09.07.2021 - 11:56 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

"Personalausweis" für zwei Fischadler-Küken

Es ist eine spektakuläre Aktion in einem Waldstück in der Nähe von Tirschenreuth. Zwei Fischadler-Küken bekommen ihren "Personalausweis" verpasst.

Waldarbeiter und Baumkletterer Manfred Härtl steigt 35 Meter hoch auf den Baum, auf dessen Spitze sich der Adlerhorst befindet. Er holt die beiden Fischadler-Küken vorsichtig aus dem Nest und transportiert sie für die Beringung in einem Jutesack nach unten.
von Ulla Britta BaumerProfil

Mit forschen Schritten geht Manfred Härtl auf den gut 35 Meter hohen Baum zu. Gut gesichert beginnt der professionelle Baumpflege-Fachmann den Stamm hinaufzuklettern. Was Geschick und Geschwindigkeit angeht, macht er damit jedem Eichhörnchen Konkurrenz. Härtl ist an diesem Spätnachmittag in der Nähe von Tirschenreuth "auf der Jagd" nach dem kleinen Nachwuchs großer Greifvögel. Hoch oben über seinem Kopf ducken sich zwei Fischadler-Küken ins Nest.

Die Eltern haben den Störenfried längst bemerkt. Sie drehen aufgeregt über dem Nest Flugrunden, schlagen Alarm und stoßen spitze Schreie aus, um den vermeintlichen Feind vom Horst abzulenken. Was die Vögel nicht begreifen: Härtl ist ihnen wohlgesonnen und ist für Schutzmaßnahmen der seltenen Fischadler unterwegs. Das ist auch das Ansinnen weiterer "Zaungäste", die unten fasziniert die Köpfe gen Baumwipfel recken. Die Gruppe von der Vogelschützer ist zum Beringen der Fischadler da. Unter ihnen ist Förster Matthias Gibhardt und Leoni, die Tochter von Baumkletterer Manfred Härtl. Auch Landrat Roland Grillmeier ist dabei.

Hochburg für Fischadler

Immer wieder einmal nimmt Fischadler-Experte Daniel Schmidt-Rothmund aus Tübingen Publikum mit, um diese wichtigen Schutzmaßnahmen öffentlich zu dokumentieren. Vor der Aktion erklärt er draußen am Waldrand die Hintergründe seines Tuns. Tirschenreuth lobt er als Hochburg für Fischadler-Vorkommen. Von diesem Mutterland aus haben sich die imposanten Vögel bis nach Oberfranken und Schwaben verbreitet. Dies könne anhand der Beringung leicht festgestellt werden, unterstreicht er die Wichtigkeit dieser Aktionen. "Heute bekommen hier zwei Jungvögel ihren Personalausweis und ihr Autokennzeichen", witzelt Schmidt-Rothmund über die Nummerierung der Tiere.

Der Biologe ist im Auftrag der Regierung der Oberpfalz und der bayerischen Staatsforsten unterwegs. Er hat maßgeblich das in Deutschland angewandte Beringungssystem für Fischadler entwickelt und praktiziert es seit 1995. "Unserem System haben sich auch afrikanische Vogelschützer angeschlossen", erklärt er. Was gut so sei, denn Afrika sei das Winterquartier der Fischadler – auch jener aus dem Stiftland. Ihre Flüge hin- und zurück ins Brutgebiet würden von beiden Kontinenten in Gemeinschaftsarbeit überwacht. Das ist Schmidt-Rothmunds Erfolg. Seine stolze persönliche Bilanz sind 3500 beringte Adler seit 1995.

Video von 2020 über die Beringung von Seeadlern

Küken stellen sich tot

Um den vier Wochen alten Küken die Ringe zu verpassen, müssen sie erst herunterkommen von ganz hoch oben. Eine spektakuläre Sache, geht es um das beschriebene Baumklettern. Weniger aufregend ist das "Einsammeln" der Küken, die sich sofort tot stellen bei Gefahr und problemlos aus dem Nest gehoben werden können. Wenig später liegen die zwei Federbüschel reglos vor Schmidt-Rothmund, der sofort zur Tat schreitet. In wenigen Minuten haben beide Küken ihren "Personalausweis" und ihre "Autokennzeichen". Dabei handelt es sich um jeweils einen Ring pro Vogelbeinchen, sie sind dem Wachstumsschub angepasst.

Nach der Beringung müssen die Küken auf die Waage, was sie ausgesprochen stoisch über sich ergehen lassen. Die legendären Adleraugen, erklärt Schmidt-Rothmund seinen Gästen, können zehnfach besser sehen als Menschenaugen. Außerdem haben Adler doppelte Sehschärfe, jeweils extra für Nah- und Weitsicht.

Riechen am Federkleid

Was die gut 1,5 Kilogramm schweren Küken heute wirklich mitbekommen, ist nicht gewiss. Schmidt-Rothmund beteuert, dass der Nutzen größer ist als der Schreck und auch die Eltern den Schock um die Kinder gut überstehen. Küken und Adler-Eltern müssen sich, wenn auch alles rasch geht, gedulden bis zum Wiedersehen. Nach der Beringung folgt eine Untersuchung. Der Biologe schaut in die Schnäbel, kontrolliert die Verdauung, betrachtet eingehend die Krallen und schreibt alle Untersuchungsergebnisse in sein Notizbuch.

"Riechen Sie mal am Federkleid", sagt er zum Landrat. Grillmeier drückt seine Nase tief ins Gefieder: Eindeutig riecht es hier nach Fisch. Nach diesem für alle Beteiligten, Mensch wie Tier, spannenden Abenteuer müssen die Jungadler endlich zurück ins Nest. Gut verpackt im Jutesack bringt sie Manfred Härtl zurück. In etwa vier Wochen werden die Adler flügge. Mitte August etwa verabschiedet sich die Adlermutter gen Afrika. Papa Adler darf die Jungen eine Weile allein weiterbetreuen. Dann kehrt auch er dem Stiftland den Rücken zu, um seiner Frau nachzueilen. Ob der Nachwuchs die erste, weite Reise schadlos übersteht, wird sich spätestens zeigen, wenn sich die Vogelschützer aus Afrika melden.

Webcams liefern täglich Bilder aus den Adlerhorsten

Tirschenreuth
Hintergrund:

Fischadler und Seeadler im Landkreis Tirschenreuth

  • Im Landkreis Tirschenreuth leben sechs Fischadlerpaare, die mit Kameras und Kontrollen vor Ort überwacht werden. Fischadler können bis zu 35 Jahre alt werden. Sie leben in einer festen Partnergemeinschaft und kehren immer wieder in ihren alten Horst zurück. Der männliche Nachwuchs sucht sich später eine Bleibe in der Nähe der Eltern, die Weibchen ziehen weiter.
  • Im Landkreis Tirschenreuth gibt es zudem drei Seeadler-Paare. Diese Greifvögel sind wesentlich größer und überwintern im Stiftland.
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