04.11.2020 - 16:16 Uhr
WunsiedelOberpfalz

Zeichen für weltoffene Stadt

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Es sind nur bunte Leuchten auf dem Wunsiedler Marktplatz. Aber diese stehen für die Haltung einer Stadt. Das überzeugt die Jury eines bundesweiten Wettbewerbs.

Die bunten Marktplatzleuchten stehen sinnbildlich für das bunte, weltoffene Wunsiedel, erklärt Juku-Mobil-Projektleiter Stefan Frank.
von Autor FPHProfil

Auch wenn es einige Rechtsradikale offenbar nicht kapieren wollen: Wunsiedel ist eine menschenfreundliche, weltoffene und bunte Stadt. Dies ist nicht nur am Tag des jährlichen Neonazi-Aufmarsches spürbar, sondern seit ziemlich genau einem Jahr in den Abendstunden deutlich sichtbar – wenn der Marktplatz heimelig-bunt leuchtet. Dafür verantwortlich ist die Jugendkunstschule des Landkreises Wunsiedel Juku-Mobil. Dessen Leiter Stefan Frank hatte die Idee, den Marktplatz in freundlichen Farben zu illuminieren. Das hat die Juroren des deutschlandweiten Wettbewerbs „Rauskommen. Der Jugendkunstschuleffekt 2020“ derart beeindruckt, dass sie das Wunsiedler Projekt als eines der zehn kreativsten kürten.

Es ist nur eine sachlich gestaltete Urkunde im DIN-A4-Format, die in Stefan Franks Büro am Marktplatz hängt. Aber sie zeigt, dass auch in der vermeintlichen Provinz Kultur gedeiht. „Ja, ich bin mächtig stolz“, sagt Frank und nimmt die Urkunde von der Wand. Immerhin war der Wettbewerb des Bundesverbandes der Jugendkunstschulen und kulturpädagogischen Einrichtungen so stark besetzt wie noch nie. 135 Kunstschulen haben teilgenommen und ihre Projekte vorgestellt, mit denen sie Kindern und Jugendlichen einen Zugang zur kulturellen Bildung ermöglichen wollen.

Äußerst vielfältig

Der Juku-Mobil-Ansatz ist eigentlich ein ganz einfacher: Am Tag, als „Wunsiedel ist bunt“ mit einem fröhlichen Fest die im Wunsiedler Nordosten marschierenden Neonazis in die Grenzen wies, sperrte Stefan Frank sein Büro am Marktplatz auf, in dem sich ein ganzer Stapel durchsichtiger Plexiglasscheiben befand. Im Laufe der nächsten Stunden malten Kinder, Jugendliche, aber auch Senioren auf die Scheiben bunte Bilder, die so vielfältig sind wie die Stadt. „Die einen haben abstrakte Gemälde gemalt, andere ihren Hund, einen Christbaum und und und.“

Im Laufe der nächsten Wochen wiederholte Frank während des Weihnachtsmarktes die Aktion mehrmals, bis fast alle Scheiben kleine Kunstwerke waren. „Damit wollen wir das Lebensgefühl in unserer Stadt ausdrücken: Es ist die pralle Vielfalt, die sie ausmacht.“

Eigentlich längst ausgedient

Die Plexiglasscheiben an den Marktplatz-Laternen hatten eigentlich längst ausgedient. Die Stadt hatte die alten energiefressenden Leuchten gegen sparsame LEDs getauscht. „Und da diese mit der Zeit heiß werden, muss man sie kühlen. Ursprünglich sollten die Scheiben daher nicht wieder eingebaut werden“, erzählt Stefan Frank. Das erklärt auch, warum an jeder Laterne eine, meist sogar zwei Scheiben fehlen. Durch die Spalten kommt nun dennoch genügend kühlende Luft an die LED-Einheiten. Der Juku-Mobil-Leiter hatte Glück, dass das Kommunalunternehmen Wun-Infrastruktur das Plexiglas nicht entsorgt, sondern aufbewahrt hatte – man kann schließlich nie wissen, für was die Scheiben noch gut sind.

