07.12.2021 - 12:47 Uhr
SpeichersdorfOberpfalz

Mit 200 Bar durch Bahnkörper in Speichersdorf bohren

Die großen Anfangsprobleme sind Vergangenheit. Denn jetzt ist die Durchbohrung des Bahnkörpers an der geplanten neuen Bahnbrücke West in Speichersdorf abgeschlossen.

Ein neues Stahlbetonrohr wird per Autokran in den Vorschubrahmen gehoben. Für das Bohrgerät sind in der rund sieben Meter tiefen Baugrube eine Bodenplatte und eine Stützwand betoniert worden.
von Arnold KochProfil

Der "kleine Bruder" einer Tunnelbohrmaschine hat sich auf 35 Meter Länge durch den Untergrund des Bahnkörpers West gearbeitet. Dessen Durchbohrung zur Auslagerung der Ver- und Entsorgungsleitungen beim Neubau der Bahnbrücke West ist nun beendet. Durch die neue Betonröhre führen künftig alle Ver- und Entsorgungsleitungen zwischen den Ortsteilen südlich und nördlich der Bahnlinie. Ziel ist es auch, bis Weihnachten die Erfurter Straße zumindest provisorisch wieder für den Verkehr freizugeben.

Der Bau der westlichen Bahnbrücke inmitten von Speichersdorf und Kirchenlaibach ist eine Gemeinschaftsaufgabe mit Straßenbauamt, Deutscher Bahn AG und Kommune. Im Vorgriff auf den eigentlichen Brückenneubau müssen die durch den alten Brückenkörper führenden Ver- und Entsorgungsleitungen für Mobilfunk und Telefon, Wasser und Abwasser, Gas und Strom samt neuem zusätzlichen Leerrohr umgelegt und mittels eines neuen Medienrohres seitlich der Straßenunterführung durch den Bahnkörper geschoben werden. Die Gesamtkosten teilen sich die drei Beteiligten anteilsmäßig. Der Gesamtauftrag zum Brückenbau erging an die österreichische Baufirma Porr, die seit 150 Jahren Großbaustellen in Europa bedient.

Gestein zu hart fürs Pressverfahren

Der Bau zur Brückenerneuerung im Bereich Bahnhofs- und Neustädter Straße startete vor zwei Monaten und ist mit einer Dauer von zwei Jahren terminiert. Für das südlich der Bahnbrücke geplante Medienrohr aus Stahlbeton mit einem Innendurchmesser von einem Meter war zunächst das Pressverfahren gewählt worden. Nach zwei Fehlversuchen mussten die Pressversuche mangels Vortrieb aufgrund harter Gesteinslagen aufgegeben werden. "Jetzt arbeiten wir mit dem Mikro-Tunneling-Verfahren. Es ist eine kleinere Version einer Tunnelbohrmaschine mit geschlossenem Spülwasserkreislauf", erläuterte Bauleiter Balazs Byzas von der Firma Porr.

Mit der Durchbohrung wurde die österreichische Bohrfirma VT-Vortriebstechnik aus Antiesenhofen beauftragt. Deren Maschine ist mit einem drehbaren, auf die örtlichen Gegebenheiten angepassten Bohrkopf mit einem Knickgelenk ausgestattet. Dies ermöglicht eine Steuerung im Erdreich. Direkt hinter der Maschine werden die Rohre mit Hilfe von Teleskopzylindern nachgeschoben, welche im Pressenrahmen installiert sind.

Nach einem fertig gepressten Rohr fahren die Zylinder zurück und ein neues Rohr wird aufgelegt. Nach erneutem Anschluss der Maschinenversorgungsleitungen fahren die Zylinder wieder auf den Rohrspiegel und der Vortrieb wird fortgeführt. Dabei ist der Bohrdurchmesser geringfügig größer als das neue Rohr, um das leichtere Einschieben zu ermöglichen. Der Zwischenraum zwischen Erdreich und Rohr wird nach Verlegen mit Bentonit ausgefüllt und damit alles stabilisiert.

In der rund vier auf sechs und rund sieben Meter tiefen Baugrube sind laut Bauingenieur und VT-Bauleiter Manuel Brunner zunächst eine Abstützwand und Bodenplatte für das Tunnelbohrgerät betoniert worden. Mittels einer Kernbohrung ermittelte man den zu durchbohrenden Untergrund. Anschließend wurde die Probebohrung wieder verpresst. Auf der Bodenplatte wurde der Pressenrahmen mit dem Gefälle des neuen Betonrohres eingerichtet. Dieser stützt sich beim Bohren und Einschieben an der Betonrückwand ab. Der von einem großen Hydraulikaggregat angetriebene Tunnelbohrkopf arbeitet sich mit 200 Bar Anpressdruck durch das harte Gestein. Dieser wird durch das eingeleitete Spülwasser gekühlt und das Gesteinsmaterial per Saugleitung aus der Baugrube befördert.

