10.10.2021 - 16:09 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Autor Kutscher im Interview: „Babylon Berlin“ ist noch lange nicht vorbei

Der 8. Band „Olympia“ verschlungen, die 3. Staffel „Babylon Berlin“ längst gesehen. Die Mini-Krimi-Preziose "Mitte" von Autor Volker Kutscher und Illustratorin Kat Menschik verkürzt jetzt allen die Wartezeit und hält die Spannung hoch.

Autor Volker Kutscher und Illustratorin Kat Menschik
von Anke SchäferProfil

ONETZ: Herr Kutscher, mit Kriminalkommissar Gereon Rath ist es ja ein bisschen wie mit Zauberer Harry Potter: Es gibt acht Romane, eine Kult-TV-Serie mit mehreren Staffeln und jetzt eine zweite Zusatzerzählung. Staunen Sie selbst über die eigene Welt, die Ihr erster Fall „Der nasse Fisch“ begründet hat?

Volker Kutscher: Dass diese Welt mit mehreren Romanen eine ziemlich große werden würde, das war mir von Anfang an klar. Aber wie groß sie letztendlich geworden ist, darüber muss ich doch manchmal staunen. Neben den Romanen gibt es inzwischen eine ganze Reihe Kurzgeschichten, die im Rath-Universum spielen, aber am glücklichsten bin ich über die beiden von Kat Menschik illustrierten Erzählungen „Mitte“ und „Moabit“, weil Kat mit ihren Zeichnungen neben den Worten noch eine ganz eigene Welt geöffnet hat.

ONETZ: Mit „Mitte“ gelingt Ihnen das Kunststück, einerseits den Fortsetzungshunger der Fans zu stillen, anderseits aber noch ausreichend Luft nach oben zu lassen. Spannen Sie Ihre Leserinnen und Leser eigentlich gerne so auf die Folter?

Volker Kutscher: Ja. Ein Autor ist doch immer auch ein bisschen Folterknecht, oder? Aber im Ernst: Ich finde, jede Geschichte braucht einen Spannungsbogen, ganz gleich ob Roman oder Erzählung. Außerdem mag ich offene Enden. Und das schöne an so einem Großprojekt wie der Rath-Reihe ist ja, dass man das offene Ende der einen Erzählung im nächsten Roman wieder aufgreifen und weiterspinnen kann — oder eben auch nicht. Wenn ich den letzten Rath-Roman geschrieben habe, wird sicherlich auch noch einiges offen bleiben, und das ist auch gut so. Die eigentliche Geschichte spielt sich ja in den Köpfen der Leserinnen und Leser ab, und da muss man der Phantasie ihren Raum lassen. 

ONETZ: Haben das ungewöhnliche, illustrierte Brief-Format und die geänderte Perspektive auch Ihren Blick auf die Gereon-Rath-Welt neu fokussiert?

Volker Kutscher: Mit jedem neuen Roman, mit jeder neuen Kurzgeschichte, mit jeder neuen Erzählung aus dem Rath-Kosmos ändert sich der Blick auf diese Welt. Für mich ist es ja auch jedes Mal ein Experiment, mich schreibend in diese Zeit und diese Welt zu begeben. Und in den Erzählungen und Kurzgeschichten nutze ich gerne die Freiheiten, die ich in den Romanen nicht habe, in diesem Fall also das etwas verstaubte Genre des Briefromans. Wobei „Mitte“ natürlich eher eine Brieferzählung ist. Vor allem aber dank Kat ein wunderschönes bibliophiles Gesamtkunstwerk.

ONETZ: Mit Illustratorin Kat Menschik haben Sie ja bereits bei der ersten Zusatzerzählung „Moabit“ zusammengearbeitet. Wie haben Sie beide zusammengefunden?

Volker Kutscher: Es war die Idee von Kat Menschik. Sie ist an mich herangetreten, als sie mit der Reihe ihrer illustrierten Lieblingsbücher bei Galiani begonnen hat. Da ich ihre Arbeit kannte und schätzte, vor allem die Murakami-Illustrationen, fühlte ich mich sehr geehrt. Zunächst dachte ich, sie wolle eine oder mehrere meiner bereits existierenden Kurzgeschichten illustrieren, aber dann bat sie mich, exklusiv etwas für sie zu schreiben. So entstand „Moabit“. Und weil das so eine tolle Erfahrung war, haben wir die Zusammenarbeit mit „Mitte“ fortgesetzt. Wenn es nach mir ginge, würde ich auch gerne noch einen weiteren Erzählband aus der Rath-Welt schreiben, den Kat illustriert. Mal schauen, was sie dazu sagt.

