 92421 Schwandorf, Telefon: 09431/45-550) kann man sich für eine Führung anmelden.

  • Das Büro ist werktags von 9 bis 18 Uhr und am Samstag von 9 bis 13 Uhr geöffnet.
  • Derzeit ist die Teilnehmerzahl auf neun Personen pro Führung begrenzt. Im Keller gilt Maskenpflicht. Erwachsene zahlen 5 Euro, Kinder 3 Euro, Familien 12 Euro. Wegen der Beschränkungen finden momentan keine Erlebnisführungen mit der Regensburger Stadtmaus statt.
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