09.04.2021 - 15:49 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Drama um Rosenberger Papageien-Gnadenhof spitzt sich zu

Beschwerden über Gestank und Lärm, Ärger mit der Stadt: Ulrike Jackson und Sohn Terrel reiben sich psychisch auf. Die beiden retten exotische Vögel. Nun müssen sie um die Existenz ihres Papageien-Gnadenhofs in Sulzbach-Rosenberg kämpfen.

Kakadu Gustl kann manchmal frech sein, doch auf den Schultern seiner Ersatz-Mama Ulrike Jackson fühlt er sich wohl. Im Hintergrund ihr Sohn Terrel, der sich ebenfalls liebevoll um den weißen Kakadu kümmert - genauso wie um Dutzende andere exotische Vögel.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

15 Jahre lang hat Ulrike Jackson an ihrem früheren Wohnort in der Adam-Stegerwald-Straße in Sulzbach-Rosenberg Vögel gehalten. In einer 30 Meter langen Voliere (Freiflug-Käfig, Anm.d.R.) waren bis zu 120 Tiere untergebracht. Probleme habe es nie gegeben. „Die Nachbarn würden heute noch unterschreiben, dass die Vögel nicht gestört haben“, sagt die 51-Jährige. Mit der Harmonie im Papageien-Gnadenhof ist es mittlerweile vorbei. Am neuen Standort in der Pulvermühle in Rosenberg liegen die Besitzerin und ihr Sohn Terrel im Clinch mit einem unliebsamen Nachbarn – und der Stadt Sulzbach-Rosenberg.

Mutter und Sohn haben ein Teilgebäude der früheren Schwarzpulvermühle im September 2019 erworben, aufwendig renoviert und sind seit Juni 2020 dort eingezogen – inklusive 55 Papageien, Kakadus und Sittichen. Mehr können es momentan nicht werden, weil das Veterinäramt einen Aufnahmestopp verhängt hat, doch dazu später.

Verletzte und kranke Tiere

Die Tiere halten die Jacksons nicht aus Vergnügen, sondern um sie zu retten. Ihr Engagement hat sich rumgesprochen. Aus Straubing, dem Allgäu und sogar Hamburg würden Vögel zu ihnen gebracht, erzählt die Besitzerin. „Die stammen oft aus Auffangstationen oder polizeilichen Beschlagnahmungen. Es ist unglaublich, was Menschen den Tieren antun können.“

Manche der Vögel kämen verhaltensgestört, mit gebrochenen Beinen, ausgerissenen Flügeln oder ohne Schnabel. Oft sterben sie im Gnadenhof an Erschöpfung, mitgebrachten Krankheiten oder ihren Verletzungen. Aber: „Ich bin extrem tierlieb und muss da einfach helfen. Viele können wir retten und wieder aufpäppeln. Dann haben sie bei uns einen schönen Lebensabend.“

Ein Geschäft wollen die Jacksons mit ihrem für die Öffentlichkeit vorerst nicht zugänglichen Gnadenhof nicht machen – sie fühlen sich einem Bildungsauftrag verpflichtet. „Wir wollen an den Volieren Info-Tafeln anbringen. Kindergartengruppen und Schulklassen können kommen und Besucher. Wir wollen aufklären, dass solche exotischen Tiere nicht nach Deutschland gehören und nicht als Haustiere gehalten werden sollten“, beschreibt Ulrike Jackson ihre Vision mit Funkeln in den Augen.

Der Gnadenhof von Ulrike Jackson sucht dringend ein neues Zuhause

Sulzbach-Rosenberg

6000 Euro für Gutachten

Es gibt nur ein Problem: Freifluggehege, Kälteschutzhaus und Volieren für die Exoten aus Afrika sind auf dem 2400 Quadratmeter großen Gelände am Rosenbach von Terrel und seinen Freunden in Eigenarbeit weitgehend fertig gebaut – aber ohne vorher die Genehmigung der Stadt einzuholen. Nun darf nicht weiter gebaut werden. Begründung: Teile des Grundstücks seien Hochwassergebiet. Zudem gebe es Beschwerden von einem Nachbarn wegen Lärm und Gestank. „Wir sollen deshalb ein Immissionsschutzgutachten und ein Schallschutzgutachten machen lassen. Jedes Gutachten kostet bis zu 6000 Euro – wie sollen wir das bezahlen?“