ONETZ: Kat Menschiks Illustrationen und Tom Tykwers Verfilmung geben Ihren Figuren Gesicht und Gestalt. Hatten Sie sich beim Schreiben Gereon Rath und Co. so vorgestellt?

Volker Kutscher: Jein. Bei ein paar Figuren passt das ziemlich gut, zum Beispiel Peter Kurth als Bruno Wolter in „Babylon Berlin“. Der Gereon Rath in meinem Kopf aber sieht anders aus als Volker Bruch. Liv Lisa Fries kommt meiner Vorstellung von Charlotte schon sehr nahe, am besten aber hat Kat Menschik meine Charly getroffen. So wie sie auf dem Cover von „Moabit“ zu sehen ist, so sehe ich sie auch. Und in „Mitte“ sehen wir Charly neun Jahre später, mit onduliertem Haar, ganz in der Mode der Dreißiger. Neunundzwanzig Jahre alt und schon ein wenig desillusioniert, weil die Nazis so viele ihrer Lebensentwürfe und Zukunftshoffnungen zerstört haben. Aber immer noch kämpferisch.

ONETZ: Und zum Schluss doch noch ein kleiner Spoiler-Versuch: Lohnt es sich im Bücherregal schon mal Platz zu schaffen für Rath Nummer 9 und 10?

Volker Kutscher: Ohne allzu viel Inhaltliches zu verraten: Weder mit „Olympia“ noch mit „Mitte“ ist die Rath-Reihe abgeschlossen. Es wird noch zwei Romane geben. 

ONETZ: Frau Menschik, wann sind Sie das erste Mal eingetaucht in Gereon-Raths Berlin der 1920er und 1930er-Jahre?

Kat Menschik: Direkt mit dem ersten Band von Volker Kutschers Reihe „Der nasse Fisch“. Danach wollte ich immer mehr, man nennt das wohl Fan-werden und dann Fan-sein. Ich habe jedes neue Buch sofort nach dem Erscheinen gelesen.

ONETZ: Und wann stand für Sie fest, dass Volker Kutscher unbedingt zu den „Illustrierten Lieblingsbücher“ gehört?

Kat Menschik: Ein paar Jahre später, als es in Volker Kutschers Reihe schon vier Bände gab und meine illustrierte Reihe recht neu war. Ich sprach ihn an und fragte, ob er mir eine Geschichte schreiben würde. Er wiederum kannte meine Zeichnungen und mochte sie. So sagte er Ja.

ONETZ: Wie schon den Band 4 „Moabit“ und  hat Volker Kutscher auch „Mitte“ eigens für Ihre Reihe geschrieben. Sind Ihre Illustrations-Ideen dazu schon beim ersten Lesen entstanden oder hat sich das im gemeinsamen Austausch entwickelt? 

Kat Menschik: Die Ideen dazu habe ich über einen längeren Zeitraum gedacht, geplant, geändert und verfeinert. Zuerst für mich, im späteren Prozess im Austausch. Das macht großen Spaß, zusammen etwas zu entwickeln.

ONETZ: Ihr Verlag vergleicht die beiden Bänden mit „Puzzlestücken im Gereon-Rath-Universum“. Die entscheidenden letzten Teile fehlen aber noch, oder?

Kat Menschik: Vielleicht. Ja. Ich möchte nichts verraten….

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HINTERGRUND:

Zu Personen, Büchern und TV-Serie

  • Volker Kutscher, 1962 geboren, arbeitete nach dem Germanistik-, Philosophie- und Geschichtsstudium als Tageszeitungsredakteur. Seinen ersten Kriminalroman "Bullenmord" schrieb er 1996 zusammen mit Christian Schnalke
  • Kat Menschik ist freie Illustratorin. Seit 2016 getaltet sie ihre eigene Buchreihe "Lieblingsbücher"
  • der erste Gereon-Rath-Krimi "Der nasse Fisch" erschien 2007, der jüngste "Olympia" 2020
  • die seit 2017 gedrehte Erfolgs-TV-Serie "Babylon Berlin" von Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries basiert auf Kutschers Gereon-Rath-Vorlagen
  • "Babylon Berlin" läuft auf Sky und ARD und wirde bereits in mehr als 100 Länder verkauft
  • "Mitte" von Volker Kutscher und Kat Menschik, 128 Seiten, gebunden, ist am 7. Oktober 2021 bei Galiani Berlin in der Reihe "Illustrierte Lieblingsbücher" erschienen und kostet 20 Euro.

 

 

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