30.03.2021 - 13:32 Uhr
WiesauOberpfalz

Landesgruppe der Sudetendeutschen erinnert in Wiesau an zwei Ereignisse ihrer Geschichte

Das Zusammenleben mit Tschechien muss auf der Grundlage der historischen Wahrheit gesichert werden. Diese Auffassung vertraten die Redner bei der Märzfeier der Sudetendeutschen Landsmannschaft (SL) in Wiesau.

Höhepunkt der Gedenkveranstaltung war die Niederlegung eines Blumengesteckes vor dem Mahnmal am Bahnhofsvorplatz. Von links Horst Adler, Dieter Heller, Adalbert Busl, Hannelore Heller, Steffen Hörtler, Toni Dutz, Bernhard Moder, Margaretha Michel und Andreas Schmalcz.
von Werner RoblProfil

Die Gedenkveranstaltung der SL-Landesgruppe Bayern erinnerte – coronabedingt diesmal verspätet - an die Demonstrationen, mit denen Sudetendeutsche am 4. März 1919 in Städten Böhmens, Mährens und Sudetenschlesiens für das Selbstbestimmungsrecht friedlich eingetreten waren. Die Sudetendeutschen forderten die Angliederung an Deutsch-Österreich, anstatt der Einverleibung des Sudetenlandes in das Hoheitsgebiet des tschechoslowakischen Staatsverbandes.

Tschechisches Militär erschoss 54 Teilnehmer, darunter auch Kinder und Greise. Rund 200 Sudetendeutsche wurden bei den Auseinandersetzungen verletzt. Sie gelten heute als die frühen Blutopfer einer verheerenden Nationalisierungswelle, die im und nach dem Zweiten Weltkrieg ihren Höhepunkt erreichte. Die Opfer erhielten keine Entschädigung. Die Schützen wurden nie ermittelt, geschweige denn bestraft. Für die Sudetendeutschen wurde der 4. März – als „Tag der Selbstbestimmung“ - zu einem Gedenktag.

Weiterer Anlass für das jüngste Treffen in Wiesau der SL-Landesgruppe war das Gedenken an den Beginn der Vertreibung. Am 25. Februar 1946 traf der erste Transportzug aus Eger ein. Das Ereignis ist eng mit der oberpfälzischen Marktgemeinde Wiesau bzw. mit dem ehemaligen Grenzlager im Osten Wiesaus verbunden. „Wiesau steht zur Geschichte.“ Das Thema sei wichtiger denn je, machte Landesobmann Steffen Hörtler in seiner Rede deutlich und sprach von einem „eiskalt geplanten Nachkriegsverbrechen“.

Mithilfe beim Wiederaufbau

Kein Racheakt gewesen sei die Vertreibung der Sudetendeutschen, sagte Hörtler. „Die Sudetendeutschen kamen mit Nichts. Sie halfen beim Wiederaufbau Deutschlands mit.“ Zudem, so Hörtler, „haben sie die Verfassung Bayerns bzw. das Grundgesetz ihrer neuen Heimat angenommen.“ Hörtler rechnete vor: „Damals war jeder 4. Einwohner Bayerns ein Vertriebener.“ Solch ein Unrecht dürfe nie wieder passieren, mahnte Hörtler. "Die Geschichte hat jedoch gezeigt, dass diese Forderungen oft nur Worthülsen sind. Auch heute noch werden Menschen zur Flucht gezwungen“, erinnerte Hörtler an die Flüchtlinge, die derzeit aus den Krisengebieten anderswo nach Schutz suchen.

Auch die Sudetendeutsche Landsmannschaft sei froh darüber, dass sich das Verhältnis zum östlichen Nachbarn deutlich verbessert habe, unterstrich der Landesobmann mit Blick auf den beiderseitigen Dialog hüben und drüben des ehemaligen „Eisernen Vorhanges“. „Wir halten am Dialog und an der Freundschaft zum Partner in Tschechien fest.“ Im Namen der SL-Landesgruppe dankte Hörtler dem Gastgeber, Bürgermeister Toni Dutz, dass die Feier, trotz Corona und im kleinen Kreis, in Wiesau ermöglicht wurde.

Erzählungen von der Vertreibung

Der Einladung folgten neben dem Landesvorsitzenden Steffen Hörtler die stellvertretende Landesobfrau Margaretha Michel, Landesschatzmeister Hannelore und Dieter Heller, Schriftführer und Bezirksvorstand Niederbayern-Oberpfalz, Bernhard Moder und der Mitarbeiter der Landesgeschäftsstelle, Andreas Schmalcz. Gekommen waren zudem der Wiesauer Heimatforscher Adalbert Busl und der Kreisvorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft und Ehrenbürger der Stadt Asch, Horst Adler aus Tirschenreuth.

Die Redepausen nutzen die Gäste, um von ihren Erfahrungen, bzw. denen ihrer Angehörigen während der Vertreibung zu erzählen. Laut Hörtler freue sich die Sudetendeutsche Landsmannschaft über die regelmäßigen positiven Rückmeldungen. „Die Aufarbeitung der Geschichte des Sudetenlandes bzw. der einstigen Bewohner stößt auf großes Interesse“, informierte der Landesobmann. „Wir werden nicht müde, auch nach 75 Jahren an die Vertreibung zu erinnern.“

„Die Sudetendeutschen waren eine Bereicherung. Sie brachten ihre Kultur und ihr handwerkliches Können nach Wiesau und trugen zum Aufbau der Wirtschaft bei.“

Bürgermeister Toni Dutz

Bürgermeister Toni Dutz, dessen Vorfahren aus dem Sudetenland stammten, erinnerte an die Aufnahme der damaligen Neubürger in Wiesau: „Die Sudetendeutschen waren eine Bereicherung. Sie brachten ihre Kultur und ihr handwerkliches Können nach Wiesau und trugen zum Aufbau der Wirtschaft bei.“ Dazu sagte der Tirschenreuther Kreisvorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Horst Adler: „Allein in Tirschenreuth zählte man seinerzeit 60 Betriebe bzw. Unternehmen, die von den Vertriebenen gegründet wurden. Ich bedanke mich, dass wir wieder einmal in Wiesau sein dürfen“, fügte Horst Adler hinzu.

„Wir dürfen den Kontakt zu den Freunden in Tschechien nicht abreißen lassen“, mahnte Bürgermeister Dutz. Er rückte auch die Planungen für den künftigen „Kulturbahnhof“ ins Licht. „Die Themen Vertreibung und Grenzlager werden wir dort mit einbinden“, versprach das Gemeindeoberhaupt. Höhepunkt der Gedenkveranstaltung war die Niederlegung eines Blumengesteckes am Vertriebenenmahnmal am Vorplatz des Bahnhofes.

Der Festakt im Rathaus erinnerte an die Demonstration der Sudetendeutschen am 4. März und an den Beginn der Vertreibung im Februar 1946. Im Bild (von links): Hannelore Heller, Margaretha Michel, Wiesaus Bürgermeister Toni Dutz, Steffen Hörtler und Bernhard Moder.

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