27.08.2021 - 16:00 Uhr
WunsiedelOberpfalz

Lydia Steiner ist neue Chefin von "Ressi-Freund"

Über 20 Jahre arbeitete Lydia Steiner in der Fahrradbranche. Nun hat sie ihren Lebensmittelpunkt von Kulmain nach Tröstau verlagert. Bei "Ressi-Freund" packt sie als neue Chefin bei der Produktion der Salatsoße an.

Die Oberpfälzerin Lydia Steiner ist seit Anfang April diesen Jahres die neue Chefin bei Ressi-Freund in Tröstau. In den Eichenfässern hinter ihr reift die bekannte Essig-Soße heran.
von Lucia Brunner Kontakt Profil

Schon beim Betreten des Werksverkauf steigt der süß-saure Geruch in die Nase. Nebenan füllt eine Mitarbeiterin per Hand Essigsoße, die zuvor in Eichenfässern heranreifte, in Kanister ab. Die Lagerregale von "Ressi-Freund" in Tröstau sind vor dem Betriebsurlaub gut gefüllt. Am Tag werden mehrere Tonnen an Supermärkte, Dorfläden oder Metzgereien in der Region geliefert. "Im Sommer ist die Hauptzeit für die Produktion", sagt die frischgebackene Chefin Lydia Steiner. Die Oberpfälzerin weiß: "Es ist Einmachzeit."

Steiner hat im April das 60 Jahre alte Familienunternehmen übernommen. Dieser Schritt in die Selbstständigkeit kam für die 42-Jährige überraschend. Denn zuvor war sie 21 Jahre in der Mountainbike-Branche tätig. "Ich habe alles gemacht, was mit Verkauf und Vertrieb zu tun hatte. Ich war im Außen- und Innendienst beschäftigt", sagt Steiner. 15 Jahre war sie bei Cube in Waldershof. "Dann war ich eineinhalb Jahre bei einem Schweizer Pedelec-Hersteller. Dort wurde ich dann von BH-Bikes abgeworben", erzählt sie offen.

Zur Nachfolgerin erklärt

Die vergangenen sechs Jahre hat sie im Vertriebs-Außendienst gearbeitet. "Ich war bayernweit unterwegs." Sie machte Produktvorstellungen, holte Aufträge ein und war mit der betrieblichen Zweigstelle in Aschaffenburg im Austausch. "Ein bis zwei Mal im Jahr sind wir nach Spanien in die Zentrale im Baskenland geflogen", erzählt sie. Bei einem Motorradurlaub auf der portugiesischen Insel Madeira im März 2020 lernte sie das Ehepaar Gerhard und Gitti Pachel kennen. Man war sich schnell sympathisch und wollte nach dem Urlaub in Kontakt bleiben. Im Juli ist sie spontan nach Tröstau gefahren, um dem Ehepaar "Hallo" zu sagen. Bei einer Unterhaltung sagte Gitti Pachel zu Lydia Steiner: "Wir wollen in Rente gehen. Du wärst die perfekte Nachfolgerin für uns." Noch heute bekommt Steiner Gänsehaut, wenn sie an diesen Moment denkt.

Etwas überrumpelt hat sie sich die Zeit genommen, sich diesen Schritt zu überlegen. "Ich liebe die Essigsoße und kenne sie schon von meiner Oma", sagt sie. Sie fragte bei dem Ehepaar noch einmal nach, ob es das wirklich ernst meinte. "Wenige Tage später haben wir darüber gesprochen, wie wir das angehen wollen." Es folgten ein Businessplan, Termine auf der Bank und beim Steuerberater. "Nach etwa vier Wochen stand fest, dass ich das machen wollte." Die Corona-Pandemie erschwerte Vieles: "Man musste lange auf Infos und Angebote warten." Im Dezember 2020 kündigte Lydia Steiner bei BH-Bikes. Sie verkaufte ihr Haus in Kulmain und zog schließlich nach Tröstau.

Abläufe kennenlernen

"Seither habe ich mich um die Übernahme gekümmert." Ab der zweiten Märzwoche diesen Jahres war sie mit in der Firma, um Abläufe und Mitarbeiter kennenzulernen. "Ich habe mit dem Fahrer ausgeliefert. Gerhard Pachel, der vorherige Chef, hat mir zwei Monate in der Übergangszeit geholfen." Am 1. April war die offizielle Übergabe. "Ich musste mich erst in die Prozesse einfinden", gibt sie zu. "Ich mache alles mit. Überwiegend bin ich im Büro, wo ich von zwei Teilzeitkräften unterstützt werde."

