22.10.2021 - 12:37 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Vom Eisernen Vorhang zum Grünen Band

Mit dem Fall der Berliner Mauer fiel auch der Eiserne Vorhang. An seiner Stelle verläuft jetzt das Grüne Band. Es verbindet über Grenzen hinweg. Und zwar nicht nur Landschaften, sondern auch Menschen.

Ahornbäume bei Altmugl.
von Christa VoglProfil

Wachtürme mit Schießscharten. Selbstschussanlagen. Erdminen. Stacheldrahtzäune. Hochspannungsbarrikaden. Splitterminen. Stolperdrähte. Wachhunde. Betonwände. Dornenmatten mit Stahlnägeln. Sperrgräben. Da stellt sich fast schon automatisch die Frage, ob aus einer Ansammlung solcher Dinge irgendwann einmal auch etwas Gutes entstehen kann?

Erwin Möhrlein nickt, ja doch, daraus könne durchaus etwas Gutes entstehen. Beziehungsweise: Daraus sei ja schon etwas Gutes entstanden. Sogar etwas sehr Gutes. Die Rede ist von zwei Gegensätzen: Auf der einen Seite der Eiserne Vorhang mit seinen menschenverachtenden Grenzbefestigungen, der 40 Jahre lang DDR-Bürger von der Republikflucht abhalten sollte und in dieser Zeit zu zahlreichen Festnahmen, Todesfällen und viel Leid in den Familien führte. Auf der anderen Seite das Grüne Band, das sich nach dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung aus dem Eisernen Vorhang entwickelte und heute an Demokratie, Freiheit und Frieden erinnert.

Direkt nach dem Mauerfall begonnen

Möhrlein ist Beauftragter für verschiedene Artenhilfsprogramme und aktives Mitglied beim LBV. Über die Naturschutzverbände war er von Anfang an bei der Gestaltung des Grünen Bandes eingebunden. Und zwar im Grenzgebiet zwischen Oberpfalz und Tschechien. „Das Grüne Band Deutschland entstand nach dem Fall der Mauer 1989. Und zwar auf Initiative von vielen Naturschützern aus Ost- und Westdeutschland, federführend war dabei der Bund für Umwelt und Naturschutz“, erzählt er. Denn die Naturschützer erkannten damals sehr schnell das Potential des ehemaligen Grenzstreifens als einmaligen Naturraum. Und sie setzten alles daran, um zu verhindern, dass er durch die Grenzöffnung zerstört wird.

Doch wie konnten sich bereits zu Zeiten des Kalten Krieges zwischen Wachtürmen, Minenfeldern und Stachelzaundrähten, wertvolle Biotope – manche sprechen gar von einer Arche Noah - entwickeln? Wichtig für ihre Entstehung, so Möhrlein, sei vor allem das ausgedehnte Sperrgebiet auf der Ostseite der innerdeutschen Grenze gewesen. Es begann bereits fünf Kilometer vor den eigentlichen Grenzanlagen und durfte nur von Grenzsoldaten betreten werden. Dadurch entstand nach und nach ein Streifen grüner Landschaften mit zahlreichen Lebensbereichen und Bewohnern – sowohl Tiere als auch Pflanzen – die andernorts oft selten geworden waren.

Aber auch auf der Westseite der innerdeutschen Grenze entstanden - völlig ungeplant - kleine Biotope. Möhrlein erinnert sich noch gut an die Zeit vor dem Fall des Eisernen Vorhangs: „Natürlich gab es Äcker, die bis an die Grenze reichten und die intensiv genutzt wurden. Andererseits gab es auch viele wilde Ecken in ungünstigen Höhenlagen, die für die Landwirtschaft unergiebig waren. In diese Gegenden verirrte sich kaum einer, weil es auch keine durchgängigen Wege gab.“ Beste Voraussetzungen also für Tiere und Pflanzen, die in einer aufgeräumten Kulturlandschaft keinen Platz mehr fanden.

"Antifaschistischer Schutzwall" verschwunden

Dort, wo im Süden die frühere innerdeutsche Grenze endet und mit ihr das Grüne Band Deutschland, beginnt das Grüne Band Bayern-Tschechien. Es erstreckt sich vom Dreiländereck Sachsen-Bayern-Tschechien bis zum Dreiländereck Bayern-Tschechien-Österreich. Auch entlang dieser Grenze, auf dem Gebiet der früheren Tschechoslowakei, gab es strenge Vorkehrungen, um etwaige „Republikfluchten“ zu verhindern. Mit dem Fall der Mauer 1989 verschwand allerdings der „antifaschistische Schutzwall“, an seiner Stelle schlängelt sich heute das Grüne Band. Manchmal sogar im Schutz besonders gesicherter Gebiete, wie etwa dem Nationalpark Šumava oder dem großflächigen Landschaftsschutzgebiet Český.

Und auf der Oberpfälzer Seite? Wie sieht es da mit dem Grünes Band aus? „Auf der Seite der Oberpfalz möchten wir natürlich auch unseren Beitrag zum Grünen Band leisten“, sagt Erwin Möhrlein und unterstreicht dabei sowohl das große Engagement der Regierung der Oberpfalz als auch die Leistung der vielen Mitstreiter*innen, die zum Gelingen dieses großen Projekts beitrugen und immer noch beitragen. Tatsache sei aber, dass das Grüne Band in der Oberpfalz trotz der bestehenden Naturparks - Oberpfälzer Wald und Nördlicher Oberpfälzer Wald - noch erhebliche Lücken aufweise. Zum Beispiel, weil es unterbrochen wird von landwirtschaftlich genutzten Flächen oder auch von Verkehrswegen.

