24.03.2021 - 16:52 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Friseure und Ärzte wüten: "Wie in einer absurden Komödie"

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Plötzlich ist der Gründonnerstag wieder ein regulärer Arbeitstag. In den Arztpraxen und Friseursalons der Region knistert es. Nachvollziehen kann die Berliner Kehrtwende niemand. Viele wissen nun nicht, ob sie öffnen sollen.

Öffnen oder nicht? Ärzten macht das Hin und Her der Politik gehörig zu schaffen.
von Florian Bindl Kontakt Profil

Die Nachricht kam kurz vor Mittag. Alles wieder zurück. Der verschärfte Lockdown um Ostern ist abgeblasen. Das heißt: Gründonnerstag bleibt ein normaler Arbeitstag, auch für Karsamstag rudert die Regierung zurück. Das löst in einigen Branchen Schweißperlen und reichlich Ärger aus.

Für Friseure zählt die Zeit vor Ostern zu den stressigsten im Jahr. Es gibt Termine über Termine. Als zu Beginn der Woche die Ankündigung kam, die meisten Geschäfte müssten am Gründonnerstag schließen, war Tatjana Hair schon verwundert. Sie betreibt den Friseursalon La Coupe in Weiden. "Was soll das bringen?", fragte sie sich. Am Dienstag liefen die Leitungen heiß, Termine verschieben. Der eigentlich Friseur-freie Montag sollte als Ersatz dienen. Nun, da die Entscheidung aus Berlin plötzlich zurückgenommen ist, fällt Hair aus allen Wolken. Sie weiß nicht, wie sie reagieren soll. "Für mich ist das nur noch Wahnsinn. Das versteht doch keiner mehr." Ob sie am Donnerstag öffnet? "Muss ich erst entscheiden. Wir sind Unternehmer und müssen planen können", echauffiert sie sich. Sie ist fassungslos. Ihr aktueller Plan: Am Montag vor Ostern soll ihr Salon in jedem Fall offen bleiben, am Karsamstag gibt sie ihren Mitarbeitern frei.

Johann Schwägerl, Friseur in Pleystein, kommentiert den neuesten Beschluss mit einem sarkastischen "Aha, schön." Er neigt dazu, seinen Salon am Gründonnerstag geschlossen zu lassen. Einigen hatte er bereits abgesagt. "Die Leute warten mit Terminen ja nicht bis zum letzten Tag." Sie wollen planen können. Er wünscht sich von der Politik wenigstens ein bisschen Stabilität und Planungssicherheit. "Am nächsten Montag ist es dann wieder anders", seufzt er. Wie er seinen Kunden die Situation erklären soll, weiß er nicht.

"Es ist die Hölle"

Glück haben daher die Unternehmen, die noch nicht auf den vorherigen Beschluss reagiert und noch keine Termine abgesagt haben. Dazu zählt die Physiotherapeutin Andrea Schmid aus Pressath. Sie wollte abwarten, wie sich die Situation entwickelt - und liegt damit goldrichtig. "Einige Patienten haben uns schon gefragt, wie es am Gründonnerstag ausschaut, denen haben wir gesagt, wir wissen noch nichts. Jetzt machen wir halt auf."

Und was sagen die Ärzte? Abwarten war auch in der Praxis der Weidener Kinderärztin Judith Aderbauer angesagt. Sie wartete am Mittwochvormittag auf einen Bescheid der Kassenärztlichen Vereinigung. Schließen oder Öffnen? Noch war nichts bekannt. "Es ist die Hölle, alle rufen an, und wir müssen sie vertrösten." Dann kam die Entscheidung aus Berlin. Immerhin Klarheit also. "Für uns ist es schon eine Erleichterung. Ein zusätzlicher Feiertag ist ein betriebswirtschaftliches Problem, wir hätten schließlich keine Einnahmen."

"Gestopsele" statt guter Umgang

Deutlich schärfere Töne schlägt der Zahnarzt Dr. Frank Wohl an. Er ist im Zahnärztlichen Bezirksverband Obmann für Weiden und den Landkreis Neustadt und betreibt eine Praxis in Grafenwöhr. Das "Gestopsele", so seine Bezeichnung, der Politik findet er nur noch lächerlich. "Es ist wie in einer schlechten Komödie. Man glaubt eigentlich, es könnte nicht mehr schlimmer kommen, und es kommt doch schlimmer." Was stört ihn derartig? "Die Praxen sind extrem verärgert darüber, wie mit der gesamten Wirtschaft umgegangen wird." Er befürchtet etwa, dass bereits abgesagte Termine nur teilweise wieder am Gründonnerstag zustande kommen. Dann wären die Ärzte und Mitarbeiter zwar anwesend, aber es gäbe nur lückenhaft Patienten. "Es ist eine groteske Situation", schimpft Dr. Wohl. "Es stellt sich die Frage, rentiert sich's überhaupt noch zu öffnen?"

Diese Frage beantwortet Zahnärztin Alexandra Reil aus Vohenstrauß mit einem klaren Nein. "Wir haben schon den Patienten abgesagt und heute Morgen beschlossen, dass der Gründonnerstag ein Urlaubstag ist." Das soll auch so bleiben, Beschluss hin oder her. "Vielleicht tut uns der freie Tag ganz gut. Es ist alles schwierig momentan." Bei einem unerwartet großen Ansturm könnte man den Tag ja reaktivieren. Es sei denn, in Berlin folgt die nächste Kehrtwende.

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Kommentar:

Im falschen Film

Sind wir im falschen Film? Das eigentliche Problem dieser Berliner Kehrtwende ist nicht, dass die Terminlisten in Arztpraxen durcheinandergewirbelt werden. Oder dass der ein oder andere österliche Haarschnitt zu kurz kommen könnte.

Das wirklich Schwerwiegende ist: Dieses comedyhafte Hin und Her hallt wie ein Hilfeschrei durchs Land. Innerhalb von wenigen Stunden sind Kurswechsel um 180 Grad möglich. Die fatale Folge des Zirkus: Das Vertrauen in die Sinnhaftigkeit der Manöver ist nahezu aufgebraucht. Allen von Oberpfalz-Medien befragten Ärzten und Unternehmern war anzumerken, wie leid sie die verfahrene Lage sind.

Schafft es die Regierung nicht, dieses Vertrauen in ihr Handeln zurückzugewinnen, dann ist der Kampf gegen die Pandemie aussichtslos. Was bliebe, wäre eine Groteske in Endlosschleife.

Florian Bindl

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