07.08.2020 - 10:40 Uhr
Wernberg-KöblitzOberpfalz

50 Jahre "Trimm dich durch Sport"

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Trimm-dich-Pfade haben den Breitensport in Deutschland stark vorangetrieben. Vor 50 Jahren wurden die ersten Anlagen gebaut. Die Geschichte des "Trimm Trabs" in zehn Stationen.

Schilder erläutern die Übungen des Trimm-dich-Pfads in Wernberg-Köblitz.
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

Vorbereiten

Martina Eisenbeiß trifft sich mit ihrer Sportgruppe, bestehend aus Klienten der sozialen Einrichtungen von Dr. Loew, in Wernberg-Köblitz (Kreis Schwandorf). Zweimal die Woche leitet sie sportbegeisterte Menschen mit Handicap zwischen 30 und 60 Jahren auf einer Runde über den Trimm-dich-Pfad an. "Wir bewegen uns gerne in der Natur", sagt die 49-Jährige. Sie möchte vor allem "Spaß an Bewegung" vermitteln.

Werben

Das ist ganz im Sinne des Deutschen Sportbunds (heute Deutscher Olympischer Sportbund, DOSB), der im März 1970 die Kampagne gestartet hat: "Trimm Dich durch Sport". Zuvor hatten Ärzte vor Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht, Diabetes, Herzerkrankungen und Kreislaufproblemen gewarnt. "Sport für alle" sollte dem entgegenwirken. Der damalige Geschäftsführer des Sportbunds, Jürgen Palm, hat die bundesweite "Trimm-Dich-Bewegung" mit werbewirksamen Aktionen unterstützt. Viele kennen noch den Slogan "Ein Schlauer trimmt die Ausdauer" und erinnern sich an das Maskottchen Trimmy.

Die Kampagne war so erfolgreich, dass schon 1973 90 Prozent der Bevölkerung die Bewegung kannte und acht Millionen Menschen mitmachten, schreibt der DOSB auf seiner Internetseite. Sie übten Joggen, "das neue Laufen, ohne zu Schnaufen" - "Trimm Trab" genannt - und informierten sich über "Essen und Trimmen - beides muss stimmen".

Starten

Die Laufrunde eines Trimm-dich-Pfads ist meist zwei bis vier Kilometer lang, der Weg führt oft durch den Wald. Entlang der Strecke gibt es 15 bis 20 Stationen mit Übungen. Diese werden an einer Schautafel erläutert, genannt wird auch die empfohlene Zahl der Wiederholungen. Wer eine Runde absolviert, trainiert Ausdauer, Kraft, Koordination, macht Gymnastik und Yoga. "Der Grundgedanke dabei war ... , dass der Einzelne seine körperliche Gesundheit durch Sport aktiv und selbstverantwortlich erhalten und verbessern kann", informiert Michael Meindl. Der Heroldsbacher betreibt die Internetseite www.trimm-dich-pfad.com, auf der er die Standorte von Trimm-dich-Pfaden und ähnlichen Anlagen gesammelt hat. Allein in der nördlichen Oberpfalz kennt er zehn.

Rumpfkreisen

Fitness ist also nicht nur was für Spitzensportler. Eisenbeiß’ Gruppe läuft los. Vom Treffpunkt in der Feistelholzstraße im Wernberg-Köblitzer Ortsteil Oberköblitz bis zum Anfang des Trimm-dich-Pfads sind es nur ein paar Meter. Am Waldrand steht ein Schild, das die erste Übung beschreibt: Rumpfkreisen. Also Arme in die Höhe und Hüften schwingen, zehn Mal. Die Trainerin leitet die Übung an, ihre drei Klienten sowie Franz Käsbauer und Richard Ehemann von der Fußballabteilung des TSV DETAG-Wernberg (Drahtglaskickers) machen sie nach. Dann biegt die Gruppe ab in einen Weg zwischen Bahngleis und Wald – und läuft zur nächsten Station.

Traben

Noch eine Aufwärmübung steht an: Eisenbeiß macht sie wieder vor – die rechte Hand zum linken Fuß und umgekehrt, 10 Wiederholungen, das dauert kaum eine Minute. Etwa 200 Meter weiter ist ein Holzgestell aufgebaut. Laut Anleitung soll der Sportler Treppen steigen. „Wir wandeln ein bisschen ab“, sagt Eisenbeiß und macht mit ihren Begleitern eine Dehnübung.

Die sportbegeisterte 49-Jährige arbeitet in der Wäscherei von Dr. Loew in Wernberg-Köblitz. Weil ihr die Arbeit mit Menschen mit Handicap so viel Spaß bereitet, leitet sie ehrenamtlich die Laufgruppe. Zweimal die Woche läuft sie den Parcours mit zwei Gruppen, einer schnelleren und einer langsameren. Und trainieren so für den Nofi-Lauf, den Nordoberpfälzer Firmenlauf.

Durchhalten

Der Trimm-dich-Pfad von Wernberg-Köblitz verläuft entlang der Bahnstrecke Regensburg–Hof. Er führt durch eine Unterführung und auf der anderen Seite der Gleise zum Ort zurück. „Das Gelände ist sehr schön“, findet Eisenbeiß. Der gesandete Weg ist drei Kilometer lang und hat 20 Stationen. „Da musst dich schon zusammenreißen, wenn du alle Stationen machen willst“, sagt Bürgermeister Konrad Kiener, der die Gruppe ein Stück begleitet. Die Gemeinde kümmert sich um die Anlage, pflegt etwa die Rasenflächen mit den Turngeräten. Auch Familie Kiener nutzt den Parcours, dessen Übungen nicht ohne sind. An einer Reckstange soll der Sportler Klimmzüge machen, Anfänger fünf, Trainierte zehn. „Papi, zeig mal wie das geht“, soll Kieners Tochter ihn aufgefordert haben. Gelächter. An diesem Tag traut sich nur Walter Hofweber, die Übung vorzuturnen. „Super, Walter“, lobt die Trainerin.

