22.09.2021 - 16:29 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Speiseöle und Mehl aus Hanf: In Ettmannsdorf wachsen die Pflanzen meterhoch

Hanf, soweit das Auge reicht. Was da gleich hinter Ettmannsdorf (Kreis Schwandorf) wächst, ist kein Kiffertraum. Sondern eine uralte Kulturpflanze, die Markus Kneißl und Marco Horsch aus der Schmuddel-Ecke holen wollen.

Markus Kneißl (rechts) und Marco Horsch stehen in einem Hanffeld nahe des Sitzenhofs bei Schwandorf. Beide setzen auf die uralte Kulturpflanze.
von Clemens Hösamer Kontakt Profil

Manch Autofahrer oder Spaziergänger mag sich verwundert die Augen reiben: Hektarweise Hanf wächst gleich nach dem Ettmannsdorfer Ortsschild. Bis hinauf zum Sitzenhof sprießen die meterhohen Pflanzen mit den markanten, gefingerten Blättern. Kiffertraum? Mitnichten. Agraringenieur Markus Kneißl (35) hat mit einem Partner Daniel Baumann die Firma "Der Hanfbayer" gegründet, sie produzieren Lebensmittel aus Hanf. Agrarbetriebswirt Marco Horsch (49), der die Landwirtschaft am Sitzenhof leitet, pflanzt für die beiden Cannabis, auf rund zehn Hektar an. Natürlich eine Sorte, die zugelassen und zertifiziert ist und nur maximal 0,2 Prozent des berauschenden Tetrahydrocannabinol enthält – ein winziger Bruchteil dessen, was im Drogen-Hanf enthalten ist. Der Kontakt zu Horsch entstand, weil der Agraringenieur Kneißl in Teilzeit beim Landmaschinen-Produzenten Horsch arbeitet.

Kneißl und Horsch stehen im Hanffeld nahe des Sitzenhofs und gehen beinahe liebevoll mit den Pflanzen um. Dabei hat es den Bestand heuer beinahe verhagelt, als ein Gewitter über den Sitzenhof zog. Dennoch stehen die Pflanzen meterhoch. "Der Hanf wächst bis zu zehn Zentimeter am Tag," erklärt Kneißl. Nutzbar ist an der Pflanze so gut wie alles.

Wertvolles Eiweiß

Wenn der Hanf etwa kniehoch steht, werden Blätter geerntet. "Wir verarbeiten sie zu Tee", erklärt Kneißl. Weiter geht's im Sommer mit den Blüten, aus denen ein Extrakt gewonnen werden kann, der das Cannabinoid CBD enthält. Jetzt, Ende September steht die Samenernte an. Aus ihnen lässt sich laut Kneißl eines der "besten und hochwertigsten Speiseöle" gewinnen. Geschält, kandiert oder pur sind sie eine wertvolle Zugabe zum Salat oder Müsli, oder einfach ein Snack. Die Samen enthalten viel Eiweiß, Antioxidantien und Mineralstoffe. Auch zu Mehl lassen sich die Körner vermahlen. Und: Aus den Samen lässt sich Hanf-Protein gewinnen, Superfood gewissermaßen. "Die Proteine sind sehr gut verdaulich", betont Kneißl, unser Körper könne sie sehr gut nutzen, etwa zur Regeneration nach dem Sport.

Nächste Nutzung: Schäben und Fasern. Die Fasern befinden sich außen am Stängel, die Schäben sind der innere, verholzte Teil. Die Schäben werden als Einstreu im Stall genutzt, auch Dämmstoffe können daraus hergestellt werden. Die Fasern lassen sich zu Textilien oder Seilen verarbeiten, auch in Verbundwerkstoffen werden sie verwendet. Die stabilen Fasern sind der Grund dafür, dass der Mähdrescher bei der Ernte weit oben ansetzt: Sie sind lang und reißfest, können sich in der Maschine verdrillen und für Schäden sorgen. Die Stängel bleiben zur "Feldröste" bis ins Frühjahr noch stehen, ehe sie geschnitten werden, erklärt Horsch.

