21.07.2021 - 09:51 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Landkreis Tirschenreuth bestellt Lüfter für 230 Klassenzimmer

Wie werden die Klassen im Winter belüftet? Mit Sorge erwarten Eltern, Schüler und Lehrer die kalte Jahreszeit unter Corona-Bedingungen. Die vielfach geforderten Lüfter sorgten im Kreisausschuss für Debatten – auch wegen der Kosten.

Luftreinigungsgeräte wie auf diesem Symbolbild stehen schon in einigen Schulen im Landkreis, beschafft von örtlichen Sachaufwandsträgern. Jetzt wurde ein staatliches Förderprogramm für alle Klassenräume aufgelegt.
von Michaela Kraus Kontakt Profil

Eins wurde deutlich bei der Diskussion im Kreisausschuss Tirschenreuth: Möglichst durchgehender Präsenzunterricht ist das erklärte Ziel im Jahr zwei nach Ausbruch der Corona-Pandemie. Für mobile Luftreinigungsgeräte gewährt der Freistaat jetzt allen Schulen Zuschüsse. Doch die Freude darüber ist getrübt. Schließlich bleibt der Landkreis immer noch auf der Hälfte der Kosten sitzen. Bei 230 Fach- und Klassenräumen in den kreiseigenen Schulen wären das 500.000 bis 800.000 Euro bei Leasing oder Kauf der Luftreiniger, hat die Verwaltung errechnet.

Einiges im Vorgehen des Kultusministeriums erschien den Kreisräten nicht plausibel. Mehrfach drang die Warnung durch, sich durch das Vorhandensein von mobilen Lüftern in den Klassenzimmern in falscher Sicherheit zu wiegen. Richtiges Lüften sei weiter notwendig.

Unterricht in Präsenz

Landrat Roland Grillmeier war vom Sinn der Aktion aus dem Kultusministerium nicht ganz überzeugt. Er sah die Kommunen bei der möglichen Anschaffung vieler unterschiedlich wirksamer Geräte alleingelassen. "Es gibt Eltern, die das erwarten", wusste er jedoch. Und den Vorwurf, der unweigerlich komme, nämlich die Gesundheit der Beteiligten in den Schulen aufs Spiel zu setzen, wolle er sich keinesfalls machen lassen.

Oberste Prämisse sei Schulunterricht in Präsenz. Keiner könne sagen, wie die Situation im Winter sei. Und was in der Pandemie gut oder schlecht sei, wisse man oft erst hinterher. Dass die Luftreinigungsgeräte irgendeine Wirkung hätten, sei unstrittig: "Wir kommen da nicht raus. Ich lasse mir nichts vorhalten in der Hinsicht", betonte der Landrat und bat um die Ermächtigung des Gremiums, die Aufträge für die Lüfter in den nächsten Wochen zu vergeben.

Druck der Eltern

"Der Minister stellt sich hin und sagt, im September hat jede Klasse einen Lüfter", kritisierte Bernd Sommer (CSU). Doch über die Wirkung erfahre man kein Wort: "Kann durch ein Gerät der Präsenzunterricht garantiert werden?" Unsicher sei, zu welchem Preis man die jetzt massenhaft georderten Geräte schließlich bekomme und wann: "Wenn es ein Ostergeschenk wird, können wir es uns sparen." Letztlich werde man sich aber wohl dem Druck der Eltern beugen müssen.

Einen gewissen "Geruch von Populismus" stellte Hans Klupp (Freie Wähler) bei der Zuschussaktion aus München fest. Der Gemeindetag sehe das Ganze auch kritisch. Allerdings komme der Landkreis wohl nicht an einer Auftragsvergabe vorbei. "Bis September sollte absehbar sein, ob die Geräte lieferbar sind." Günter Kopp (Zukunftsliste) fehlten genauere technische Vorgaben aus dem Ministerium für die Lüfter. Er habe in Kulmain drei Geräte bestellt, die seien enorm laut bei höherem Luftaustausch.

Franz Stahl stimmt dagegen

Eine "Hauruckaktion" durch Zuschüsse von Bund und Land erkannte Josef Schmidt (Grüne). Die Umsetzung werde den Kommunen aufgebürdet. Doch man stecke im Dilemma, weil am Präsenzunterricht als oberstes Credo kein Weg vorbei führe. Wenn die Geräte nicht bis zu den Weihnachtsferien sicher beschafft werden könnten, solle man jedoch auf die Bestellung verzichten. Jutta Deiml (SPD) sah ebenfalls die Notwendigkeit, durch die Lüfter bestmöglich vorzusorgen.

"Jeder ist dagegen, aber dann stimmen wir doch zu", wunderte sich Franz Stahl (CSU) über die Diskussion. Diesen "Aktionismus" aus dem Kultusministerium, der Begehrlichkeiten wecke, werde er nicht unterstützen: "Wir können unwahrscheinlich viel Geld ausgeben und haben dann vielleicht die falschen Geräte." Außerdem erwartete Stahl, dass den Kommunen bei der erwartbaren Bestellflut "die Preise um die Ohren fliegen". Wenn der Freistaat anschaffe, solle er auch komplett zahlen. Das Geld der Sachaufwandsträger sei wesentlich besser in der EDV-Ausstattung der Schulen angelegt.

Mit der Gegenstimme von Franz Stahl ermächtigte der Kreisausschuss schließlich den Landrat, die erforderlichen Anschaffungen für das Programm "Infektionsschutzgerechtes Lüften in Schulen" zu tätigen. "Haushaltsmittel sind nicht vorhanden", hieß es in der Beschlussvorlage zum Eigenanteil von mindestens 500.000 Euro.

Luftfilter an Schulen: teuer, nicht verfügbar, bedingt wirksam

Amberg

Bericht über den Kabinettsbeschluss zur Förderung

Deutschland & Welt
Hintergrund:

Freistaat zahlt bis 50 Prozent für Luftreiniger

  • Das neueste Förderprogramm der Staatsregierung unterstützt Schulaufwandsträger in Bayern bei der Umsetzung technischer Maßnahmen zum infektionsschutzgerechten Lüften.
  • Der Zuschuss beträgt bis zu 50 Prozent, der Förderhöchstbetrag pro Raum 1750 Euro.
  • Gefördert wird die Beschaffung von mobilen Luftreinigungsgeräten. Zugelassen sind Filtertechnologie, UV-C-Technologie, Ionisations- und Plasmatechnologie oder eine Kombination daraus. Die Geräte sollen einen fünf- bis sechsfachen Luftdurchsatz des Raumvolumens pro Stunde leisten.
  • Den Zuschuss gibt es auch für dezentrale Lüftungsanlagen für Klassen- und Fachräume. Hier wird mindestens ein dreifacher Luftwechsel pro Stunde vorgeschrieben.
  • Der Schalldruckpegel darf im Betrieb 40 Dezibel nicht überschreiten.

"Wir können unwahrscheinlich viel Geld ausgeben und haben dann vielleicht die falschen Geräte."

Franz Stahl (CSU)

Franz Stahl (CSU)

 

 

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