25.03.2021 - 17:15 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Weidener Händler frustriert: "Wir bekommen von der Stadt nur Brotkrümel"

Diesen Artikel lesen Sie mit
Alle Informationen zu OnetzPlus

Lässt die Stadt Weiden seine Unternehmen im Stich? Diesen Vorwurf schickt ein Elektronik-Fachhändler in Richtung Rathaus. Es geht um Aufträge zur Ausstattung der Schulen. Die Stadt weist die Kritik zurück. Wer hat Recht?

Der Weidener Unternehmer Alois Hösl ist von seiner Stadt enttäuscht. Sie vergebe zu viele Aufträge an Firmen außerhalb der Nordoberpfalz. Woran liegt das?
von Florian Bindl Kontakt Profil

Alois Hösl liebt seine Stadt. Auf seinem Desktophintergrund ist der Obere Markt zu sehen. Und doch hat sein Bild von seiner Heimatstadt Weiden in den vergangenen Monaten einige Kratzer abbekommen. Hösl ist ein Weidener Unternehmer, er betreibt das Elektronik-Fachgeschäft Hösl-Electronik. Aufträge bekommt er, sagt er, aus der gesamten Nordoberpfalz, häufig auch aus Oberfranken. Jahrelang stand er an der Spitze des Weidener Wirtschaftsclubs. Durch die Corona-Pandemie kommt seine Firma verhältnismäßig gut, dank Click & Collect und Reparaturen. Am Hungertuch nagt Hösl-Electronik nicht. Trotzdem macht sich der Unternehmer Sorgen, speziell um die kleinen Elektro-Fachhändler in der Region - und er erhebt schwere Vorwürfe gegen die Stadt Weiden.

Die Vorwürfe

"Es ist skandalös", sagt Hösl und ringt um Worte. Er fühle sich von der Stadt hintergangen. Hintergrund seiner Verbitterung sind die Aufträge, die die Stadt Weiden in den vergangenen Monaten vergeben hat, um Schulen mit Geräten auszustatten. Also Tablets für Schüler und Lehrer, Dokumentenkameras oder digitale Tafeln. "Die lokalen Händler bekommen von Weiden nur Brotkrümel. Die großen Aufträge gehen zu Unternehmen außerhalb der Region. Rosenheim, Nürnberg, bis nach Hamburg", schimpft er. Für die kleinen Händler bleibe auch deshalb nichts übrig, weil die Aufträge stets in großen Paketen vergeben würden. Es geht um Aufträge jenseits der 100 000 Euro. "Das kann ein Drei-Mann-Unternehmen nicht stemmen. Und dann wundert sich die Stadt, dass sich keiner aus der Region beteiligt." Hösls Firma, die "in mehreren Einkaufsverbänden präsent" ist, könnte das zwar leisten, "aber wir bekommen aus Weiden nicht einmal eine Anfrage, ob wir uns beteiligen wollen". Von allen Kommunen und Landkreisen erfahre er per Mail, dass ein Auftrag ausgeschrieben worden ist und er sich darum bewerben könnte. Nur in Weiden sei es anders.

Beteiligt sich Hösl dann an einer Ausschreibung, bekommen doch wieder andere Unternehmen fernab der Oberpfalz den Zuschlag. Er statte in den Landkreisen Neustadt und Tirschenreuth viele Schulen aus, aber ausgerechnet in seiner Heimatstadt ist er - ebenso wie die anderen Händler in der Stadt - meistens außen vor. Aus dem Weidener Rathaus höre er dann: Er habe eben nicht das beste Angebot abgegeben. Es ist selbstredend das Recht der Stadt, die Geräte zum günstigsten Preis anzuschaffen. Und Aufträge, die über 214 000 Euro hinausgehen, müssen sogar EU-weit ausgeschrieben werden. Das ist rechtlich festgesetzt. Verlangt Hösl also einfach zu viel? Er widerspricht entschieden. Gerade bei Schulgeräten seien die Preise zwischen Hersteller und Ministerium meist abgesprochen. Große Preisunterschiede kämen so gar nicht zustande. 100 bis 200 Euro, schätzt Hösl. "Verlange ich mehr als ein Händler aus Hamburg, dann gleicht sich das spätestens mit den Anfahrtskosten wieder aus." Weiden lasse nicht nur seine Händler im Stich, unter der Vergabepolitik würden auch die Schüler leiden.

Die Folgen

Ziehen stets Unternehmen außerhalb der Nordoberpfalz die großen Aufträge an Land, dann macht das den lokalen Händlern freilich zu schaffen. "Wir haben als Wirtschaftsraum durch die Pandemie ohnehin schon schwer zu kämpfen", sagt Hösl. Eine Nicht-Berücksichtigung bei Aufträgen durch die Stadt schmerze da doppelt. Seine Schlussfolgerung: Der Stadt sei nur daran gelegen, den günstigsten Preis abzustauben, währenddessen blute seine Branche in der Region aus.

Gleichzeitig trügen die Schüler die Last. "Mich rufen ständig Eltern und Lehrer an, ein Tablet ist defekt oder es muss überhaupt erst eingerichtet werden. Wenn es aber irgendwoher aus Deutschland gekommen ist, kann ich nichts machen. Ich kenne Fälle, da wartet ein Schüler vier Wochen auf ein Ersatzgerät." Im Homeschooling ist das fatal. "Hätte Weiden bei uns bestellt, bekäme der Schüler am selben Tag ein Leihgerät. Das defekte Gerät haben wir meistens in zwei Tagen repariert." Auch deshalb, findet Hösl, sei es dringend geboten, dass die Stadt Weiden in Zukunft lokal einkauft. Geht es Hösl mit seinen Vorwürfen nicht vor allem um das finanzielle Wohl seiner Branche? "Auch", sagt er. "Wir leben ja davon." Das Jetzt sei jedenfalls ein "unhaltbarer Zustand".