Ulrike Jackson setzt dies so zu, dass sie seit einem Jahr wegen Depressionen krank geschrieben und inzwischen gekündigt ist. Der gelernte Autolackierer Terrel hält den Gnadenhof und seine Mutter mit seinem Job bei einer Amberger Baufirma über Wasser – gerade so. „Wir haben im März einen Gnadenhof-Verein gegründet, damit wir leichter Spenden bekommen. Auch Futterspenden sind uns immer eine große Hilfe“, sagt der 24-Jährige. Im Winter hat sich Terrel schon über die Baustopp-Verfügung hinweggesetzt – manche Tiere kommen aus dem subtropischen Afrika und würden in der Eiseskälte erfrieren. „Das Kälteschutzhaus war noch nicht isoliert. Ich kann die Tiere bei minus 18 Grad doch nicht sterben lassen, bloß weil die Stadt sich sträubt. Entweder zahle ich Strafe ans Veterinäramt, weil die Vögel sterben oder an die Stadt, weil ich ohne Genehmigung baue – da entscheide ich mich für den Tierschutz.“

„Ich kann die armen Tiere bei minus 18 Grad doch nicht sterben lassen, bloß weil die Stadt sich gegen die Genehmigung sträubt.“

Terrel Jackson

Terrel Jackson

Vögel stinken nicht, Pferde schon

Die Beschwerden wegen Lärm und Gestank seien zudem unberechtigt, klagt Ulrike Jackson. „Wir haben zu allen Nachbarn ein gutes Verhältnis. Nur einer macht uns ständig mit Beschwerden bei der Stadt das Leben schwer, weil er uns nicht mag.“ „Die Tiere haben keinen Eigengeruch, da stinkt nichts. Aber direkt nebenan ist ein Reiterhof. Da liegt Pferdemist rum und es ist permanent Pferdegeruch in der Luft – da sagt niemand was, und ein Gutachten fordert auch keiner“, ärgert sich Terrel. Anders ist die Sache beim Lärm. Beim Pressetermin vor Ort zeigte sich, dass die Vögel nur wenig zwitschern und meistens ruhig sind. Dafür können die teils mehrere Kilo schweren Papageien, die bis zu 90 Jahre alt werden, gelegentlich laute, gellende Schreie von sich geben. Terrel Jackson dazu: „Wir haben uns extra einen Standort in einem Gewerbemischgebiet ausgesucht. Hier sind 60 Dezibel erlaubt, für Lärmspitzen sogar 90.“

Dieser Wert werde nur erreicht, wenn direkt am Schnabel der Vögel gemessen werde. „Die Tiere schreien aber kaum und sind oft in den Volieren, die Geräusche zusätzlich isolieren. Wir sind hier in einem Mischgebiet. Hinten rauscht der Zug auf der Bahnstrecke vorbei und vorne donnern die Lkw auf der Hauptstraße nach Amberg durch, aber unserer Vögel wären zu laut, das entbehrt jeder Grundlage.“

Kein Gutachter will kommen

Zudem habe man sich sogar intensiv um einen Lärmgutachter bemüht, doch es findet sich keiner. „Wir haben nur Absagen bekommen. Die Experten haben unsere Anfrage abgelehnt, weil sie sagen, sie hätten keine Erfahrung mit Papageien und wüssten nicht, wie sie das messen sollten.“ Die Jacksons, die inzwischen von einer Anwältin vertreten werden, haben der Stadt dieses Dilemma mitgeteilt, nun warten sie auf Antwort. Beide hoffen, dass die Verwaltung ein Einsehen zeigt und bald die Genehmigungen erteilt. „Bei uns liegt alles brach. Wir wollen endlich für die Tiere den Gnadenhof fertig bauen.“

Der betreffende Nachbar war für Nachfragen der Redaktion über mehrere Tage nicht zu erreichen. Eine Anfrage an die Stadt wurde gestellt. Die Antwort wird Teil einer Folge-Berichterstattung.

Mit Video zu den Vögeln: Wieviel Arbeit in dem Gnadenhof steckt

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Kommentar:

Papageien sind eine Chance für Rosenberg

Stinken die Papageien im Gnadenhof der Jacksons? Sind die Kakadus zu laut? Die Meinungen gehen auseinander. Ein Nachbar zumindest findet: Ja. Es stimmt schon, wer im Haus nebenan rund um die Uhr Vogelschreie ertragen muss, kann sich belästigt fühlen. Dennoch sollte die Stadt vermitteln und bei den geforderten Gutachten Entgegenkommen zeigen – im eigenen Interesse.

Leidende Tiere ehrenamtlich zu retten, ist eine gute Sache. Ein funktionierender Gnadenhof kann für den Stadtteil Rosenberg ein Besuchermagnet sein. Ein paar Meter weiter gibt es ein neues Kaffeehaus. Das Café und die Papageien könnten sich gegenseitig befruchten und Ausflügler anlocken. Bisher sind die Straßen rund um die Pulvermühle kein Schmuckstück – aber sie haben das Potenzial, es zu werden.

Von Tobias Gräf

 

 

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