22.01.2021 - 14:28 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Kreisbrandrat Andras Wührl: So verändert die Corona-Pandemie die Feuerwehrarbeit

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Die Pandemie hat die Feuerwehren im Kreis Tirschenreuth vor neue Herausforderungen gestellt: Kreisbrandrat Andreas Wührl blickt im Interview auf Katastrophenfall, Einsatzzahlen, neue Fahrzeuge und die Impfbereitschaft seiner Mannschaft.

In der Kriseneinsatzzentrale Wiesau verbrachte Kreisbrandrat Andreas Wührl während des Katastrophenfalls im vorigen Jahr viele Stunden. Die Feuerwehren im Landkreis Tirschenreuth sieht der Wiesauer gut aufgestellt, trotz der Pandemie.
von Armin Eger Kontakt Profil

ONETZ: Herr Wührl, die Statistiken für die Landkreisfeuerwehren können sich doch sehen lassen?

Andreas Wührl: Ja, durchaus. Die Anzahl der Feuerwehren hat sich nicht geändert. Wir haben 101 Wehren und zwei Werksfeuerwehren bei Siemens in Kemnath und bei Schott in Mitterteich.

ONETZ: Und was tut sich bei den Aktiven?

Andreas Wührl: Da sind es mit 3925 sogar 5 mehr als 2019. Frauen haben wir 492 in unseren Reihen, 4 mehr als noch vor einem Jahr. Von den 622 Jugendlichen, in 87 Jugendgruppen, sind 76 in den aktiven Dienst gewechselt.

ONETZ: Gibt es durch die Pandemie Probleme beim Nachwuchs?

Andreas Wührl: Die Kinderfeuerwehren sind gut angelaufen. Bei den Kindern, von den 6- bis 12-Jährigen, gab es sogar einen Zuwachs um 21 auf 282. Aber das Problem ist, dass momentan alles stillgelegt ist und es keine Treffen und Ausbildungen gibt. Von 100 musste alles auf Null runtergefahren werden. Ich hoffe, dass wieder alle kommen, wenn die Treffen wieder erlaubt sind.

ONETZ: Wird der demografische Wandel, für den Landkreis Tirschenreuth ist ein erheblicher Rückgang der Einwohnerzahlen prophezeit, in einigen Jahren ein Problem für die Wehren?

Andreas Wührl: Momentan ist die Präsenz der Wehren im Landkreis gut. Es wird in einigen Jahren sicher schwierig, wo wir die Kinder für den Nachwuchs herbekommen. Es wird so kommen, dass dann immer zwei Feuerwehren alarmiert werden müssen, weil die eine vielleicht nur 5 Leute zur Verfügung hat.

ONETZ: Wirkte sich die Pandemie auf die Anzahl der Einsätze aus?

Andreas Wührl: Ja. Man merkt, dass es zurückgegangen ist, aber es ist alles weiter auf hohem Niveau. Hatten wir 2019 noch 2384 Einsätze, so mussten die Wehren vergangenes Jahr 1855 Mal ausrücken.

ONETZ: Wie sind die Einsätze aufgegliedert?

Andreas Wührl: Das meiste sind technische Hilfeleistungen, wie Öl auf der Fahrbahn beseitigen. Die größten Einsätze waren der Brand eines Bauernhofes und ein Unfall auf der A93 mit drei Lastautos. Brände waren es 300.

ONETZ: Gab es wieder Fehlalarme?

Andreas Wührl: Die sind zurückgegangen. 2020 waren es 160, davon sind 127 auf Brandmeldeanlagen zurückzuführen. Das ist viel. Denn laut Statistik hat jede Brandmeldeanlage im Jahr durchschnittlich 0,87 Ausfälle.

ONETZ: Gibt es im Landkreis eine Wehr, so wie in Großstädten oft, die in der Ersten Hilfe im Einsatz ist?

Andreas Wührl: Nur die Feuerwehr Erbendorf leistet organisierte Erste Hilfe, die sogenannte First Responder. 64 Einsätze hatten die Erbendorfer im vorigen Jahr.

ONETZ: Findet momentan überhaupt eine Aus- oder Weiterbildung statt?

Andreas Wührl: Seit Dezember haben wir ein Übungsverbot. Schon vorher war es eine Ausbildung auf Sparflamme. Das sind schon Einschränkungen. Aber zum Glück sind alle gut ausgebildet. Was möglich ist, sind Workshops und Filme online zu allen Themen.

ONETZ: Ist es nicht ein Problem, dass die Jahreshauptversammlungen ausfallen mussten? Vor allem wegen der Neuwahlen?

Andreas Wührl: Nicht nur die Jahreshauptversammlungen, sondern auch die große Herbstdienstversammlung musste ausfallen. Die Wahlen sind im Feuerwehrgesetz geregelt. Entweder macht der alte Kommandant weiter, oder wenn der nicht mehr will, setzt die Gemeinde einen Notkommandanten ein. Eine Briefwahl geht nicht, da die Gemeinden ihre Satzungen zuerst ändern müssten.

ONETZ: Betroffen von der Pandemie war auch der jährliche, bayernweite Aktionstag.

Andreas Wührl: Die Aktion geht immer von September bis September. Das Motto wäre gewesen: Helfen ist Trumpf. Vorführungen und Tag der offenen Tür mussten ausfallen.

ONETZ: Sind Sie mit der Ausstattung der Wehren zufrieden?

