05.10.2021 - 18:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Tägliche Telefonate verheißen nichts Gutes: Afghanistan steht vor Unterdrückung und Hunger

Es steht praktisch eine Standleitung aus der Flüchtlingsunterkunft zum Hindukusch. Täglich telefonieren die Afghanen mit Angehörigen in Kabul und Masar-e Scharif. Was sie hören, entsetzt sie. "Alles geht auf Zero zurück", fürchtet Mohammad.

Die afghanischen Ortskräfte in Weiden stellten sich den Fragen der Besucher: (von links) Ali und Hashimi sowie (von rechts) Sadat, Sadiqi und Ismat.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Sieben afghanische Familien - Ortskräfte mit ihren Frauen und Kindern - sind in Weiden angekommen. Zumindest körperlich. Das Herz ist noch im Heimatland. Täglich telefonieren die Afghanen mit ihren Angehörigen. Die Nachrichten sind verheerend. Die Kinder der Verwandten gehen nicht mehr zur Schule. Es gibt keine Arbeit, kaum Nahrung. In Afghanistan, ohnehin auf einem der letzten Plätze der UN-Armutsliste, wächst die Angst vor einem Hungerwinter.

Bei einem Infoabend des Weidener "Netzwerk Asyl" berichten sieben Familienväter über ihre Situation. Alle sprechen Deutsch oder Englisch. Zentrales Thema: Völlige Fassungslosigkeit, wie alle Errungenschaften der letzten 20 Jahre so schnell den Bach hinuntergehen konnten. "Jeder ist geschockt, wie die so einfach das Land übernehmen konnten", sagt Ali (33). Er war 13 Jahre, aufgewachsen in einem Klima von Angst und Schrecken, ehe 2001 die Nato das Land von den Taliban befreite. Mit den Westmächten hätten sich ganz neue Chancen eröffnet. Als Kind habe er immer geträumt, in die Schule zu dürfen. "Und plötzlich konnte ich in die Schule gehen, ich konnte an die Universität gehen." Er studierte Literatur. Vor sechs Jahren machte er eine Prüfung, die ihn zum Übersetzer für die deutsche Polizei und Bundeswehr qualifizierte. Bis zuletzt stand er im Dienst der Bundesrepublik in Masar-e Scharif.

Smartphone-Verbot

"Ich wollte das nicht. Ich wollte mein Heimatland nicht verlassen." Auch Mohammad T., Mitte 40, greift zum Mikrofon. Er habe studiert, um Afghanistan mit zu gestalten. "Aber die Situation war leider so, dass ich mein Land verlassen musste." Er hat mehrere Angehörige verloren. Auch er bangt mit den Zurückgebliebenen. Seine Nichte studiere in Kabul in Medizin. Sie wäre fast fertig, ist im elften Semester. Damit sei es vorbei. "Frauen dürfen nicht mehr nach draußen gehen, Frauen dürfen nicht mehr in die Schule gehen. Seit heute dürfte sie nicht einmal mehr ein Smartphone benutzen", berichtet Mohammad: "Wir haben das Jahr 2021!"

Warum gibt und gab es keine nennenswerte Gegenwehr? Die Weidener Afghanen glauben an eine Unterwanderung von langer Hand, unterstützt von Pakistan und dem Iran. Die Kämpfer mit den "gewaschenen Gehirnen" seien über Monate ins Land geschleust worden. "Die warteten nur auf ein Signal um aufzutauchen." Als das letzte Flugzeug der Streitkräfte aus Kabul abhob, seien die Taliban zur unbestrittenen Macht in Afghanistan geworden. Ihre Freudenschüsse hallten ohne Pause durch die Nacht. "Das löste Panik bei den Bewohnern Kabuls aus. Von dem Zeitpunkt an wurde es still unter den Bewohnern", beschreibt Ali.

Er stellt die Sinnhaftigkeit des 20-jährigen Nato-Einsatzes infrage. Jetzt werde die Gefahr durch die Taliban heruntergespielt. "Für die Medien machen sie ein schönes Gesicht. Dabei sieht jeder, dass die Taliban ihre Versprechen jetzt schon brechen." Es werde gemordet und gefoltert. Die Familien in Weiden leben in ständiger Angst um ihre Geschwister und Eltern in der Heimat. "Obwohl wir hier absolut sicher leben, sind unsere Herzen und Seelen nicht entspannt." Je länger zugesehen werde, umso mehr könnten sich Extremisten von Al-Qaida oder ISIS ausbreiten. Desto mehr verfestige sich die Situation. Krieg will hier niemand mehr, aber politischen Druck.

Die Ortskräfte danken der Bundesrepublik, die ihren sieben Familien bei der Visabeschaffung und Ausreise geholfen habe, lange bevor der Flughafen in Kabul im Chaos versank. "Wir werden diese Freundlichkeit nicht vergessen." Untergebracht sind die 14 Erwachsenen und 17 Kinder seit Juli im Camp Pitman. Container. Gemeinschaftsküche. Ein Bad für alle. Das ist zwar sicher, aber auf Dauer "schrecklich", sagt Sadiqi. Er war die letzten 18 Jahre Fahrer der Bundeswehr. Er spricht gut Deutsch, hat sechs Kinder, "ganz liebe und nette".

Problem: Wohnungssuche

Und wünscht sich nichts mehr als eine Wohnung. Gleiches gilt für Ismat und Hashimi, für Sadat und seine Frau, ein Ärztepaar aus Kabul. Rechtlich dürften sie das. Die Ortskräfte sind anerkannt und könnten aus der Regierungsunterkunft sofort ausziehen. Angesichts der Wohnungsnot in Weiden ist das praktisch illusorisch, weiß Manfred Weiß, Integrationslotse der Diakonie. Er hofft auf offene Vermieter.

Deutschland begeistert die Familien. "Hier gibt es keine rote Linie, dies nicht zu tun, das nicht zu dürfen. Jeder ist frei. Meine Kinder, meine Frau, ich", sagt Ali. Und dennoch: "Ich hoffe, ich kann irgendwann zurückkehren. Ich hoffe, jeder von uns - auch Sie! - können da einmal hin: Wir haben eine schöne Natur und freundliche Menschen." Auf die Bitte nach Fotos seiner Heimatstadt schickt er Bilder der größten Attraktion von Masar-e Scharif: der blauen Moschee im Abendlicht.

Als eine der ersten Städte Bayerns nahm Weiden afghanische Ortskräfte auf

Weiden in der Oberpfalz
Karim Haydari und seine Frau Annalena Haydari-Fink.
Dieses Foto seiner Heimatstadt Masar-e Scharif stammt von einem Mitarbeiter der GIZ (Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit), der in Kabul feststeckt.
Info:

Verein: "Second Chance"

Er ist seinen Landsleuten um fünf Jahre voraus: Karim Haydari, seit 2015 in Deutschland. "Ich habe mich einigermaßen integriert und dafür habe ich viel Hilfe gebraucht." Mit seiner Frau Annalena gründet er gerade den Verein "Second Chance" zur Integration von Flüchtlingen aller Nationalitäten. Geplant sind Sport, kultureller Austausch, Deutsch-Kurse. "Wir wollen einen Weg zeigen, wie man sich in Deutschland zurechtfindet." Wichtigste Hürde: die Sprache. "Und hier in der Oberpfalz muss man auch noch zwei davon lernen." Kontakt: secondchance-verein@web.d

 

 

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