Ohne Agrarchemie

Derzeit setzt Kneißl beim Absatz in erster Linie auf die Samen. "Da haben wir gute Nachfrage". Zumal die Pflanzen ohne Agrarchemie auskommen. "Ich brauche im Hanfanbau keine Fungizide, keinen zusätzlichen Dünger", sagt Horsch. Daher seien Hanfsamen ein völlig naturbelassenes und von Pflanzenschutzmitteln rückstandfreies Superfood, ergänzt Kneißl. Der Hanf wächst so schnell, dass laut Horsch Beikräuter kaum eine Chance haben: "Der macht sehr schnell zu." Seit drei Jahren baut Horsch die Pflanze dort auf einem Teil seiner 300 Hektar Fläche an, wo sie in seine verlängerte Fruchtfolge passt. Mit guten Erfahrungen: Der Boden wird durch die langen, kräftigen Wurzeln aufgelockert, dank derer der Hanf auch Trockenphasen übersteht. "Staunässe mag er nicht." Und: "Nach der Saat muss man bis zur Ernte nicht mehr rein ins Feld", sagt der Agrarbetriebswirt, "der Boden erholt sich dadurch richtig."

Die Pflanze habe großes CO-2-Speicherpotenzial, so Horsch. Die Erträge nennt er vergleichbar mit denen von Getreide, den Nutzen für den Boden rechnet er hoch an. Für den Hanfanbau gibt's auch Zuschüsse aus dem Kulturlandschaftsprogramm.

"Der Hanf hat alles", sagt Kneißl, "man muss ihn nur anbauen." Etwa die Fasern zur Stoffproduktion. "Baumwolle ist die am intensivsten bewirtschaftete Kultur," nimmt der Agraringenieur die übermächtige Konkurrenz aufs Korn. Nachhaltiger wäre da sicher die uralte Kulturpflanze. Dennoch wurde dem Hanfanbau 1930 beinahe der Kragen abgedreht - wegen der berauschenden Wirkung der THC-haltigen Sorten. Der Anbau von Nutzhanf muss bei den Behörden angemeldet werden, auch die Ernte. Kontrollen sind jederzeit möglich.

Willkürlicher Grenzwert

Die Probleme wegen des Drogen-Rufs von Cannabis sind damit aber nicht vorbei. Den 0,2-Prozent-Grenzwert für THC in Deutschland etwa hält Kneißl für "völlig willkürlich". Denn berauschender Hanf enthält ein zigfaches dieses Werts an THC. In Österreich gelten nach Kneißls Worten 0,3 Prozent, in der Schweiz sogar ein Prozent als THC-Grenzwert. Besonders Produkte, die nicht berauschendes CBD (Cannabidiol) aus den Blüten des Nutzhanfs enthalten, sind umstritten. Ein Prüfverfahren der Europäischen Union ist noch nicht abgeschlossen. Als Lebensmittel sind CBD-Produkte derzeit nicht zugelassen. Häufig werden sie als Kosmetika oder Aroma-Öle angepriesen, sind dann nicht zum Verzehr geeignet.

Bei allen Widrigkeiten: Für Kneißl und Horsch bleibt der Hanf eine Pflanze mit Zukunft. Derzeit bereiten sie sich auf die Ernte vor. Schließlich hat sogar der Hagel im Frühjahr den Pflanzen kaum etwas anhaben können.

Immer mehr Hanf-Produkte im Handel

BesserWissen

Getreide: Landwirte ziehen schlechte Bilanz

Deutschland & Welt
Hintergrund:

Uralte Nutzpflanze

  • Hanf wird von Menschen seit Jahrtausenden verwendet und ist eine der ältesten Nutzpflanzen überhaupt.
  • Schon in der Antike wurde der Hanf sowohl medizinisch als auch als Fasermaterial verwendet.
  • Ab dem 13. Jahrhundert war Hanf wichtigster Rohstoff für die Papierproduktion. Die Gutenberg-Bibel ist auf Hanfpapier gedruckt.
  • Für die Schifffahrt war Hanf lange Zeit existenziell: Segel und Takelage waren aus Hanf-Fasern gefertigt.
  • In den 1930er-Jahren kam der Hanfanbau zum erliegen. Im Zweiten Weltkrieg warb die USA im Propagandafilm "Hemp for Victory" ("Hanf für den Sieg") für den Anbau, weil Material für die Marine gebraucht wurde.
  • Heute sind in der EU 52 Nutzhanf-Sorten unter Auflagen zum Anbau zugelassen. In Deutschland wurde im Jahr 2020 auf etwa 5300 Hektar Fläche Hanf kultiviert, davon in Bayern rund 700 Hektar.
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.