Andreas Wührl: Wir sind gut aufgestellt und gut ausgestattet. Die Wehren bekommen immer wieder neue Fahrzeuge. Das größte, ein Tanklöschfahrzeug 4000, erhielt die Kemnather Wehr. Momentan sind wir zudem dran, dass die alten Drehleitern in Tirschenreuth und Mitterteich durch neue ersetzt werden. Die sind älter als 20 Jahre und störanfällig. Ersetzt werden auch immer wieder Uniformen und Ausrüstung der Aktiven.

ONETZ: In Wiesau steht seit März das neue Katastrophenschutzfahrzeug...

Andreas Wührl: Der Einsatzleitwagen für die Unterstützungsgruppe Örtliche Einsatzleitung, so der richtig Name, steht am Standort in Wiesau und wurde kurz vor dem ersten Lockdown ausgeliefert. Das Fahrzeug des Landkreises ist technisch auf dem aller neusten Stand mit Monitoren und Satellitenschüssel. Das Auto hat allerdings auch 240.000 Euro gekostet. Bei jedem größeren Einsatz wird das Fahrzeug mit alarmiert.

ONETZ: Werden auch neue Feuerwehrhäuser gebaut?

Andreas Wührl: Man hat gemerkt, dass die Kommunen in den vergangenen Jahren besser dastanden und investiert haben. Gebaut wurde unter anderem in Kemnath, Pleußen/Königshütte und in Grötschenreuth.

ONETZ: Wie geht es mit der digitalen Alarmierung voran?

Andreas Wührl: Die Gemeinden mussten bis Mitte Januar melden, wie viele Pager, also Meldeempfänger, sie für die Feuerwehr beschaffen wollen. Das sollte jetzt zügig vorangehen und Ende des zweiten, Anfang des dritten Quartals sollte es soweit sein. Es gibt eine rund 80-prozentige Förderung für jeden Pager. Den Rest muss die jeweilige Gemeinde zahlen. Zudem muss jede einzelne Sirene mit einem neuen Steuergerät umgerüstet werden.

ONETZ: Sind die bayerischen Leitstellen schon digital einsatzfähig?

Andreas Wührl: Bei fünf Leitstellen erfolgt die Alarmierung bereits digital. Eine davon ist die Integrierte Leitstelle Nordoberpfalz (ILS).

ONETZ: Mit welchen Einschränkungen sind die Feuerwehren während der Corona-Pandemie konfrontiert?

Andreas Wührl: Zunächst einmal muss gesagt werden, dass auch in Coronazeiten die Wehren immer ausrücken, wenn es erforderlich ist und dass die Einsatzbereitschaft gegeben ist. Wir hatten keinerlei Ausfälle. Vom Landesfeuerwehrverband haben wir viele Informationen bekommen, wie wir uns zu verhalten haben, damit für die Bevölkerung keine Gefahren ausgehen. Wir besetzen die Löschfahrzeuge statt mit 9 nur noch mit 6 Mann, also mit einer Staffelbesatzung. Da immer mehrere Fahrzeuge vorhanden sind, ist es kein Problem alle geforderten Kräfte an den Einsatzort zu bringen.

ONETZ: Wie sieht es mit den Corona-Impfungen bei der Feuerwehr aus? Sind schon einige Aktive geipmpft?

Andreas Wührl: Die Feuerwehren kommen erst in der dritten Stufe dran, mit der Bevölkerung ab 60 Jahren. Aber schon jetzt haben immer wieder einige die Möglichkeit, sich impfen zu lassen. Wenn bei den durchgeführten Impfung was übrigbleibt, werden wir angerufen. Die Willigen müssen allerdings innerhalb einer halben Stunde vor Ort sein.

ONETZ: Wissen Sie, wie groß die Impfbereitschaft innerhalb der Wehren ist?

Andreas Wührl: Ich habe eine Umfrage gestartet. Von den 3925 Aktiven habe ich bis jetzt von 1100 eine Rückmeldung bekommen, dass sie sich impfen lassen wollen. Viele Antworten stehen noch aus.

ONETZ: Während des ersten Lockdowns im vorigen Jahr wurde der Katastrophenfall ausgerufen. Die Einsatzzentrale war in Wiesau, mit Ihnen als Einsatzleiter.

Andreas Wührl: Das hätte ich nicht gedacht, dass ich jemals Einsatzleiter im Katastrophenfall werde. Vom 18. März bis Anfang Juni koordinierten wir von Wiesau aus mit 10 Leuten von Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und vom BRK die Versorgung. Es war eine komplett neue Erfahrung für mich.

ONETZ: Für was war Ihre Mannschaft zuständig?

Andreas Wührl: Wir kümmerten uns um die Beschaffung von Materialien, vorrangig von Schutzmasken, Desinfektionsmitteln, Einweghandschuhe. Wir stellten die Touren zusammen und sorgten dafür, dass die Sachen ausgeliefert wurden. Ich kann mich noch erinnern, dass die 1000. Lieferung kurz vor Ende des Katastrophenfalls an die Berufsschule in Wiesau ging.

Das

Tirschenreuth
Hintergrund:

Der Kreisbrandrat und die Statistik

  • Andreas Wührl (62): Seit 1971 Feuerwehrmitglied. Seit 2001 Kreisbrandmeister. Seit 2007 Kreisbrandinspektor. Seit 2016 ehrenamtlicher Kreisbrandrat. Mindestens 25 Stunden in der Woche im Einsatz.
  • Feuerwehrdienstleistende: Aktive: 2020: 3925 (2019: 3920), davon 492 Frauen; Jugendliche: 622 in 87 Jugendgruppen. Kinder: 282 von 6 bis 12 Jahren.
  • Einsätze: 2020: 1855 gesamt. Davon 38 Großbrände, 126 Kleinbrände, 45 Mittelbrände und 1238 technische Hilfeleistungen. 2019: 2384 Einsätze gesamt.

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