01.03.2021 - 11:02 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Dritte Corona-Welle in den Kliniken Nordoberpfalz

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64 Corona-Patienten werden aktuell in den Klinik-Standorten Weiden und Tirschenreuth behandelt. 18 davon auf der Intensivstation. Doch es gibt in der Kliniken Nordoberpfalz AG auch Grund zur Hoffnung.

Intensivpfleger und andere Beschäftigte der Kliniken Nordoberpfalz haben mit der Coronabekämpfung seit einem Jahr alle Hände voll zu tun. Mittlerweile werden auch zahlreiche Operationen nachgeholt, die wegen der Pandemie 2020 verschoben wurden.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Medizinische Direktorin Michaela Hutzler spricht klipp und klar von der dritten Corona-Welle. Die schwappt gerade durch die Häuser der Kliniken Nordoberpfalz, seit dort die britische Virusvariante ihr stark ansteckendes Unwesen treibt. Zwischen Hof und Nabburg macht sie seit knapp drei Wochen 50 bis 60 Prozent der nachgewiesenen Neuinfektionen aus. In München sind es rund 40 Prozent. Die Zahlen hat Kliniken-AG-Aufsichtsratschef Roland Grillmeier aus berufenem Munde. Am Freitag war er als Tirschenreuther Landrat mit Kollegen bei einer Telefonkonferenz mit Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek zusammengeschaltet.

So weit die ganz schlechten Nachrichten. Die besseren: Bei Gen-Sequenzierungen sind die nicht minder gefährlichen südafrikanischen und brasilianischen Covid-Mutationen noch nicht vor der Haustür nachgewiesen worden. Und seit Mitte Januar belegen immer weniger Menschen aus Pflegeeinrichtungen Betten in den Krankenhäusern Weiden und Tirschenreuth. Ein Zeichen, dass die Impfungen in den Seniorenheimen Wirkung zeigen, freut sich Hutzler.

Stets drei freie Intensivbetten

Kritischer ist auf den ersten Blick ein anderes Indiz: Laut Divi, dem Register zur Erfassung der Belegung von Intensivbetten in Deutschlands Krankenhäusern, sind in Weiden kaum mehr Betten frei. Dies habe derzeit weniger mit Covid zu tun, erklärt Hutzler. "Es beweist vielmehr, wie wichtig unser Standort für Notfallpatienten ist." Das hänge auch mit dem Hubschrauber-Landeplatz zusammen. Überdies seien aufgrund des Hotspots-Geschehens 2020 viele Operationen verschoben worden. Die würden nun nachgeholt. Onkologische Patienten hätten Vorrang.

Am Freitag vergangener Woche wurden in Weiden 33 und in Tirschenreuth 31 Covid-19-Patienten behandelt, 18 davon intensiv. Für Coronafälle werden stets zwei Intensivbetten freigehalten, ein weiteres für andere Notfälle. In Weiden sind zwei Normalstationen auf Coronapatienten ausgelegt, in Tirschenreuth eine. Zeitweise waren es in Weiden drei. Trotzdem: "Auch im Sommer letzten Jahres verging kein Tag ohne eine Coronabelegung in unseren Häusern", sagt die Medizinische Direktorin.

Die Begleiterscheinung dieses Fakts sind seit Monaten immer wieder neue Klagen mit dem Tenor: Der Patient hat sich das Virus erst in der Klinik geholt und danach Mitmenschen angesteckt. Vorstandschef Thomas Egginger kennt das und betont: "100-prozentige Sicherheit kann es nicht geben." Kliniken landauf, landab hätten mit dem Virenschleuder-Vorwurf zu kämpfen. Dabei werde massiv gegengesteuert. Wer über Nacht stationär bleibt, wird dreimal getestet: bei der Aufnahme (PCR), nach 48 Stunden (PCR) und am Morgen der Entlassung. In diesem Fall ist ein Antigen-Test fällig, dessen Ergebnis bereits nach einer Stunde vorliegt.