Heute sind sie ein Symbol für eine Stadt, die sich den rechten Marschierern nie gebeugt hat, eben weil hier ein Ali, eine Aleksandra oder ein Pasquale ebenso willkommen sind und dazugehören wie ein Hans, eine Maria oder eine Laura. „Die Scheiben-Mal-Aktion war unser erstes Projekt. Dass wir damit in dem Wettbewerb so weit vorne lagen, freut mich riesig.“

Wir wollen den Kindern nicht vorgeben, wie am Ende etwas auszusehen hat, denn das entwickelt sich im Laufe eines Nachmittags von ganz alleine.

Stefan Frank

Noch ist das Juku-Mobil selbst ein Projekt, das gerade mal bis Ende 2021 finanziell gesichert ist. Doch Frank, der 20 Wochenstunden als Leiter arbeitet, will die mobile Jugendkunstschule im Landkreis institutionalisieren. Daher haben er und weitere Interessierte, unter ihnen mehrere Politiker aus dem Landkreis, den Förderverein „Juku Fichtelgebirge“ gegründet, der bereits jetzt Projekte finanziert, für die ansonsten kein Geld zur Verfügung stehen würde.

Ergebnisoffen

In den vergangenen Monaten machte das Juku-Mobil mit dem Kleinbus im ganzen Landkreis Station. Ein Kernteam von acht Künstlern aus der Region schult Kinder und Jugendliche im Umgang mit den unterschiedlichsten Kunst- und Kunsthandwerktechniken. „Der künstlerische Ansatz ist immer ergebnisoffen. Wir wollen den Kindern nicht vorgeben, wie am Ende etwas auszusehen hat, denn das entwickelt sich im Laufe eines Nachmittags von ganz alleine“, sagt Frank. Die Künstler arbeiten nicht ehrenamtlich, sondern erhalten ein Honorar. Darauf legt der Juku-Mobil-Leiter wert. „Wir wollen professionelle Arbeit bieten, das ist unser Anspruch. Und dazu gehört eben auch ein Honorar.“

Es sind nicht nur die Kinder, die bei den Juku-Mobil-Aktionen viel lernen. „Ein wesentlicher Teil des künstlerischen Schaffens ist es ja, sich immer wieder in Frage zu stellen und neue Perspektiven einzunehmen. Wer kann das besser als Kinder? Bei der Arbeit gibt man nicht nur, man empfängt auch unheimlich viel.“ So wird Frank wohl nie vergessen, wie er am letzten Sommerferientag nach dem Projektnachmittag die Materialien aufräumte und unvermittelt ein Mädchen vor ihm stand. Sie sagte, dass dies ihr schönster Ferientag gewesen sei. Und ein Junge gestand nach einem Nachmittag im Vorwerk, dass er ja eigentlich so überhaupt keine Lust gehabt habe, zu der Aktion zu gehen. „Dann hätte ich mich aber furchtbar geärgert, weil ich echt was versäumt hätte“, sagte der junge Künstler.

Hintergrund:

Die Jugendkunstschule Juku-Mobil hat beim bundesweiten Wettbewerb „Rauskommen! Der Jugendkunstschuleffekt 2020“, den das Bundesfamilienministerium unterstützt, eine Anerkennungsurkunde erhalten, weil die Juroren das Leuchten-Projekt als eines der zehn besten unter 135 Teilnehmern erachtet haben. Auf der Urkunde heißt es: „Die Juku-Fichtelgebirge hat sich mit ,Wunsiedel ist bunt‘ unter den zehn besten Einreichungen der Ausschreibung 2020 platzieren können und zeigt damit, dass sie sich in besonderer Weise – geografisch und mental – bewegt hat: an neue Orte, durch ungewöhnliche Formate, zusammen mit bislang unerreichten, bildungshungrigen Kindern und Jugendlichen, interessanten Kooperationspartnern oder in virtuellen, jungen Lebensrealitäten. Die Einreichung trägt damit dazu bei, die Zugänglichkeit zu künstlerisch-kultureller Bildung für alle Kinder und Jugendliche zu verbessern.“

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Wunsiedel

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