06.12.2021 - 10:49 Uhr
WiesauOberpfalz

In Wiesau verschwindet ein Haus mit Geschichte

Das Anwesen Kirchplatz 12 in Wiesau ist untrennbar mit der „Härtl-Anna“ verbunden. Lange Zeit stand es leer. Zum Bedauern vieler Wiesauer verschwindet der ehemalige Laden jetzt ganz aus dem Ortsbild. Derzeit läuft der Abriss.

Eigentümer des Geschäftshauses (links) war um die Jahrhundertwende Werner Eckmeyer. Rechts im Bild die ehemalige Fleischbank.
von Werner RoblProfil

Im Dezember 1993 verstarb die Älteste der beiden Härtl-Schwestern, Anna. Sie wurde 87 Jahre alt. Ihre zwei Jahre jüngere Schwester Maria folgte ihr zwei Jahre später. Seitdem sind die Räume am Kirchplatz 12 in Wiesau verwaist. Jetzt wird das Gebäude abgerissen. Das freundliche „Ja, wer kummt denn dou?“, mit dem Anna Härtl die Kunden im Laden begrüßte und ihr Abschiedsgruß „Kummt’s fei wieder“ wurden zur Legende. Meist stand Anna Härtl am Verkaufstresen. Maria Härtl arbeitete meist im Hintergrund.

In der Gemischtwarenhandlung „Geschwister Härtl oHG“ konnte man alles kaufen, was man für den täglichen Bedarf benötigte. Angefangen von der Zahnbürste über Rasierzeug bis zu Küchenschürzen und Kurzwaren – es war eigentlich alles vorrätig. Das Ladenbild prägten eine große Tiefkühltruhe, zwei hohe Waagen, Regale. In einer Schublade befanden sich weiße Blechschüsselchen mit Wechselgeld beziehungsweise der Tageseinnahme. Abgerechnet wurde mit einem dicken Bleistift auf einem schmalen Zettelblock.

Rund-um-die-Uhr-Einkauf

Im Krämerladen am Kirchplatz war es gang und gäbe, dass vieles offen verkauft wurde: Schokolade, das Einzelstück für 5 oder 15 Pfennige, Zucker, Grieß und Mehl, das in braune Tüten gefüllt wurde. Wollte man Brat- oder eingelegte Heringe haben, so musste man, um den Appetit daheim stillen zu können, eine geeignete Schüssel mitbringen. Es gab auch eine andere Besonderheit, für die das Geschäft bekannt wurde: Gleich nach Ladenschluss öffnete sich der Nebeneingang: Mit den Worten „Mir hob'n allerweil offen“ luden Anna und Maria Härtl zum vielgenutzten Rund-um-die-Uhr-Einkauf (auch an Sonn- und Feiertagen) ein.

Erstes Geschäft

Kurz zur Geschichte des Hauses Kirchplatz 12: 1823 wurde das Grundstück vom Staat gekauft und ein Haus darauf gebaut. Die von Adalbert Busl und Manfred Steinberger 1984 herausgegebene Ortschronik informiert: Das Haus, wie man es bis zuletzt kannte, wurde 1879 neu errichtet. Erster Besitzer war Georg Andreas Konz. Unter den bekannten Namen tauchen auch die Krämer Johann Kuchenreuther, Wolfgang Eckmeyer und Josef Härtl auf. Die Ära der Geschäftsfrauen Anna und Maria Härtl begann im Jahr 1948. Auf einer über den Regalen angebrachten Tafel war bis zuletzt zu lesen: „Erstes und ältestes Geschäft in Wiesau. Über 100 Jahre.“

Nur wenige wissen, dass sich im Haus Kirchplatz 12 die erste Apotheke Wiesaus befand. Der Pharmazeut Mayr errichtete eine Filiale der Waldsassener Klosterapotheke. Mayr habe sie im Anwesen Kirchplatz 12 betrieben, berichtet die Wiesauer Chronik.

Auf Medizin folgen Lebensmittel

Ferner ist dort zu lesen, dass Wiesau neben Waldsassen der einzige Ort im Landgerichtsbezirk Waldsassen war, in dem sich um 1840 eine Apotheke befand. 1862 wurde diese nach Mitterteich verlegt. Statt mit Medizin wurde am Kirchplatz in Wiesau wenig später mit Lebensmitteln gehandelt.

Zwei Weltkriege, Inflation und Währungsreform musste das Haus am Kirchplatz überstehen. Begleitet wurde die Zeit unter anderem von Rabattmarken, Lebensmittel-Knappheit und -Rationierung. Das historische Anwesen, wo viele Menschen ein- und ausgingen, könnte also viel erzählen, wenn das möglich wäre. Legendär wurde das unverheiratete Krämer-Geschwisterpaar Anna und Maria Härtl, das auch gegen die aufkommenden Selbstbedienungsgeschäfte und Supermärkte ankämpfen musste. Ein Nachfolger, der den Laden weitergeführt hätte, fand sich nicht.

Ladestation für E-Bikes

Bis vor einigen Jahren befand sich das Gebäude in Privatbesitz der Erben. 2018 erwarb es die Marktgemeinde Wiesau. Dem Kauf vorangegangen war ein Gemeinderatsbeschluss ein Jahr zuvor. Der Versuch, für das dem Verfall preisgegebene Haus einen neuen Besitzer zu finden, scheiterte. Vor wenigen Tagen rückten nun Baumaschinen an, um den vom Gemeinderat beschlossenen Rückbau einzuleiten. Den Auftrag bekam die Firma Fickenscher aus Sparneck. Ein neues Gebäude sei dort – so Thorsten Meiler vom Bauamt Wiesau – nicht geplant. Das Grundstück soll nach dem endgültigen Rückbau als Grünfläche genutzt werden. Zudem soll - wo einmal die Ladentüre war - eine Ladestation für E-Bikes errichtet werden. Die von staatlicher Seite geförderten Rückbau-Kosten beziffert die Gemeindeverwaltung Wiesau auf rund 70.000 Euro.

Übrigens: Die bereits erwähnte Tafel „Erstes und ältestes Geschäft in Wiesau. Über 100 Jahre" konnte, kurz bevor der Abriss begann, auf Bitte eines gebürtigen Wiesauers sichergestellt werden. Sie soll – aber nur als Kopie – im künftigen Kulturbahnhof Wiesau einen würdigen Platz finden, um an die Geschwister Anna und Maria Härtl zu erinnern.

In Waldsassen ist das ehemalige Seniorenheim St. Maria abgebrochen worden

Waldsassen

„Ja, wer kummt denn dou.“

So begrüßte die langjährige Ladeninhaberin Anna Härtl ihre Kunden

 

 

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