Ein besonderer Lösungsansatz für dieses Problem wird im Stiftland - im Nordosten Bayerns an der Grenze zu Tschechien – verfolgt. Eine der Maßnahmen besteht nämlich darin, die Unterbrechungen über eine Art Bypass auszugleichen: Ist der ursprünglich vorgesehene Weg, dem das Grüne Band folgen müsste, versperrt, so nimmt es einen Umweg. Erst nach der Umgehung der Hindernisse wird die eigentliche Route wieder aufgenommen. Im vorliegenden Fall bedeutet dies: Das Grüne Band nutzt eine zufälligerweise bereits vorhandene Querachse. Und zwar über den Egerer Stadtwald bzw. Hochwald zu den Auen der Wondreb und der Waldnaab, um von dort hauptsächlich über die Basaltkuppen um das Seibertsbachtal wieder an die Grenze zu gelangen. "Aber so wichtig diese weiteren Verbindungen - diese Bypässe - auch sind, so ersetzen sie natürlich nicht die Weiterentwicklung des Grünen Bandes unmittelbar an der Grenze", ist sich Möhrlein sicher.

Seltener Hochmoor-Perlmuttfalter

Der Erfolg der oft aufwendigen Bemühungen rund um das Grüne Band zeigt sich inzwischen – hüben wie drüben - in Form von besonderen Beobachtungen. Auch die Oberpfalz könne damit aufwarten, erzählt der Tirschenreuther: Zum Beispiel gibt es im Grenzgebiet – am Oberpfälzer Kamm - einen Schmetterling, der ansonsten „bei uns“ kaum noch zu finden ist: Die Rede ist vom Hochmoor-Perlmuttfalter. Oder Jäger berichten von Luchsen, die wohl gerade auf Partnersuche sind, und plötzlich auf der Silberhütte am Grenzkamm des Oberpfälzer- und Böhmerwaldes herumstreifen. Oder es gibt Sichtungen von Wildkatzen, die den sicheren Wanderkorridor und die vielen ungestörten Bereiche nutzen und Ausschau nach neuen Revieren halten. Oder, oder, oder.

Erwin Möhrlein kann sich die Nutzung des Grünen Bands aber auch noch in eine ganz andere Richtung vorstellen: „Es gibt in Europa bereits einige Fernwanderwege, wie zum Beispiel den Jakobsweg oder in unserer Gegend den Goldsteig. Sie werden von vielen Menschen gerne genutzt, die Ruhe suchen.“ Warum nicht auch das Grüne Band – natürlich unter Ausklammerung störungsempfindlicher Bereiche - für den Ökotourismus öffnen? Angedacht sei dies aktuell bereits für die Silberhütte oder für die Gegend um Bad Neualbenreuth. „Unter Ökotourismus verstehe ich sanften, nachhaltigen Tourismus, also keinen Massentourismus. Dabei soll natürlich die Erholungslandschaft erhalten bleiben“, erklärt Möhrlein.

Arche Noah für bedrohte Tier- und Pflanzenarten

Alles in allem ganz schön viele Rollen, die das Grüne Band zu spielen hat: Als Arche Noah bietet es bedrohten Pflanzen- und Tierarten eine Heimat. Als längster Biotopverbund Mitteleuropas schafft es einen dringend benötigter Wanderungskorridor für die Tierwelt. Als Erinnerungslandschaft hält es die Teilung Deutschlands lebendig. Als Erholungsgebiet lädt es Besucher ein, seine außergewöhnliche Tier- und Pflanzenwelt zu bestaunen.

Erwin Möhrlein, der zusammen mit den tschechischen Kollegen hin und wieder zu „binationalen Kartierungen von Pflanzen und Tieren“ unterwegs ist, weiß aber noch von einer ganz anderen Wirkung des Grünen Bands: „Durch das Grüne Band ist der Kontakt zwischen Oberpfälzern und den Tschechen intensiver geworden. Man tauscht sich regelmäßig aus, ja, man besucht sich sogar.“

Und dann wagt er noch einen kurzen Blick über den Oberpfälzer Tellerrand hinaus: „Das Grüne Band und die damit verbundene Zusammenarbeit zwischen den Grenzregionen ist auch sehr wichtig für das Zusammenwachsen Europas. Man sieht doch aus der Geschichte, wie schnell die Spaltkräfte ein Eigenleben entwickeln und wozu das führen kann.“

Nach diesem Ausflug in die europäische Weltpolitik kommt der Naturfreund aber wieder schnell zurück in die Oberpfalz und zu unseren tschechischen Nachbarn: „Wissen Sie, es ist einfach ein schönes gemeinsames Projekt, es ist wie ein gemeinsames Kind“, sagt er und in seinen Worten schwingt ein großes Stück Begeisterung mit. Übrigens: Auf deutscher Seite heißt das Kind, von dem hier die Rede ist, „Grünes Band“. Auf tschechischer Seite trägt es den Namen „Zelený pás“.

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