Ein Video vom Training auf dem Trimm-dich-Pfad in Wernberg-Köblitz

Hindernisse überwinden

Einige Übungen, die beim Trimm-dich-Pfad vorgesehen sind, ändert Eisenbeiß ab, um die Verletzungsgefahr für ihre Klienten zu verringern. Wie den Flankensprung, den „machen wir nie“. Eisenbeiß und ihre Begleiter stützen sich mit den Händen am Holzbalken ab und heben abwechselnd ein Bein. „Mir ist wichtig, dass jeder was macht und dass die Übungen Spaß machen, sonst verlieren sie die Lust.“

Trotz der Änderungen ist sie begeistert vom Pfad. „Durch den Alltag, durch die Arbeit kommen die Gymnastik und das Motorische zu kurz“, findet sie. „Andere zahlen für ein Fitnessstudio“, den Parcours kann jeder kostenlos nutzen – „zu jeder Tages- und Nachtzeit“, ergänzt der Bürgermeister. Die Dr.-Loew-Gruppe trainiert Muskeln, Ausdauer und Beweglichkeit an der frischen Luft. „Ja, das gefällt mir gut“, findet Michael Bezold, einer der Sportler. Nur eins stört Eisenbeiß: „Was mir nicht gefällt, das sind die Schnaken.“ Naab und Ehenbach sind nah.

Austoben

Nach 1986 soll die Beliebtheit der Trimm-Dich-Pfade zurückgegangen sein, „da sich im Breitensport vor allem das aufkommende Joggen immer größerer Beliebtheit erfreute“, schreibt Meindl. Fitnessstudios wurden populärer und haben die Pfade aus den Köpfen vieler Freizeitsportler verdrängt. Nicht so in Wernberg-Köblitz. Dort wurde der Trimm-dich-Pfad erst 1992 gebaut. Fünf Jahre haben die Drahtglaskickers gespart, 10 000 DM und viele Arbeitsstunden investiert, „damit sich der Bürger von Wernberg-Köblitz austoben kann“, sagt Franz Käsbauer, der mit Richard Ehemann, den Parcours initiiert hat. 2009 wurde er renoviert, für 1000 Euro und viel Eigenleistung, erinnert sich Käsbauer. Nun nutzen ihn Gruppen wie die Fußballer, aber auch Einzelpersonen und Familien.

Schwung holen

Der Lauf der Trimm-dich-Bewegung in Deutschland ist langsamer geworden, viele betrachten die Parcours als angestaubt. Dabei ist Breitensport auch nach 50 Jahren noch wichtig: Mehr als die Hälfte der Erwachsenen ist übergewichtig, so das Ergebnis einer Studie des Robert-Koch-Instituts von 2017.

Abkühlen

Der Trimm-dich-Pfad ist also noch lange kein Auslaufmodell, dient sogar als Vorbild für modernere Sportanlagen. Etwa Calisthenics, ein Parcours für Krafttraining unter freiem Himmel. Einen solchen gibt es in Vilseck. Auf einem Platz in den Vilsauen, etwa zehn auf fünfzehn Meter, stehen mehrere Reckstangen in unterschiedlicher Höhe, erklärt Harald Kergl, Geschäftsleiter im Rathaus. Jeder kann sie benutzen, Motorik und Kraft trainieren, Muskeln aufbauen. Die Übungen sind auf Schildern beschrieben. „Etwas sportlicher und anspruchsvoller“ sei die Anlage im Vergleich zu einem Trimm-dich-Pfad, meint Kergl. 2019 wurde der 30 000 Euro teure Park eingeweiht.

Eine Jogging-Strecke ist bei Calisthenics nicht vorgesehen, weiß Kergl. Wer nach dem Kraftakt trotzdem laufen will, dreht eine Runde durch die Vilsauen, 2,3 Kilometer lang. Damit ist der Unterschied zum 50 Jahre alten Trimm-dich-Pfad gar nicht so groß.

Ein Artikel über den Calisthenics-Park in Vilseck

Vilseck
Info:

Sportanlagen in der Region

In der Region gibt es mehrere Trimm-dich-Pfade und Sport-Parcours:

  • Bewegungsparcours in Waldsassen, Stegwiesenstraße 6
  • Street-Workout-Anlage in Waldershof, Braustraße 13
  • Street-Workout-Anlage in Mitterteich, Am Bienapfel 3
  • Trimm-dich-Pfad in Wiesau, Kornthaner Weg 21
  • Calisthenics-Anlage in Eschenbach, Kalvarienbergsiedlung 28
  • Street-Workout-Anlage in Vilseck, Schloßgasse 9
  • Outdoor-Fitness-Parcours in Hirschbach, Keilbühl 2
  • Trimm-dich-Pfad in Sulzbach-Rosenberg an der Staatsstraße 2164
  • Outdoor-Fitness-Parcours in Wernberg-Köblitz, Keplerstraße 1
  • Trimm-dich-Pfad in Schwandorf, An der Schwefelquelle 12

Weitere Informationen und Standorte von Trimm-dich-Pfaden

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