Geschlossener Wasserkreislauf

Der Separator trennt das Spül- und Kühlwasser vom gebohrten Gesteinsmaterial, so dass das Wasser im geschlossenen Kreislauf wiederverwendet wird. Sobald eine Rohrtiefe von rund drei Metern erreicht wird, hebt ein Autokran das nächste drei Meter lange Betonrohr in den Pressrahmen. Vorher müssen die im Rohr liegenden Bohr- und Steuerleitungen abgekoppelt und zum Einschub durch das neue Rohr neu angeschlossen werden. Die Bohrrichtung und Lage des Bohrkopfes werden ständig per Laser kontrolliert. "Wir haben im Bohrbereich wechselnde Gesteinshärten. Dadurch weicht unser Bohrkopf trotz Eigengewichts von acht Tonnen ständig nach oben etwas ab." In der Steuerkabine könne die Abweichung durch drei Steuerzylinder am laufenden Bohrkopf korrigiert werden. Zeitweise waren durchschnittlich rund 4,5 Meter Vortrieb pro Stunde möglich. "Die Bohrtiefe liegt bei rund sieben Meter unter dem Bahnkörper", erläutert Brunner. Erschütterungen habe es keine gegeben, das Hydraulikaggregat ohne große Lärmbelastung für die Wohngegend gearbeitet.

Am letzten Freitagabend im November hatte die von vier Arbeitern bediente Tunnelbohrmaschine bereits 25 Meter Vortrieb von insgesamt 35 Meter Baulänge geschafft. Der Durchbruch zur Zielgrube auf der Nordseite der Bahnlinie war am Freitagabend. Bereits bei deren Öffnung musste der Fels per Baggermeißel rausgestemmt werden. Gebaut wurde bereits die Regenwasserleitung zum rund 80 Meter westlich gelegenen neuen Regenwasserbecken, das das aus der Unterführung gepumpte Straßenwasser aufnimmt. In der vergangenen Woche wurden die Gas-, Leer-, Wasser- und Abwasserrohre eingeschoben und die Vorarbeiten für die Baugrube der im Einschubverfahren zu bauenden Bahnbrücke fortgesetzt.

Erste Planungen vor 25 Jahren

Das neue Brückenbauwerk wird kleiner, die Verkehrssicherheit für Fußgänger größer. Die Gemeinde ist dabei mit einem 2,5 Meter breiten Gehweg zusammen mit der Bahn AG und dem Freistaat für die Staatsstraße an den Baukosten beteiligt. Die ersten Planungen für den Ersatzbau der nach heutigen Standards zu niedrigen und zu schmalen 100 Jahre alten Bahnbrücke reichen bis 1996 zurück.

Die Brückengründung liegt im Grundwasserbereich, da die Durchfahrtshöhe vergrößert wird und der Gleiskörper nicht angehoben werden kann. Es ist beabsichtigt, die Bahnbrücke nördlich der bestehenden Bahnüberführung zu errichten und dann einzuschieben. Der Bau einer wasserdichten, rund 900 Quadratmeter großen "Weißen Wanne" ist deshalb samt einer Grundwasserabsenkung und späterem Abpumpen erforderlich. Die in der Unterführung liegenden Wasser-, Kanal-, Strom-, Gas- und Telekomleitungen wurden mittels vorbeschriebener Durchbohrung des Bahnkörpers mit Durchmesser DN 1200 bereits verlegt. Das anfallende Wasser aus dem Unterführungsbereich muss mittels eines neuen Kanals und vorgeschaltetem Rückhaltebecken zum Kirrlohbach abgeleitet werden.

Brückenneubau bringt Einschränkungen für Speichersdorfer

Speichersdorf
Hintergrund:

Die neue Bahnbrücke

  • Hat die alte Brücke noch eine Breite von 28,8 Metern, werden es bei dem neuen Bauwerk nur noch zwischen 14,03 und 16,4 Meter sein. Die lichte Weite beträgt 10,40 Meter, die Höhe 4,5 Meter.
  • Mit dem Brückenbauwerk müssen die Einmündungsbereiche der Kreuz-, Erfurter, Jahn- und Neustädter Straße tiefergelegt und an den bestehenden Straßenverlauf mit Verbesserung der Straßenführung wieder angepasst werden.
  • Zudem wird eine Zufahrt zu den Kleingärten samt Pumpwerk für die Straßenabwässer gebaut.
  • Die Sichtverhältnisse an den Einmündungsbereichen werden verbessert.
  • Nach dem Eisenbahnkreuzungsgesetz tragen alle Beteiligten anteilsmäßig die Kosten. Der Anteil der Gemeinde wird auf rund zwei Millionen Euro bei 90-prozentiger Förderung geschätzt.
  • Die Verkehrssicherungspflicht des Gehweges und der Straßen obliegt dem Freistaat und der Gemeinde.

"Wir haben im Bohrbereich wechselnde Gesteinshärten. Dadurch weicht unser Bohrkopf trotz Eigengewichts von acht Tonnen ständig nach oben etwas ab."

VT-Bauleiter Manuel Brunner

 

 

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