21.11.2021 - 12:17 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Von "Jammerpfalz" keine Spur mehr

Kliniken AG, Digitalisierung, Coronakrise, Ziegler-Ansiedlung: Kaum ein Thema sparte der Gastredner, Finanz- und Heimatminister Albert Füracker, beim 9. Wirtschaftsdialog in Tirschenreuth aus.

Finanz- und Heimatminister Albert Füracker (links) war Gastredner beim 9. Wirtschaftsdialog der Stadt Tirschenreuth.
von Lena Schulze Kontakt Profil

Eigentlich wäre es heuer der 10. Wirtschaftsdialog in Tirschenreuth gewesen, doch vergangenes Jahr musste die Veranstaltung, die es seit 2012 in der Kreisstadt gibt, wegen Corona abgesagt werden. Heuer fand die Zusammenkunft unter der 2G-Regelung statt. Gastredner beim 9. Wirtschaftsdialog im Schulungsraum des Feuerwehrgerätehauses war Finanz- und Heimatminister Albert Füracker. Er hielt vor Vertretern aus Wirtschaft, Industrie, Handel, Politik, Verwaltung, Dienstleistung, Handwerk, Schulen und Behörden ein Impulsreferat über die Wirtschaftssituation.

Top Wirtschaftsstandort

Bürgermeister Franz Stahl ging in seiner Begrüßung darauf ein, dass der Standort Tirschenreuth im Wettbewerb im Landkreis, in der Oberpfalz und in Bayern stehe. "Der ländliche Raum hat viel zu bieten." Dieser habe sich in den vergangenen Jahren sehr zum positiven gewandelt. Laut Bürgermeister habe die Kreisstadt mit Abstand die meisten Arbeitsplätze im Landkreis zu bieten. Die Arbeitslosenquote betrage derzeit nur 2,6 Prozent. Binnen 15 Jahren stieg die Anzahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten um rund 31 Prozent.

Für die Wirtschaft biete man in der nördlichen Oberpfalz beste Voraussetzungen zur Ansiedlung. Besonders stolz berichtete Stahl von der geplanten Ansiedlung der Ziegler-Group. Für 220 Millionen Euro sollen im neuen Gewerbegebiet ein Holzkompetenz-Zentrum und 1000 neue Arbeitsplätze entstehen.

Und auch wenn die Situation der Kliniken AG derzeit schwierig sei, am Krankenhausstandort in Tirschenreuth wurden 30 Millionen Euro in die Notaufnahme und einen neuen OP-Bereich investiert. Zudem seien alle Schularten in der Kreisstadt vertreten, es gebe einen OTH Standort. Man biete eine Vielfalt kulturellem und gesellschaftlichem Leben. Besonders das Preis-Leistungsverhältnis stimme hier in der Oberpfalz. Der Wirtschaftsdialog sei wichtig, um kreative Köpfe mit innovativen Ideen zusammenzubringen und zu vernetzen. Abschließend bedankte sich Stahl beim Finanzminister für zwei Millionen Euro Stabilisierungshilfe: "Damit werden wir die Entwicklung der Stadt mit voller Intensität weiter vorantreiben", versprach Stahl.

Füracker erklärte, dass seine Aufgabe oft missverstanden werde: "Die Leute meinen immer, ich bringe Geld mit. Nein. Meine Aufgabe ist es, auf die Steuergelder aufzupassen und mir nicht die Taschen leeren zu lassen." Mit einem Augenzwinkern sagte er, dass er deshalb nicht allzu oft zu Franz Stahl kommen dürfe. Doch in der Kreisstadt sei das Geld gut angelegt, mit ihren Bemühungen binde die Stadt Kauf- und Wirtschaftskraft. "Tirschenreuth zeigt, was jede Kommune mit Eigeninitiative erreichen kann. Die Stadt handelt aktiv beim Breitbandausbau, entwickelt Demografiestrategien und investiert in wichtige Infrastruktur. Die kontinuierliche Entwicklung Tirschenreuths der letzten Jahre hin zu einem hoch attraktiveren Wirtschaftsstandort bestätigt dieses Engagement."

Milliarden zur Krisenbewältigung

Im Hinblick auf die Corona-Pandemie sagte der Minister: "Ich spüre viele Gräben." Einschränkungen, Impfungen – jedes Detail werde intensiv diskutiert. "Wir haben eine hohe Staatsverschuldung auf uns genommen, um die Krise von den Menschen weitestgehend fernzuhalten." Um den medizinischen oder wirtschaftlichen Kollaps zu verhindern, wurden Milliarden ausgeschüttet. Doch auf Dauer könne dies nicht die Lösung sein: "Unsere Strategie, Kriesen zu bewältigen, kann nicht sein, unbegrenzt Schulen anzuhäufen." Am liebsten würde Füracker in die Zeit vor Corona zurück, damals war es gleichzeitig möglich Schulden abzubauen und Rekordsummen zu investieren. "Keine höhere Steuerlast - Ich will Investition und Konsum." Auch dafür sei die Städtebauförderung gedacht. "Die Kommunen müssen florieren. Der Landkreis und die Stadt Tirschenreuth leben das."

Gemeinsam Region entwickeln

Kommune und Wirtschaft müssen seiner Meinung nach zusammenarbeiten und die Region vor Ort gemeinsam entwickeln. Dies stärke die Identifikation mit der Region. "Ihr werdet bestimmt nicht die Maximal-Auswahl haben, aber wenn sich ein Unternehmen ansiedeln will, kann man das so gestalten, dass beide Parteien Freude daran haben", betonte Füracker. Die Gemeinde müsse darauf achten, dass die Investition in die Kulturlandschaft passe und diese nicht ruiniere, spielte der Minister auf die Ziegler-Ansiedlung an. Hier laufe alles beispielhaft.

Um den ländlichen Raum für qualifiziertes Fachpersonal sowie junge Familien attraktiv zu machen, sei es laut dem Minister unabdinglich, dass diese Erwerbsleben und Familie gut unter einen Hut bekommen. Füracker rief die Wirtschaft, auf mitzuhelfen, ihr Unternehmen kinderfreundlich zu gestalten. Auch die Kommune müsse in die Kinderbetreuung investieren. "Ja, das kostet Geld. Aber das in die Hand zu nehmen, lohnt sich", so Füracker.

In Sachen Infrastruktur gelte es die Digitalisierung weiter voranzutreiben. Zum Thema Klima merkte der Minister an: "Ich will keine Kernkraftwerk, weils verstrahlt. Ich will kein Kohleabbau, weils verrußt. Ich will kein Photovoltaik, weils verspiegelt. Ich will keine Windkraft, weils verspargelt. Ich will keine Stromleitung, weils verschandelt - ich verzweifle", seufzte Füracker. Als modernes Industrieland müsse man gewisse Einschränkungen eben hinnehmen.

Die Oberpfalz bezeichnete der Minister früher gerne als „Jammerpfalz“, dies sei heute keineswegs mehr der Fall, ist der Heimatminister überzeugt von der Lebensqualität auf dem Land. Nach dem Ende des offiziellen Teils nutzten die Gäste rege die Möglichkeit zum Gespräch und Austausch.

Heimatminister Füracker überreichte dem Arbeitskreis Historisches Handwerk Tirschenreuth die Plakette zum Immaterillen Kulturerbe Bayerns

Tirschenreuth

"Keine höhere Steuerlast - ich will Investition und Konsum!"

Finanz- und Heimatminister Albert Füracker

Finanz- und Heimatminister Albert Füracker

 

 

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