Corona stellt die neue Chefin vor Herausforderungen. "Durch die Pandemie ist die Sorge da, wo man das Material für die Produktion her bekommt." So herrsche derzeit eine Knappheit an Plastik und Pappe. "Das trifft uns schon auch. Wir haben jetzt gut eingekauft und es ist Lagerware für etwa drei Wochen vorhanden." In ihrer neuen Firma hat Lydia Steiner sieben Mitarbeiter, die alle in Teilzeit arbeiten. Sechs Frauen und ein Mann. "Wir haben eine hohe Frauenquote", sagt Steiner. "Die älteste Mitarbeiterin ist Vorarbeiterin Kornelia Behrendt. Sie wird 60 Jahre alt und feiert am 1. September ihr zehntes Jubiläum." Alle Mitarbeiter hätten Freude an der Arbeit. "Sie sind sehr selbstständig und planen alles selbst. So etwas hat es in der Fahrradbranche nicht gegeben." Zwischen der neuen Chefin und den Mitarbeitern herrscht ein freundschaftlicher Ton. Lydia möchte, dass das auch in Zukunft so bleibt: "Ich möchte das meine Mitarbeiter weiter gerne hier arbeiten." Daher versucht sie auch, die Beschäftigten zu fördern. Kurz nach der Übernahme wurde der Vorschlag, einen Staplerschein zu machen, gut angenommen. "Sonst hatte das immer der ehemalige Chef übernommen. Ich selbst hatte auch keinen Schein. Drei Mädels aus der Produktion haben dann gefragt, ob sie mitmachen dürfen." Für zwei Tage gab es eine Inhouse-Schulung mit Theorie und Praxis. "Der Prüfer hatte das erste Mal eine reine Frauentruppe", sagt Steiner.

Unabhängig sein

An ihrer neuen Tätigkeit gefällt Lydia Steiner, dass sie nun unabhängiger Entscheidungen treffen kann. "Ich muss jetzt nicht mehr lange warten, bis jemand anders eine Entscheidung trifft. Ich hatte in der Fahrradbranche auch Freiheiten, hier ist das jetzt aber anders." Für die Zukunft will Steiner, dass das Unternehmen weiter wächst. Dafür krempelt sie auch einiges um. Seit April hat sie ein neues EDV- und Warenwirtschafts-System eingeführt. Die Produktionshalle wurde aufgeräumt und Platz geschaffen. Zudem nutzt Steiner verstärkt die sozialen Medien wie Facebook und Instagram, um den Bekanntheitsgrad ihrer Marke zu steigern. Bislang geht das Einzugsgebiet von Hof in Oberfranken im Norden bis in den Schwandorfer Raum in den Süden der Oberpfalz. Das soll weiter ausgebaut werden.

Im Werksverkauf wurde die Produktpalette der Gewürze von 30 auf 100 aufgestockt. Kunden nehmen das Angebot an. "Da im Lockdown die Wochenmärkte ausblieben, kamen viele zu uns", sagt Steiner. Zudem machte die 42-Jährige aus dem Produktionsvertrieb die "Ressi-Freund" GmbH & Co. KG. Ab Herbst soll die Homepage modernisiert werden. "Das Online-Geschäft soll erweitert werden." Zudem will sie künftig auch ein bis zwei Tage in der Woche für den Vertrieb rausfahren. Am Rezept ihrer Salatsoße will Steiner aber nichts verändern und verspricht: "Da steckt echtes Handwerk drin. Die Soße wird weiter nach althergebrachter Rezeptur produziert."

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Hintergrund:

Vom Produktionsvertrieb zur GmbH und Co. KG

  • Das Familienunternehmen "Ressi-" Freund wurde vor 60 Jahren gegründet.
  • 22 Jahre hat Gerhard Pachel den Produktionsbetrieb in Tröstau geführt.
  • Seit 1. April ist Lydia Steiner die Chefin. Sie wandelte das Unternehmen in eine GmbH & Co. KG um.
  • Die Salatsoße wird in Eichenfässern produziert. Brantweinessig wird mit Gewürzen, Obst- und Gemüse angereichert.
  • Per Hand wird das Produkt in Flaschen und Kanister abgefüllt, mehrere Tonnen werden am Tag an regionale Verkaufsstellen ausgeliefert, online oder per Werksverkauf an die Kunden gebracht.

 

 

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