Es komme jedoch gar nicht so selten vor, dass der erste und zweite Test negativ ausfallen, weil der Patient in Sachen Viruslast erst in der aufsteigenden Phase sei.

"Es ist normal, dass Menschen immer nach Schuldigen suchen, aber wir haben bereits in der ersten Welle die Vorgaben des Robert-Koch-Instituts noch strenger umgesetzt", fügt Egginger fast mantraartig hinzu und nennt ein Beispiel: Erst vor einigen Tagen sei ihm ein Schreiben aus dem Gesundheitsministerium auf den Tisch geflattert, das Tests bei Patienten erst am fünften Tag des Aufenthalts anordne. Den Vorstandschef schmerzen die Vorwürfe insofern, dass er damit sein Personal in Misskredit wähnt. "Von der Putzfrau bis zum Chefarzt leisten hier alle seit Monaten Hervorragendes. Dafür kann man nicht genug danken."

Kein Fall von Influenza oder Noro

Dass das Hygienekonzept des Hauses greife, macht Michaela Hutzler auch daran fest: "Bei einem Winter wie zuletzt hätten wir bestimmt eine ganze Station voller Influenza- oder Noropatienten. Tatsächlich hatten wir aber keinen einzigen." Das Coronavirus sei aber leider Gottes wesentlich tückischer in der Verbreitung.

Hutzler und Grillmeier hegen leise Hoffnung, dass Ende März die Über-80-Jährigen, Erzieher, Pfleger und ärztliches Personal in der Region durchgeimpft sind. Zahlen hat Grillmeier bislang nur für seinen Landkreis Tirschenreuth. Von rund 5500 Bürgern über 80 hätten bislang 1500 die schützende Spritze erhalten. Sorgen bereitetet ihm, dass die verschärften Grenzkontrollen samt Testpflicht ("Hätte ich mir schon vier Wochen früher gewünscht") dazu führen, dass Pendler aus Tschechien sich Tage und Wochen in grenznahen Gemeinschaftsunterkünften wie Pensionen einmieten und dort Hotspots züchten könnten. "Eine reine Pendlerquarantäne wäre mir lieber."

Gefahrenherd Pausenraum

Die heimische Industrie als Treiber der hohen Inzidenzen nimmt Grillmeier gegen Generalverdacht in Schutz. "Ich war mit der Gewerbeaufsicht in vielen Betrieben unterwegs. Immer wieder kam da der Hinweis, dass es während der Arbeit gut funktioniert, aber die Zigarette danach oder der Pausenraum die Gefahrenherde sind." Zuverlässige Beurteilungen fallen schwer, räumt der Landrat ein. Das Infektionsgeschehen allein auf den Grenzverkehr zu schieben, sei zu einfach. Zuletzt seien die Zahlen in seinem Landkreis vor allem im westlichen Teil gestiegen - am weitesten entfernt vom Hochinfektionsland Tschechien.

Dort stehen nach Medienberichten wegen der vielen Covid-Patienten einige Häuser vor dem Kollaps. Hilfsanfragen sind bei der Kliniken Nordoberpfalz AG bislang noch nicht eingegangen.

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Hintergrund:

Das Covid-Jahr 2020 in der Kliniken AG

  • 1173 behandelte Patienten, davon 225 intensiv, die meisten Ende März, Anfang April.
  • 190 Covid-Patienten wurden im Frühjahr in der Steinwaldklinik Erbendorf versorgt, damals ruhte dort der Rehabetrieb.
  • Krisenstab täglich seit 3. März.
  • Diagnostikzelt neben der Zentralen Notaufnahme in Weiden von Ende März bis Mitte Mai.
  • Mobiles Labor zur PCR-Testung ab Ende März.
  • 1838 Mitarbeiter nahmen im Sommer an einer Antikörperstudie teil. Positive Antikörper bei 277 Kollegen.
  • Seit 21. Dezember Unterstützung durch 15 Bundeswehrsoldaten.
  • Seit 28. Dezember klinikinternes Impfzentrum.

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