Die Reaktion

Hösl als Nothelfer einer gebeutelten Region und Rettungsanker für gestresste Eltern? Eine Stadt, die ihre Firmen im Stich lässt? Ganz so einfach ist es nicht. Die Stadt Weiden klärt auf: Hösl habe sich lange Zeit nicht auf der Internetplattform angemeldet, wo die Ausschreibungen der Stadt bekannt gegeben würden. Dort seien auch viele kleinere Unternehmen angemeldet. Aufträge unter 100 000 Euro tauchten wie von Hösl beschrieben, auf der Plattform nicht auf. Lokale Händler benachrichtige die Stadt dann per Mail. Hösl behauptet das Gegenteil.

Und wieso bleiben die Aufträge nun nicht in der Nordoberpfalz? In Unterlagen, die Oberpfalz-Medien vorliegen, steht, Hösl habe nicht "das wirtschaftlichste Angebot abgegeben". Das bestätigt die Stadt. Von minimalen Preisunterschieden könne keine Rede sein. Konkret: Beim Vergabeverfahren "Digitales Klassenzimmer", also einer umfangreiche Ausstattung von Schulen in der Stadt mit Elektronik, sei ein Gesamtvolumen von 670 000 Euro zu vergeben gewesen. Aufgeteilt in kleine Lose seien die Aufträge ausgeschrieben worden. Nur habe Hösls Angebot jeweils die anderer Bewerber um einen vier- bis fünfstelligen Betrag überstiegen. Die Stadt sagt also: Hösl war zu teuer. Hier habe es Aufträge im Wert von 20 000 bis 70 000 Euro gegeben. Eine Summe, die auch kleinere Händler schultern könnten. Noch kleinere Lose seien nicht möglich. Es wäre vergaberechtlich falsch und "aus Sicht der sparsamen und wirtschaftlichen Haushaltsführung" nicht zu rechtfertigen.

Bald steht die Vergabe der Aufträge zum Sonderbudget "Lehrerdienstgeräte" an. Fast 500 000 Euro. Gehen diesmal Aufträge in die Region? Zumindest benachrichtigt will Hösl werden. Vielleicht verschwinden dann einige Kratzer im Bild seiner Heimatstadt.

Weiden investiert in Laptops und Tablets für Lehrer

Weiden in der Oberpfalz
Kommentar:

Nicht um jeden Preis

Wer ist nun näher an der Wahrheit? Stadt oder Firma? In vielen Fragen steht Aussage gegen Aussage. Besonders transparent sind die Vergabeverfahren jedenfalls nicht. Einblick bekommt die Öffentlichkeit selten gewährt. Und kaum jemand kann Hösl vorwerfen wollen, das wirtschaftlich Bestmögliche für seine Branche zu erreichen. Zumal während Pandemie und Lockdown. Die Stadt muss sich auch den Vorwurf gefallen lassen, bei der Beschaffung von Leihgeräten für Schüler spät dran gewesen zu sein. Hier war etwa Amberg Monate schneller.

Aber: Der Stadt vorzuwerfen, sie würde mutwillig Firmenpleiten im Stadtgebiet aufs Spiel setzen, um ein paar Euro einzusparen, geht zu weit. Man stelle sich vor: Die Stadt hätte mehrere Angebote verschiedener Firmen zur Auswahl, um einen Auftrag zu vergeben. Sie entschiede sich für eine Firma im Stadtgebiet, obwohl deren Offerte hochpreisiger ist. Begründung: Wir müssen die lokale Wirtschaft stärken. Und dann käme es zu Lieferengpässen wie derzeit. Dann müsste sich die Stadt scharfe Vorwürfe gefallen lassen. Dann wäre das Wort Skandal angebracht. Dann dürfte man von Mauscheleien im Hinterzimmer sprechen.

So aber handelt die Stadt schlichtweg rational und wirtschaftlich. Solange sie - spätestens jetzt - den lokalen Händlern eine Chance einräumt, sich an Aufträgen zu beteiligen, muss sie sich dafür nicht rechtfertigen.

Florian Bindl

Info:

Laptops für die Lehrer

  • Weiden erhält 494.000 Euro aus dem Sonderbudget "Lehrerdienstgeräte" des Kultusministeriums. Die Stadt will damit Laptops, Tablets und Zubehör für Lehrer anschaffen.
  • Das Budget reicht, so die Kalkulation, aber nur für knapp 500 Lehrkräfte. Fast 700 Lehrer hätten Anspruch auf die Geräte.
  • Die Ausschreibung für den Auftrag läuft noch nicht. Die Stadt Weiden erstellt derzeit die dafür erforderlichen Unterlagen. Auch Händler aus der Region können sich bewerben, heißt es.
  • Im Landkreis Neustadt stehen für die Lehrerdienstgeräte laut Landratsamt etwa 250.000 Euro zur Verfügung.
  • Bis zur Lieferung der Geräte ist Geduld gefragt. Stadt und Landkreis weisen auf die prekäre Marktlage hin. Einige gängige Produkte seien derzeit schlichtweg ausverkauft.

Für Sie empfohlen

 

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.